Hardcore von einem anderen Stern

Hardcore von einem anderen Stern

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sleaze.coheedandcambriaCoheed and Cambria beamen sich nach sieben gefeierten Alben zurück auf die Erde. Die progressive Post-Hardcore-Band um Claudio Sanchez füllte mit ihrer Musik bisher nicht nur Ohren und Köpfe mit den düsteren Galaxien der The Amory Wars-Saga, einer fiktiven Geschichte, mit der sich der Frontsänger und Gitarrist sein eigenes kleines Universum zusammenspann. Insgesamt mehr als 20 Comicbücher ergänzen das Konzept, das mit dem nun erscheinenden achten Album vorerst abgeschlossen ist.
Es war „wie ein Vorhang, hinter dem man sich verstecken konnte“, so Claudio. In seiner selbsterschaffenen Parallelwelt konnte er in fremde Charaktere schlüpfen, sich durch außerirdische Figuren eine Stimme verschaffen und dennoch das verarbeiten, was ihn im eigenen Innerspace (Achtung: Anspielung auf die gleichnamige Sciencefiktion-Sendung aus dem Jahr 1987) beschäftigte.
Das am 09. Oktober erscheinende Album The Color Before The Sun wurde von Jay Joyce produziert und macht damit Schluss. Sie kennt keine Limitierungen mehr und ist die ehrlichste Platte der 2001 gegründeten Band aus New York. Der schimmernde Vorhang wird beiseite geschoben und zeigt uns Jay Joyce’ eigene Perspektive:
Und die beginnt mit einer Lautsprecherdurchsage. Es rüttelt und ehe man sich versieht, findet man sich auf einer einsamen Insel wieder. Während Claudio davon singt, zur Küste zurück zu schwimmen (Island), fragt man sich, warum er nicht bleiben will. Denn weiterhören will man. Und noch ein bisschen weiter den stimmigen Refrains lauschen, die sich aus schmutzigen Shouts auflösen wie Schäfchenwolken vor dem Sternenhimmel, wenn der Mond durchscheint. Manchmal stellen sich sogar die Haare auf den Armen zu einer Gänsehaut auf – wegen der nervig summenden Mücken, die man sich aus dem Gesicht schlagen will und dann merkt, dass es doch der Klang eines ungewohnten Gitarrenriffs ist, das sich ins Trommelfell sleaze.coheedandcambria.coverbohrt? Geist über Materie! Und Liebe über alles andere. Denn Claudio hat auch ein paar kleine romantische Puzzleteile eingebaut, indem er mit Here to Mars, der leidenschaftlichen Liebeserklärung an seine Frau, zwischen Schlagzeug und Gitarre ein bisschen Gefühl einstreut.
Dann folgt der fünfte Track, der wie eine Spiegelachse funktioniert. Die akustische Mitte, der ruhige Kern, das gleichmäßig schlagende Herz der Platte, auf beiden Seiten von klangerfüllter Atmosphäre umgeben. Ein Stein in der Brandung, den man auch metaphorisch verstehen kann mit dem Wissen, dass sich Claudio fragt, was es heißt, Vater zu sein.
Diese Stimmungssymmetrie kommt einem ein wenig durchschaubar vor, denn wie zu erwarten gibt es in der zweiten Albumhälfte noch mal einen kräftigen Aufschwung mit einem Song, der Claudios Sohn Atlas gewidmet ist.
Dennoch lassen Coheed and Cambria einen nicht im Stich, wenn man kurz befürchtet, die Platte würde mit Peace to the Mountain mit einem schlafliedähnlichen Singsang enden. Nein, lieber gleich mit Streichern und Trompeten. Und dann verläuft sich das Ganze langsam im Sande wie eine schäumende Welle am Strand einer Insel.
Selbst wenn sie den Schleier bald wieder überstreifen und in anderen Galaxien weiterzeichnen, haben uns Cambria und Coheed gezeigt, dass ihre eigene Geschichte vielleicht auch gar nicht soo langweilig ist. Aber vielleicht machen sie aus dem vorzeitigen Punkt hinter ihrer Amory Wars-Skizze bald doch wieder ein Semikolon.

Laurie

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