GROSSE UNTERNEHMEN UND KLEINE BLOGGER

GROSSE UNTERNEHMEN UND KLEINE BLOGGER

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(Deich)Man lud zu einem Blogger-Event. Nun zeichnen sich Modeblogger (bisher!) ( hierzulande!) nicht durch große Kritik und tiefgründige Recherchen aus. Also musste SLEAZE notgedrungen als Korrektiv vorbei, hähähä.

deichmann2Ein Deichmann-Blogger-Event? Ernsthaft? An den verbogenen Gesichtern in meinem Umfeld, die jedes Mal auftauchten, wenn ich das Thema ansprach, erkannte ich blitzschnell: Ich war mit meiner Skepsis nicht allein. Nun muss ein Konzern, der 2013 sein 100jähriges feierte, flexibel bleiben. Wenn er so stur und eigen bliebe wie die alten Damen und Herren während meines Zivildienstes, dann…nun ja, es gibt ja genug verstorbene Traditionsunternehmen.
Also müssen neue Trends nicht nur bei der Mode, sondern auch bei den Kommunikationskanälen abgeklopft werden, inklusive Befangenheitsanzeichen wie beim ersten Date. Und so ist die erste Deichmann-Blogger-Kollabo denn wohl auch als Testballon zu verstehen.
Als größter Schuhhändler Europas (ja, wirklich. Nix Zalando, auch wenn die mit einem riesigen Werbebudget innerhalb kürzester Zeit eine unglaubliche Bekanntheit erlangt haben.) denkt man groß. Testimonials wie Halle Berry oder Cindy Crawford zeigen die Dimensionen. Nun also eine angeblich sehr erfolgreiche Modebloggerin namens Caroline Blomst mit einer Million Lesern.
Blogger, insbesondere Modeblogger, sind ein Traum für die Industrie. Selten kritisch, im Gegenteil eher leicht zu manipulieren, und bei Einladung mit einer fast 100%igen Sicherheit, ein positives Clipping zu bekommen, können die Firmen mit wenig Geld in Ruhe dieses neue Medium analysieren. Denn obwohl ein Blog eigentlich mal als digitales Tagebuch startete, ist die Variante, die spitz-toesnur positive Sachen verbreitet, in bestimmten Bereichen sehr hoch. Nur abfeiern, ohne Hintergrund-Infos, Handyfotos von mittlerer Qualität, dazu schlecht geschriebene Texte mit vielen Rechtschreibfehlern.
Mittlerweile ändert sich das zum Glück, wenn auch in homöopathischen Dosen. So fand ich in der Nachberichterstattung dieses Blogger-Events hier nur einen kritischen Blog-Artikel.
Bei einer recht oberflächlichen und auf Show orientieren Branche wie Mode ist es naturgemäß schwieriger als in der Technikbranche, wo harte Fakten mehr zählen als VIPs. Da hat die Professionalisierung innerhalb kürzester Zeit eingesetzt auf hohem Niveau, wie Techcrunch seit Jahren beweist. Aber in der Mode sind viele Sachen nicht so wichtig. Wie kommt man eigentlich zu so günstigen VK-Preisen für Lederschuhe wie Deichmann? Oder vor ein paar Jahren haben die Models Pelz boykottiert, jetzt tragen dieselben Models (und Bloggerinnen) es ohne Hemmungen. Leider teilweise verarscht von der Industrie, die uns Echtpelz als Fake Fur verkaufen will. Und teilweise, weil sie gar nicht wissen wollen. Der Bangladesch-Fabrikbrand? Die künstlichen Hypes, um immer wieder neue Klamotten zu verkaufen? Alles kein Thema.
Ähnlich fühlen viele Leser. Und so wird den meisten denn auch nicht so wichtig sein, dass Caroline Blomst ihren Kollabo-Partner mal eben zum größten Schuhhändler der Welt macht. Oder sie hoffen schlicht wie die Frau in einem ZDF-Beitrag, dass die tierischen Anteile in der Kleidung nur Abfallprodukte sind.

Und was wurde nun präsentiert bei dem Blogger-Event?

deichmann1Ach ja, den Event will ich dir nun natürlich nicht vorenthalten. Präsentiert in einem Designhaus an der schicken Elbchaussee, mit dezentem Design, etwas chichi, und einer gewagt steilen Rundtreppe, die für einige der Damen auf den steilen High Heels eine Herausforderung darstellten. Für einen alten Basketballer hallt sofort „Bänderriss, Bänderriss!!!“ durch den Kopf, aber die Damen können sich wie Volltrunkene meist kurz vor dem Umkippen fangen. Es gab natürlich einen Sekt-Empfang und Häppchen. Sehr hübsche Bloggerinnen (Tinder hier also Pflicht-App!) drängten sich auf wenigen Quadratmetern und beäugten mehr oder weniger heimlich die Kleiderkombinationen anderer Gäste.
sneakerZehn Schuhe erwarteten uns, einer davon ist ganz genau genommen eigentlich doppelt in Pumps- und Ballerina-Variante. „Blogger-Designerin“, Schwedin (siehe Nachname) und Ex-Model (natürlich) Caroline Blomst beschreibt ihren persönlichen Modestil als eine Mischung aus schwedischem Casual und französischem Chic, den sie selbstredend in die Schuhkollektion mit eingebracht hat. Schwedisches Casual ist nach deutschem Verständnis schon eine sehr schicke Gemütlichkeit, sodass die richtigen Casual-Schuhe der Kollektion auch die unwichtigsten sind. Der klobige Graceland-Trainer mit dem Pixelmuster und der hässlichen Sohle und der camo-slipCamo-Slipper. (Camo UND Slipper – mehr auf Sicherheit und Umsatz bedacht ging kaum) wirken wie eine Produktpaletten-Ergänzung, um alle Bereiche abzudecken. Wenn der Azteken-Loafer noch als Sneaker durchgeht, macht er optisch eindeutig das Rennen von den dreien.
loaferDie anderen sieben Schuhe sind Pumps, Ballerinas und Peeptoes. Optisch ist alles dabei, von naja bis wunderschön. Mir persönlich gefallen die Peeptoes am besten, vor allem der mit der schwarzen Spitze, der sieht so edel-pornös aus. Sehr gut auch geeignet als Gesprächsthema, falls bei Tinder ein Treffer gelandet wird. Und mit 34,90€ UVP unglaublich günstig!

Fazit: Kann man wieder machen. Die Marke Deichmann hat sich positiv dargestellt. Schön wäre, wenn die Kollabo-Partner mehr auf Authentizität achten würden. Und nicht einen Mainstream-Slipper mit Camo-Print (SuperEndGähn!) und einen unwichtigen Billo-Sneaker rausbringen. Dafür braucht es nun echt keine Turbo-Fashion-Bloggerin.
Und für die Blogger unter euch: Werdet mutiger! Deichmann hat uns auch die Reisekosten bezahlt. Aber ehrliche Kritik hilft einem Unternehmen auch, 100 Jahre und älter zu werden. 😉

Ab 3. März 2014 ist die Kollektion übrigens (limitiert) zu erwerben in dem Deichmann-Online-Shop deines Vertrauens.

danilo

 

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