Playaz, Gangsta-Wannabes und MS-13

Playaz, Gangsta-Wannabes und MS-13

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In Deutschland gibt es jede Menge Asis, messerstechende Vollproleten und Schlägertruppen mit Männlichkeitskomplexen – auf ostdeutschen Dorffesten, in Kreuzberger U-Bahnen und immer wieder auch auf den vorderen Plätzen der Charts. Die Hitparaden-Homeboys nennen sich „Gangsta“ und machen jede Menge Kohle, indem sie in einem der reichsten Länder der Welt von „Ghettos“ und Straßenkrieg jammern. Na gut, einige von ihnen leben tatsächlich so gefährlich wie der Durchschnittsbürger bei der Morgenrasur. Kürzlich ohrfeigten Bushido und seine Homies sogar den Manager der Ochsenknecht-Blagen. So geschehen auf einer VIP-Party der Hood-Postille BRAVO. Krass. Einige Wochen zuvor wurde bereits ein Neuköllner Kantstein angeschossen. Ein Querschläger streifte den Arm eines straight outta Pirmasens stammenden Rappers kurz vor Erscheinen seines neuen Albums. