Gut gereift: T2 Trainspotting

Gut gereift: T2 Trainspotting

Anarcho-Britpop-90er Jahre-(Anti-)Helden-Superfilm-Fortsetzungs-Besprechung in SLEAZE. Millenials: Bitte erstmal „Trainspotting“ gucken!

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I’m too sexy for…

Guter Wein wird mit dem Alter besser, guter Käse und… gute Männer? Kann man wohl so allgemein nicht sagen, doch fest steht: Die Hauptdarsteller aus T2 sind immer noch recht schnuckelig, auch 20 Jahre nach Trainspotting. Damit wäre ein großes Problem von Fortsetzungen schon mal aus dem Weg geräumt, es ist kein Reboot à la Star Trek oder X-Men mit jüngeren Darstellern nötig – wie sollte das auch gehen?

Trainspotting, der erste Teil, war ja damals ein Film, der gemacht werden musste. Und genauso wurde er auch angenommen von den Fans. Ein Kultfilm! Hauptdarsteller Ewan McGregor schaffte danach eine richtige Hollywood-Karriere (Star Wars I-III, Moulin Rouge!), Regisseur Danny Boyle auch (28 Days Later…, Slumdog Millionaire). Und angeblich überwarfen sich die beiden darüber, dass Danny in seinem 2000er Machwerk The Beach Leonardo DiCaprio castete und nicht seinen alten Kumpel Ewan. Zerwürfnis! (Und The Beach wurde auch richtig schlecht.) Doch deshalb, so erzählt man sich, dauerte es so lange mit dieser Fortsetzung.

Mittlerweile passt T(eil)2 jedoch auch gut in die Zeit: Originalfilme gibt es eh kaum noch im Kino, hierzulande wird beispielsweise auch bald Lammbock, ein deutschsprachiger Kultfilm von damals, fortgesetzt, und generell scheinen sich viele Mittvierziger bis Mittfünziger derzeit gerne an ihre fetten (Wortspiel!) Jahre zu erinnern. Böse Zungen nennen so was alternativ Midlife-Crisis oder Nostalgie, beides negativ behaftete Begriffe.

Sag ja zum übergroßen Flatscreen, der Blu-ray-Sammlung und hübschen jungen Frauen!

Aber darum soll‘s hier gar nicht gehen, sondern um T2: Zum Verständnis ist zunächst mal das Ende vom Original wichtig, denn: Begbie (Robert Carlyle) ist im Knast gelandet und wird Renton / Ewan niemals verzeihen. Der war mit der Beute des damaligen Heroin-Deals nach Amsterdam geflüchtet, doch auch sein (bürgerliches) Leben dort stagnierte irgendwann. So kehrt er zurück in die schottische Langeweile. Und Schottland bringt T2 genauso brutal rüber wie damals Trainspotting: Es ist ein hässliches Land, voller unausstehlicher Menschen, grauenerregender Inneneinrichtungen und depressivster Stimmung („Wir dagegen haben uns von Wichsern kolonialisieren lassen.“)

Während das in Teil 1 die Charaktere noch dazu brachte, Heroin zu nehmen, muss man sagen, dass sie sich in T2 echt gemäßigt haben, das merkt der inzwischen cleane Renton bei seiner Rückkehr. Naja, gemäßigt bis auf Spud, der eigentlich immer noch mehr oder weniger Junkie ist. Und Begbie fängt auch noch mit jedem Streit an. Und Sick Boy ist Hardcore-Kokser und hängt mit Nutten rum…

No Future

Dennoch spielt Heroin (fast) keine Rolle mehr in T2. Eine andere, sympathische Eigenschaft haben sich die Ex-Junkies jedoch bewahrt: ihre fast komplette Ambitionslosigkeit. Begbie kommt aus dem Knast und macht einfach da weiter, wo er aufgehört hat. Er ist kleinkriminell. Sick Boy und Renton wollen zusammen ein Bordell aufbauen, auch motiviert durch beider Anziehung für die bulgarische Prostituierte Veronika (Anjela Nedyalkova). Spud lässt sich wie immer treiben. Jeder Lifecoach würde zu diesen Zielen beglückwünschen! Aber darum ging es ja schon immer bei Trainspotting, wer erinnert sich nicht an den genialen End-Monolog: „Sag Ja zum Leben. Sag Ja zum pervers großen Fernseher. Sag Ja zur Zukunft.“ Daraus wird in T2: „Sag ja zu Facebook, zu Top-Ten-Listen!“ Durchaus ein Spiegel unserer Zeit, in der inhaltslos-obsessive Aktiväten wie Social Media kaum noch hinterfragt werden. Doch ganz unabhängig von unserer Gegenwart hat T2 seine geliebten Charaktere damit smart und glaubhaft weiterentwickelt.

Frei von der Sucht, immer noch über den Dingen: Spud und Renton.

Auch sonst kann T2 mit seinem eigenen Erbe ganz gut umgehen. Damalige Soundtrack-Hits werden z.B. öfter mal leicht verfremdet wieder angespielt. Manchmal übertreibt‘s der Film aber auch, es kommen beispielsweise wirklich viele Clip-Einspieler der besten Szenen aus Trainspotting in T2 wieder vor. Nicht so originell! Visuell setzt Regisseur Danny das Ganze gekonnt um und schließt an seinen alten Stil an: schnelle Schnitte, flashige Farben, schräge Kamerawinkel. T2 sieht gut aus und pulsiert.

Tja, und auf der Story-Ebene? Geht es, wie schon beschrieben, eigentlich nirgendwo hin. Wie auch, wenn die Charaktere das so wollen? Am ehesten ist T2 noch ein Film über Freundschaft, denn bis auf Begbie entdecken die drei Nudeln gerade diese wieder. Chillig sind sie geworden, die Ex-Junkies. Immer noch nicht brav, und immer noch vor allem: ehrlich. Tipp für Fans.

Robert

Titel: T2 Trainspotting
Regie: Danny Boyle
Laufzeit: 117 Min.
VÖ: 16.2.2017 (dt. Kinostart)
Verleih: Sony Pictures Germany

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