Gutbürgerlich ermordet

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Die vier Worte „nach einer wahren Begebenheit“ am Anfang oder im Abspann verändern deine Sicht auf einen Film vollkommen. Es ist wie ein Siegel, das den Film aufwertet, selbst wenn an der ganzen Sache nur die Fellfarbe des Hundes stimmt. Auf der anderen Seite gibt es aber auch wahre Geschichten, die einfach erzählt werden müssen. Der argentinische Überraschungserfolg El Clan gehört dazu.

Die Puccis führen ein gutes Familienleben im Buenos Aires der 80er. Die Mutter kocht, sie essen gemeinsam Abendbrot, reden über ihren Tag und die Eltern helfen den Kindern bei den Hausaufgaben. Dieser herzliche Umgang bietet das absolute Kontrastprogramm zu den heimlichen Geschäften des Vaters Arquímedes. Er verdient sein Geld, indem er sich Geiseln bei reichen Familien nimmt und für diese Lösegeld verlangt. Vor Gewalt und Mord schreckt er nicht zurück. Mit involviert ist nur sein Sohn Alex. Als Rugby-Nationalspieler hat er einige Kontakte, die sein Vater sehr gerne nutzen möchte. Doch als Alex heiraten will und an der Richtigkeit ihres Vorgehens zweifelt, ist sein Vater alles andere als erfreut darüber.

SLEAZE.El Clan 2

Der Film behandelt den echten Kriminalfall der Familie Pucci. Trotz des Dranges, diese Geschichte stärker in die Öffentlichkeit zu befördern, hat Regisseur Pablo Trapero das Künstlerische keineswegs auf der Strecke gelassen. Die Blicke Arquímedes sind besonders eindringlich. Mit seinen hellen, kalten Augen, die leicht schwarz geschminkt sind, und den glatt nach hinten gestrichenen Haaren erinnert er optisch an den Trashi Bela Lugosi oder Christopher Lee aus Dracula. Ob diese Vampir-Ähnlichkeit gewollt ist, spielt keine Rolle, doch sein Aussehen lässt ihn skrupellos und kalt wirken.

Die Macher von El Clan scheinen zudem wahre Musikliebhaber zu sein. Beinahe ausnahmslos stammt die Musik aus den 60ern und ist damit selbst für den Zeitpunkt der Handlung etwas altmodisch. Dafür strahlt besonders der Kinks-Klassiker „Sunny Afternoon“ die gleiche Harmlosigkeit und Gelassenheit aus wie das Familienleben der Puccis. Oft hat die Musik die gleiche Lautstärke wie die Stimmen der Figuren, weshalb man – vermutlich absichtlich – nicht immer jedes Wort versteht. Insgesamt fordert der Film einiges an Konzentration, um die Gespräche und Figurenkonstellationen nicht aus den Augen zu verlieren.

Pablo Trapero scheint Kontraste sehr zu mögen und hervorzuheben. So hört man die Schreie der Gefangenen, während die Familie sich beim gemeinsamen Essen amüsiert. Die Sexszene von Alex und seiner zukünftigen Ehefrau wurde zusammengeschnitten mit einer Folterszene, in der Arquímedes seinen derzeitigen Gefangenen schwer verletzt. Oft funktionieren Filme nur, wenn man sich mSLEAZE.El Clan 3it dem Protagonisten identifizieren kann. Selbst wenn dieser viele schreckliche Dinge tut, gibt es etwas in seiner Vergangenheit oder in ihm regt sich ein Reuegefühl, durch das man sich mit ihm verbunden fühlt. In El Clan empfindet man den gesamten Film über absolutes Unverständnis für Arquímedes, doch trotzdem kann man die Augen nicht von ihm lassen, da seine Gelassenheit so sehr fasziniert. Er hat eine Taktik, die er bei jeder Geisel anwendet und er gerät nie in Panik oder unter Stress.
Besonders zum Anfang sind ein paar Originalaufnahmen zu diesem Fall eingebaut. Darin wird besonders die Angst der Menschen über die Vorfälle deutlich. Das Ende ist die klassische Auflösung des Gerichtsurteils in Form von Sätzen. Das Unverständnis bleibt auch hier noch erhalten.

El Clan erlaubt dem Zuschauer eine Distanz zu Arquímedes zu bewahren und bietet trotzdem Einblicke in die Hintergründe seiner Taten. Eine perfekte Balance, die den Film wahrscheinlich überhaupt erträglich macht. Manchmal sind die Dialoge inhaltlich schwer zu verfolgen oder einzuordnen, doch beeindruckt die Verbildlichung der Atmosphäre in jeder Szene. Die Emotionen und Gedanken der Menschen um den Familienvater herum kann man spüren. So überzeugt El Clan durch greifbare Gefühlsgrausamkeit als actionarmer Gangsterfilm.

Maurin

Titel: El Clan
Regie: Pablo Trapero
Dauer: 108 Minuten
VÖ: 03.04.2016
Verleih: ProKino

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