Guns Akimbo: Pistolen-Mann in Gammelklamotten hat das Spiel betreten

Guns Akimbo: Pistolen-Mann in Gammelklamotten hat das Spiel betreten

Spoilerfreie Kritik

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Was ist die bizarrste Superhelden-Origin-Story, die dir in den Kopf kommt? Deadpool? Shazam!? Oder könnte es die hier sein: Guns Akimbo erzählt nämlich das Abenteuer des stinknormalen Nerds Miles (Daniel Radcliffe), der eines Tages in ein reales eSports-Killer-Event namens Skizm geworfen wird. Wie in einem Online-Spiel heißt es hier: Töten oder getötet werden.

SLEAZE + Guns Akimbo
Vorhang auf für den Pistolen-Mann!

Guns Akimbo leiht sich von vielen Filmen etwas und formt daraus einen seltsam gut funktionierenden Action-Streifen, der mich unterhielt und zum Lachen brachte.

Irgendwo zwischen Nerve und Crank

Ein gefährliches Online-Event, jede Aktion wird gefilmt und eine Gesellschaft, die das unterstützt? Die Idee erinnert stark an den Thriller Nerve von 2016. Dort mussten die Kandidaten als Teil eines Social-Media-Events immer wagemutigere Aufgaben meistern. Guns Akimbo folgt einem ähnlichen Prinzip, nur dass der Film sich deutlich weniger ernst nimmt und viel mehr Köpfe weggepustet werden.

Bei Guns Akimbo sollte man auch keine tiefgehende Geschichte erwarten. Es ist schlichtweg eine brutale Action-Komödie. Herrlich überdreht – wie ein Crank oder Shoot ‘Em Up – liegt der Fokus ganz klar darin, immer einen draufzusetzen. Guns Akimbo ist durch und durch selbstironisch und nimmt sogar das übermüllte Superhelden-Genre auf den Arm. Es lohnt sich also, bis zum Schluss sitzen zu bleiben.

Willkommen auf Skizm

Ähnlich wie bei Nerve kriegen wir auch mit Guns Akimbo unterschwellig eine Gesellschaftskritik aufgetischt: Wenn die Menschheit an einen Punkt angelangt ist, dass sie Live-Stream-Todeskämpfe veranstaltet und daran auch noch Vergnügen findet, dann sind die Tribute von Panem-Bücher wohl zu erfolgreich gewesen.

SLEAZE + Guns Akimbo
An den Händen Pistolen, an den Füßen Krallen.

Dieses Szenario verleiht den stumpfen Schießorgien in Guns Akimbo einen Sinn. Skizm vereint nämlich nicht nur Menschen, die bloß töten und die Aufmerksamkeit genießen wollen, sondern auch Leute, die gezwungenermaßen antreten müssen. Mit Drohnen werden die brutalen Duelle dann verfolgt, in die schließlich der Videospielentwickler Miles hineingerät. Mit kleinen Hassreden und coolen Sprüchen verscherzt er es sich online mit den Leuten hinter dem absurden Live-Stream Skizm. Was folgt, ist eine vergleichsweise milde Strafe, denn er kriegt „nur“ zwei Pistolen an die Hände genagelt.

Und plötzlich gehandicapt

Blöd für Miles, denn er ist mehr die Sorte Mensch, die ihre Faust nur ballt, um zu masturbieren. Was passiert also, wenn einem Pazifisten zwei Schießeisen an die Hände befestigt werden? Na ja, wir hätten zunächst die alltäglichen Probleme zu meistern. Es kann ziemlich anstrengend werden, sich eine Hose anzuziehen oder sein Smartphone zu entsperren, wenn man Pistolen-Hände hat. Und Pullern will man sich gar nicht erst vorstellen müssen.

Gut, dass wir das auch nicht brauchen, denn wir bekommen alles zu sehen. Mit solchen und ähnlichen Problemen wird Miles über den gesamten Film immer wieder konfrontiert und so vermischt sich ein teils dämlicher und teils makaberer Humor in einem sonst sehr blutigen Action-Film.

SLEAZE + Guns Akimbo
In Guns Akimbo sind nur Irre unterwegs.

