Groufies, bis die Linse platzt – das HUAWEI P10 im Test

Groufies, bis die Linse platzt – das HUAWEI P10 im Test

Das P10 ist neben dem Mate10 Pro das derzeitige Flaggschiff des chinesischen Telekommunikationsausrüsters HUAWEI. Ausgestattet ist es unter anderem mit einer Leica Dual-Kamera 2.0 und umfangreichen Fotobearbeitungsmöglichkeiten. Mithilfe präziser 3D-Gesichtserkennung, dynamischer Beleuchtung und einem schnellen Bilderverarbeitungsalgorithmus soll das Smartphone dabei echte Kunstwerke mit einzigartiger Tiefenschärfe erzeugen können. Das verspricht zumindest die bauchpinselnde Marketingabteilung des Unternehmens, welches in diesem Jahr sein 30-jähriges Bühnenjubiläum feiert. Mal schauen, ob die knallharte Realität des SLEAZE-Testlabors dagegen irgendwelche Einwände hat.

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SLEAZE + P10
Die Küste auf dem Balkon

SLEAZE + P10
Es macht stets ein gute Figur.

Um eine bessere Übersicht zu erhalten, drösel ich den Testbericht heute mal etwas kategorisierter auf. Das hab ich bei Testadler gelesen, dass man das so machen soll, weil wegen Übersicht und so. Und wenn das da steht, dann wird das ja wohl stimmen.
Fangen wir also an mit…

Optik und Gehäuse:
Um es gleich vorweg zu nehmen: Das P10 ist wirklich schön. Haptik und Verarbeitung des Smartphones zeugen wahrlich von Qualität. Es liegt durch seine Größe und die abgerundeten Ecken und Kanten super in der Hand, auch die Spaltmaße sitzen perfekt. Nichts knarrt oder knirscht hier oder macht sonst irgendwie den Eindruck, als wäre beim Design etwas nicht zu Ende gedacht. Dabei haben sich die Chinesen optisch ganz offensichtlich stark am iPhone 7 orientiert, was vor allem an den Rändern über und unter dem Display auffällt. Aber gut, die Idee, sich an einem Produkt des wertvollsten Unternehmens unserer Zeit zu orientieren, kann ja grundsätzlich keine schlechte sein.

SLEAZE + P10
Auch im Dunkeln lässt sich mit dem P10 gut munkeln.

Am Aluminium-Gehäuse, was anders als bei Konkurrenzgeräten aus den Häusern LG, Samsung und Apple leider nicht gegen Staub und Wasser geschützt ist, wie auch der verbauten Hardware gibt es kaum erwähnenswerte Veränderung zum Vorgänger. Wenn man nach den Maßen des P10 in Millimetern fragt, fühlen sich die Zahlen 69 und 145 angesprochen. Außerdem ist es formidable sieben Millimeter dick aka dünn und ein Kampfgewicht von 145 Gramm gesellt sich ebenso zu den physischen Daten wie das 5.1“ Full HD LTPS-Display.

Dieses steht deinem Sehnerv mit einer Auflösung von 1920×1080 zur Verfügung und punktet mit einer sehr ordentlichen Blickwinkelstabilität und der kontrastreichen und satten Anzeige auf ganzer Linie. Von Werk ist es mit einem internen Speicher von 64 Gigabyte ausgestattet, der sich mit einer microSD aber je nach Bedarf, Belieben, Lust und Laune noch auf ordentliche 256 GB erweitern lässt.

Bei den beiden individuellsten Farbvarianten, in denen das Gerät erhältlich ist, schlägt wahrscheinlich jeder Kolorierungsliebhaber durch Bezeichnungen wie „Dazzling Blue“ und „Greenery“ vor Freude nackig Räder im Vorgarten seiner Schwiegereltern. „Das Laub“ wurde dabei in Kooperation mit dem Pantone Color Institute entwickelt.

SLEAZE + P10
Zum Glück hab ich bei meinen täglichen Waldspaziergängen in Berlin immer mein P10 dabei. (Solche Bilder macht die 12MP Hauptkamera)

Farblich haben sich die Chinesen also auch ein paar Experten ins Endgeräteboot geholt. Wer es eher klassisch mag, kann aber auch auf Graphite Black, Mystic Silver und Dazzling Gold/Prestige Gold zurückgreifen.

Der Fingerabdrucksensor des P10 ist auf der Vorderseite des Smartphones zu finden, was für HUAWEI eine Neuerung darstellt, da dessen Smartphone-Konzeptionsspezialisten diesen jahrelang auf der Rückseite platziert hatten. Das war eigentlich besser, weil man so mit einer Hand das Telefon halten und bedienen konnte. Hat sich aber offensichtlich nicht durchgesetzt. Schade.
Der Sensor selbst funktioniert dabei unheimlich gut und die Geschwindigkeit wie auch die Zuverlässigkeit lassen hierbei sogar Konkurrenten aus dem Hause Samsung und Apple richtig alt aussehen. Fungieren tut das Fingerabdruckfeld dabei als Navigationstaste, mit welcher du je nach Bewegungsart und Richtung unterschiedliche Menüs und Anwendungen öffnen kannst.

