Hedonistische Reizüberflutung

Hedonistische Reizüberflutung

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Anhä…was? Anhedonia. Das ist die Unfähigkeit, Freude oder Lust zu empfinden. Steht jedenfalls so bei Wikipedia. Und: Anhedonie ist das Thema des ersten Kinofilms von Patrick Siegfried Zimmer. Steht so in der Pressemappe. Klingt zunächst alles nach  ziemlich ernsten Stoff. Wofür wir bekannt sind: Trash mit (tiefsinnig) Substanz. Allerdings machen wir diesmal eine Ausnahme: Bei dem Film ist das Gegenteil der Fall. Hashtag: OffenFürNeues.

SLEAZE.Anhedonia4Es ist das Jahr 2020 und die Menschen sind Opfer der digitalen Welt. Aufgrund der Dauerberieselung und Überflutung von mehr oder weniger sinnvollen Informationen, sind hunderte von Menschen gleichzeitig an Anhedonie erkrankt. Prof. Dr. Immanuel Young möchte diesen Leuten durch seine Lust-Stimuli-Therapie helfen. Als Patienten treffen die Brüder Franz und Fritz Freudenthal nun im Haus „Seelenfrieden“ ein, um diese Krankheit zu besiegen und wieder positive Emotionen verspüren zu können. Je weniger man über die Handlung dieses Filmes im Vorfeld weiß, desto mehr Lust und Freude wird man an ihm haben. Und das ist garantiert mehr, als den Protagonisten gegönnt ist.

Es handelt sich zwar um eine satirische Komödie, doch gibt es viel mehr zu entdecken, als man von einer deutschen Komödie erwartet. Das Beste sind die verschiedenen Ebenen. Nicht wie die Traumebenen bei Inception, sondern schon eher wie in der Truman Show – nur märchenhafter und den Charakteren ist einigermaßen klar, was sie da tun. Robert Stadlober spielt nicht nur die Hauptrolle, er ist auch Co-Regisseur und Mit-Produzent. Mehr hat nur Regisseur Patrick gemacht, der dazu auch noch Produzent, Autor, Kostümbildner SLEAZE.Anhedonia3und Komponist ist. Bereits 2011 hat er angefangen, an Anhedonia zu arbeiten. Damit liegt Patrick und Robert der Film definitiv sehr am Herzen, was man auch an Robert Stadlobers schauspielerischer Leistung sehen kann. Als Franz Freudenthal durchlebt er die verschiedensten Emotionen und vereint gleich drei Personen in seiner Rolle. Die gesamte Besetzung sind nicht einfach nur Darsteller, viele haben sich einen Namen gemacht als Theaterschauspieler und Musiker. Als Erzähler brilliert Blixa Bargeld, der seinen Text sogar auf den Bildschirm projiziert bekommt. Den Theatereinfluss von Anhedonia merkt man besonders an der Spielweise und auch am Humor. Lustige Momente werden geschaffen durch verschiedene Stimmlagen, es gibt eine Lachspur wie in amerikanischen Sitcoms und das Licht spielt eine große Rolle. Die Beleuchtung zeigt, in welchem Handlungsstrang man sich gerade befindet und die Charakterveränderung von Marie-Estelle (gespielt von Paula Kalenberg) bei jedem Wechsel ist besonders gelungen.

Auffällig sind die vielen fritz-kolas, die Matthias Scheurings Rolle zur Beruhigung braucht, und das Lieblingswort der Figuren hier ist Establishment. Allerdings ist diese unterschwellige Kritik gegenüber Medien nichts Neues und auch die Idee der Emotionslosigkeit und Abstumpfung durch zu viel Nutzung ist bekannt. Charme hat Anhedonia aber vor allem durch die maßlos übertriebenen Ausraster und Formulierungen, die im Nachhinein zum Glück einen Sinn ergeben. Überhaupt wundert man sich lange über diese Zukunftsvision, da das Jahr 2020 gar nicht so weit weg ist. Doch ahnt man, dass da noch etwas kommen muss. Die Kostüme sind aufwändig genauso wie die Gestaltung der Drehorte.SLEAZE.Anhedonia

Ein abwechslungsreicher Film mit Theaterflair, der vor allem durch die tolle Umsetzung und leidenschaftliche Darsteller auffällt. Da das Thema der Mediensucht schon oft genutzt wurde, lässt die Botschaft von Anhedonia Platz für Interpretation. Doch birgt dieser Film so viel Unerwartetes, dass vielleicht genau darin die Satire liegt.

Maurin

Titel: Anhedonia – „Narzissmus als Narkose“
Regie: Patrick Siegfried Zimmer
Dauer: 80 Minuten
VÖ: 31.03.2016
Verleih: Interzone Pictures

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