Miles‘ Herausforderin ist Nix (Samara Weaving), eine blutrünstige Killermaschine. Ihr Motto könnte heißen: „Wenn ich schieße, überlebt Nix“. Und so entsteht – trotz geringer Überlebenschancen für Miles – eine witzige Verfolgungsjagd, die zwar wenig überraschend endet, aber der Weg bis dahin frisch rüberkommt.

Was Miles‘ Ex und Comiczeichnerin – kleiner Verweis auf meine Einleitung – Nova (Natasha Liu Bordizzo) angeht: Da ihre Figur letztlich nicht ganz unwichtig ist, ist es schade, dass sie größtenteils stumpf und uninteressant bleibt. Da wäre sicherlich mehr drin gewesen.

Grandioser Cast

Wo wir schon bei den Figuren sind, kann ich eigentlich nur wieder großes Lob an Daniel Radcliffe aussprechen. Sein Zauberergewand hat er schon längst abgelegt und in Indie-Filmen – wie Swiss Army Man oder Jungle – bereits bewiesen, dass er verdammt gut in diese sonderbaren und irgendwie leidenden Rollen passt.

Seine bereits erwähnte Gegenspielerin wird verkörpert von Samara Weaving, die vor allem in der schwarzen Komödie Ready or Not – auf die Plätze, Fertig, Tot ihr Talent mit einer ähnlich irren Rolle bewiesen hat. Gerade Kostüm und Make-Up schießen den Vogel ab (hab’s für den „Reim“ gemacht).

SLEAZE + Guns Akimbo
Wer es sich mit ihm verscherzt, wird selbst zu einem Scherz.

Und dann haben wir noch Ned Dennehy, der den Anführer von Skizm spielt und mit den vielen Tattoos und bescheuerten Sprüchen kaum wiederzuerkennen ist. Eine Frechheit, ihn nicht bereits vorher erwähnt zu haben, denn mit Daniel und Samara bildet er den perfekten Dreiklang des Wahnsinns.

Schnelle Action

Alles in allem haben wir also eine lustige Konstellation, die gut zusammenpasst und Guns Akimbo zu der absonderlichen Komödie verhelfen, die der Film letztlich geworden ist. Der Film kennt nur wenige Ruhemomente, was dem generell recht kurzen Abenteuer nicht schadet. Die Kirsche auf dem Sahnehäubchen ist schließlich die sehr gelungene Kamera, die besonders in Kampf-Szenen sehr hektisch ist, aber trotzdem auf die Action angepasst und nicht mit Schnitten übersäht.

Guns Akimbo ist trotz allem nie so krank wie ein Crank und nutzt das Setting nicht so sehr wie ein Nerve, geht aber dafür eigene Wege, vor allem mit dem präsenteren schwarzen Humor und einem brutaleren Gesamtszenario.

Brutales Fazit

Over-the-top-Action und ein gutes Stück schwarzer Humor machen Guns Akimbo zu einer unterhaltsamen Erfahrung. Ja, besonders der Humor sitzt ausgesprochen gut. Ich habe herrlich gelacht und das nicht zuletzt, weil die Figuren (besonders die Kombi Daniel-Samara) und die Dialoge den Spagat zwischen Unsinnigkeit und Coolness hinbekommen.

Sicherlich, die Handlung selbst sticht nicht groß heraus, auch wenn die barbarische Welt von Guns Akimbo viel zu bieten hat. Es wäre aber unfair zu behaupten, dass Guns Akimbo eine dreiste Kopie anderer Genre-Vertreter ist. Dafür ist der Humor und der harmonierende Cast ein zu großes Alleinstellungsmerkmal und machen in meinen Augen diese – wie ich sie gerne nenne – Geburt eines ungewöhnlichen Helden zu einer sehenswerten Action-Komödie.

San LSLEAZE + Guns Akimbo

Titel: Guns Akimbo
Kinostart: 25. Juni 2020
Laufzeit: 95 Minuten
Regie / Drehbuch: Jason Lei Howden
Hauptdarsteller:  Daniel Radcliffe, Samara Weaving, Natasha Liu Bordizzo, Ned Dennehy
FSK: 16 (Kinofassung)
Verleih: Leonine

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