Die mitgelieferten weißen HUAWEI-Kopfhörer, welche optisch stark an die Apple Air Pods erinnern, liefern einen sehr soliden Sound ab. Ob präzise und klar oder mit drückendem Bass – wie die Gehörgänge hierbei akustisch ausgeleuchtet werden, kann man getrost als hochwertiges Klangerlebnis bezeichnen. Einziges Manko hierbei ist bei mir nur gewesen, dass die Ohrnubsis aufgrund ihrer klobigen Form dauerhaft nicht so wirklich in meinen Lauschern Platz finden wollten. Und da Kopfhörer grundsätzlich nur zwei Aufgaben haben, nämlich Musik vom Endgerät in Richtung Trommelfelle zu befördern UND zeitgleich noch kurz vor diesen hängen zu bleiben, war das in meinen… Ohren ein eher verbesserungswürdiger Punkt. Allerdings hab ich ja bereits bei meinem letzten Kopfhörertest festgestellt, dass mein Ohrmuschelkonstrukt für diese moderne Art der Soundübertragung wohl auch einfach allgemein nicht konzipiert wurde.

Und wo wir gerade bei Musik sind…

Etwas nervig empfand ich die Platzierung des Lautsprechers auf der unteren rechten Seite des Geräts. Wenn ich ein Smartphone bediene, habe ich an genau dieser Stelle sehr oft den Daumen meiner linken Hand sitzen, wodurch ich regelmäßig die Soundausgabe blockierte. Dazu kommt, sobald ich meinen Finger wegnahm, der Klang leider auch nur bedingt besser wurde. Das liegt daran, dass HUAWEI beim P10 lediglich einen Mono-Lautsprecher verbaut hat. Das Gerät klingt dadurch etwas blechern und streckenweise fast schon billig. Wenn man Wert auf gute Soundausgabe direkt aus dem Handy (darf man das eigentlich noch sagen?) legt, ist man bei diesem Smartphone leider nicht wirklich gut beraten. Etwas schade, vor allem da der Vorgänger P9 eine solide Stereo-Ausgabe zu bieten hatte.

Technische Details:
Ausgestattet ist das P10 ab Werk mit Android 7.0, einem Prozessor mit max. 2,4 GHz und insgesamt 4 GB Ram. An der daraus resultierenden Leistungsperformance des HUAWEI-Flaggschiffes habe ich absolut nichts auszusetzen. Über den gesamten Testzeitraum war das Bedientempo sehr hoch und es gab nie irgendwelche Verzögerungen, Ruckler oder ähnliches. Da hat Huawei ordentliche Arbeit geleistet.

Kamera:
Kommen wir nun zum Herzstück des ganzen – der Knipse!
„Die 3D-Gesichtserkennung erkennt bis zu 190 Gesichtspunkte und rückt so charakteristische Gesichtsmerkmale besonders scharf und klar ins richtige Licht.“ Dies ist nur einer der Sätze, mit dem die Kameraleistung des Smartphones vom Hersteller angepriesen wird.
Das P10 (wie auch sein größerer Bruder das P10 plus) ist erstmalig mit der Leica Dual-Kamera 2.0 ausgestattet. Zur Verfügung stehen dir hierbei ein 12 MP RGB-Sensor für Farbaufnahmen sowie ein 20 MP Monochromsensor, welcher sich im Kameraduett um kontrastreiche Schwarz-weiß-Fotografie kümmert. Die Bilder, die man mit dem P10 knipsen kann, sehen durchweg sehr gut aus. Ein wahrliches Fest für alle Hobbyfotografen und vor allem Schärfentiefe-Fetischisten. Der Pro-Modus des P10 bietet dir nach dem Schießen des Fotos zusätzlich noch manuelle Bearbeitungsmöglichkeiten, um auch unterwegs Fotos nach Vor-, Dazwischen- und Danachlieben verändern zu können. ISO-Werte für die individuelle Belichtung, Weißabgleich, sehenswerte Bokeh-Effekte, dynamische Beleuchtung oder die Veränderung des Fokusfelds, nachdem(!) man das Foto geschossen hat, ließen bei mir nur wenig bis gar keine Wünsche nach mehr Kamera-Schnickschnack aufkommen. In der Hinsicht zeigt sich, dass der Nachfolger des P9 den ganzen, großen Player am Markt problemlos das Wasser reichen und streckenweise auch abnehmen kann.

