Halloween Kills: Hysterie in Haddonfield

Halloween Kills: Hysterie in Haddonfield

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Schon vor drei Jahren begegneten wir dem Mythos mit der Schwere einer dunklen Vergangenheit. Damals im Herbst 2018 erschien mit Halloween der Nachfolger zum gleichnamigen Kult-Slasher von 1978, der zugleich eine neue erzählerische Kontinuität abseits der zahlreichen Sequels etablierte.SLEAZE + Halloween Kills

Hauptfigur Laurie Strode (Jamie Lee Curtis) traf nach vierzig Jahren erneut auf den Mörder Michael Myers (James Jude Courtney & Nick Castle), der die Kleinstadt Haddonfield einst terrorisierte und der damaligen Schülerin und Babysitterin ein schweres Trauma zufügte. Die Familienbande zerrissen und sie selbst eine zurückgezogene Frau im Warteraum der Erinnerungen, die sich nach ihrer Überzeugung in der Rückkehr Michaels manifestieren würden.

Nun… sie hatte recht und kämpfte nun an der Seite ihrer Tochter Karen (Judy Greer) und Enkelin Allyson (Andi Matichak) nach Jahrzehnten wieder gegen den „Boogeyman”.

Die neuste Fortsetzung Halloween Kills hätte es sich so einfach machen können. Ein typischer Nachfolger, der auf sicheren Pfaden wandelnd ein wenig mehr vom Morden mit dem Antrieb eines großen Horror-Franchises erzählt.

Stattdessen aber zeigt sich der Nachfolger als ein eigenständiger, faszinierend kontraststarker und sich selbst erkennender Film, der deutlich zeigt, wie sich in der aktuellen Fortsetzungstrilogie der Reihe (Halloween Ends ist für 2022 geplant) eine Vision herausschält.

Er begegnet der eigenen Mythologie mit Respekt und Ehrfurcht und wagt gleichermaßen, die Klinge an das Vermächtnis anzusetzen und zuzustechen. Oder gaaaanz kurz zusammengefasst: richtig geil!

Zurück ins Damals, angekommen im Heute

Schon die ersten Minuten des Films sind eine Reise in die Vergangenheit. Sie zeigen den jungen Polizisten Frank Hawkins (Thomas Mann) in jener Nacht an Halloween, in der Michael fünfzehn Jahre nach dem Mord an seiner Schwester nach Haddonfield zurückkehrte und als Erwachsener weitermordete. Vielleicht hätte in dieser Nacht alles enden können.

Dieser Gedanke wird später noch eine wichtige Rolle einnehmen auch vor dem Hintergrund der Verwandlung, die dieser eigentlich so ruhige, geradezu beschauliche Ort im Laufe der Erzählung durchmacht. Diese Erzählung knüpft unmittelbar an das Ende des Vorgängers an und lässt Michael aus einem Flammenmeer emporsteigen. Der Schrecken kehrt einmal mehr nach Hause zurück. Es ist gleichsam eine Rückkehr zu dem Damals, welches – neben dem Mörder und Laurie – in alten Bekannten personifizierten Ausdruck findet.

So verkörpert Anthony Michael Hall den gegenwärtigen Tommy Doyle, der im Original eines der Kinder war, das Laurie hütete. Zu diesen Kindern zählten auch Lindsey Wallace, für die deren Darstellerin Kyle Richards ebenso in ihre einstige Rolle zurückkehrte wie Nancy Stephens, die als Marion Chambers eine Krankenschwester und Kollegin von Michaels damaligem Psychiater Dr. Sam Loomis (Donald Pleasance) verkörperte.

Kenner des Franchises werden noch weitere Entdeckungen machen. Es ist, als prallten Vergangenheit und Gegenwart nun endgültig aufeinander in einer Konfrontation, die sich im Angesicht der wiederkehrenden Bedrohung ohne Rücksicht auf Namen entlädt.

SLEAZE + Halloween Kills
Erlebt, wie die Gewalt sich entlädt: Jamie Lee Curtis als Laurie Strode.