SLEAZE + P10
In dunkleren Umgebungen gerät die Kamera (Smartphone-typisch) recht schnell an ihre Grenzen.

Die Frontkamera des P10 wartet mit satten acht Megapixeln auf und besitzt zudem eine solch beachtliche Aufmerksamkeitsspanne, dass sie erkennt, ob ein oder mehrere Gesichter vor der Leica-Linse Grimassen ziehen. Sollte Letzteres der Fall sein, schaltet die Kamera automatisch in den Weitwinkelmodus, damit auch wirklich alle Blitzlichtjunkies aus der näheren Umgebung ihren Platz auf dem anschließenden Foto bekommen. Selfies war gestern, heutzutage schießt man schließlich Groufies. Ja Groufies, der Begriff war mir auch neu (Memo an mich selbst: Ich werde alt). In der Praxis funktioniert das dann auch tatsächlich so gut wie auf dem Papier beschrieben, wodurch es deutlich erleichtert wird, in Situationen mit mehreren Personen den passenden Bildausschnitt zu finden. Filmen kann man mit dem P10 mit bis zu 4K und in Zusammenarbeit mit GoPro hat HUAWEI die „Highlight-Funktion“ entwickelt, mit der man automatische eigene Slideshow-Videos kreieren kann, was auch gut funktioniert und ebenso gut aussieht (also kommt natürlich auch darauf an, welche Gesichter aufgenommen worden).

Akku:
Beim HUAWEI P10 steht dir ein nicht austauschbarer Akku mit 3.200 mAh zur Verfügung, welcher knapp 1 1/2 Stunden Ladezeit benötigt, um es von 0 auf 100 Prozent zu schaffen. Es ist leider kein Wireless Charging möglich, was in dieser Smartphone-Liga, in welcher das P10 spielt bzw. spielen möchte, fast schon etwas „veraltet“ wirkt. Man ist also noch auf ein gutes, altes Kabel angewiesen, bei dem man allerdings aufpassen muss: Man hat sich ja mittlerweile daran gewöhnt, dass alle modernen Telefone den gleichen Ladekabelanschluss besitzen (nun ja, bis auf die egoistische Apple-Extrawurst). Beim P10 ist dies allerdings nicht der Fall, da sind sie schon einen Schritt weiter. USB Typ C anstatt Micro-USB lautet hier das Zauberwort, weswegen du das originale Kabel unterwegs nicht vergessen solltest.

Erwähnenswerte Extras:
Erwähnenswert ist beim P10 noch der sogenannte „Machine-Learnig-Algorithmus“, der Erkenntnisse aus deinem Nutzerverhalten zieht und daran den zur Verfügung stehenden Speicher anpasst, optimiert und Systemressourcen intelligenter einsetzt. Gemerkt habe ich bei meinem Test davon zwar nicht wirklich etwas, das lag wohl aber auch an der Dauer der Testphase. In der Theorie klingt dieses Feature bei längerem Gebrauch aber auf jeden Fall nach einer coolen und sinnvollen Sache.
Mit der Knuckle Control Function werden außerdem deine Anklopffähigkeiten geschärft wie sonst nirgends. Indem man doppelt auf das Display „klopft“, kann man einen Screen- bzw. Scrollshot machen oder die App seiner Wahl öffnen. Außerdem lassen sich mit dem Fingerknöchel einzelne Bereiche des Displays ausschneiden, was nicht nur gut aussieht, sondern auch noch äußerst praktisch ist.

SLEAZE + P10
Model stehen kann das P10 auch.

Fazit:
Es gibt schon ein paar wenige Punkte, welche man Huawei bei dem P10 ankreiden könnte. Unterm Strich ist das meiner Meinung nach aber Jammern auf einem sehr, sehr hohen Niveau.
Wenn du viel Wert auf eine gute Kamera bei deinem Smartphone legst, dir eine hochwertige Optik genauso wichtig ist wie ein brillantes Display sowie eine Leistungsperformance aus der Oberklasse, dann machst du mit dem P10 definitiv nichts verkehrt. Die schwache Soundausgabe oder nicht vorhandene H2O-Resistenz sorgen dabei auch nur für einen äußerst überschaubaren Wermutstropfen. Für knapp 420 € ist das solide Stück Technik im Moment zu haben, welches zwar optisch stark an ein tragbares Endgeräte aus dem Hause Apple erinnert, jedoch mit einer Menge eigener Stärken selbstbewusst von sich zu überzeugen weiß.

Mir hat das P10 auf jeden Fall deutlich vor Augen geführt, dass es für mich als (im Jahr 2017 geradezu steinzeitlich anmutenden) Galaxy S3-Nutzer nun wirklich(!) mal wieder Zeit wird, Smartphone-technisch in der Gegenwart anzukommen. Und für dieses Vorhaben eignet sich das P10 wirklich gut.

Axel

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