Denn der Titel Halloween Kills zeigt sich als überaus präziser Name eines Films, der auf Heroismus verzichtet, wenn sich die Stadt gegenseitig anstachelt, um ein für alle Mal das Böse zu besiegen. Die Rückkehr der Bekannten ist keine Feierlichkeit von Helden. Es gibt keine Helden. Sie sind Opfer, Traumatisierte und von Angst zerfressende Täter.

Entladung der Gewalt

Es entfaltet sich eine teils komische wie grimmige Hetzjagd nach Michael, den David Gordon Green als massige Urgewalt inszeniert. Der für alle drei neuen Halloween-Filme verantwortliche Regisseur scheut nicht davor zurück, in manchen Tötungsmomenten absurdes Ableben mit brutaler Ausführung des Killers zu vereinen.

Der Film ist in solchen Augenblicken eine skurrile Mischung zwischen Komik und Ernst, die auch dann noch weiter braut, wenn er hysterische Ausmaße annimmt. Auf das persönliche Trauma folgt das kollektive einer Stadt, die zur Bestie im Angesicht des MM-Terrors wird. Und MM bedeuten hier definitiv nicht zuckrige M&Ms!
Nein, wir reden vom Alten Testament: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Aufgepeitscht von einfachen Parolen soll es Michael Myers an den Kragen gehen. Menschengruppen in solch primitiver Enthemmung zu sehen, hat etwas Komisches wie Bitteres (falls jemand sich zum Corona-Anfang die Schlangen vor US-Waffenläden reingezogen hat, weiß Bescheid!).

Halloween Kills vereint eindrucksvoll diesen Widerspruch in diesem Ort in Illinois namens Haddonfield, das in einen apokalyptischen Seelenabgrund blickt und letztlich erkennen muss, welch Dunkelheit durch den Ort – und dadurch durch sie selbst – strömt.

Diese Fortsetzung verneigt sich ehrfürchtig vor dem Grauen, das John Carpenter und Debra Hill vor über vierzig Jahren erstmals auf die Zuschauer losließen. Es ist ein faszinierender Akt der Selbsterkenntnis, in dem das Franchise über seine innere Erzählung hinausgeht und Michael Myers als eine Metafigur anspricht, die kein „Er”, sondern ein „Es” ist. Das ist auch deshalb spannend, weil es die künftige Herangehensweise definiert. Und tja, der letzte Teil dieser neuen Halloween-Ära wird zeigen, wie Halloween endet.

SLEAZE + Halloween Kills
Michael Myers, Ziel der Hetzjagd, die Haddonfield eskalieren lässt.

Gewissermaßen bricht Halloween Kills so auch mit gewissen Logiken des Slasher-Genres: Dem nicht sterben wollenden Antagonisten steht plötzlich nicht der tausendste Versuch entgegen, ihn zu vernichten, sondern zunächst das Erkennen als das, was es ist.

So geschah es, dass sich das ultimative Böse eines Halloween-Abends in einem sechsjährigen Jungen manifestierte, bei dem sich plötzlich ein Schalter umlegte. Ursache unbekannt. In Halloween Kills sehen wir Laurie – die sich so lange gegen Michael wehrte – noch verletzlicher und beinahe schon gelähmt.

Die Anerkennung des Mythos und des Bösen ist letztlich das, was dem wütenden Mob auf den Straßen Haddonfields fehlt. Ihr Gewaltexzess ist eine blinde Masse im Blutrausch, die dermaßen unangenehm die Kontrolle verliert, bis Michael Myers selbst zu einer bemitleidenswerten Gestalt wird. Das ist ein erstaunlicher Moment in einem faszinierenden Film, der sich seinem Vermächtnis bewusst ist, ihm Respekt zollt und über eigene wie Genregrenzen hinausgeht.

Alex

Titel: Halloween Kills

Kinostart: 21.10.2021
Dauer: 105 Minuten
Genre: Horror, Drama, Thriller
Produktionsland: USA, UK
Filmverleih: Universal Pictures

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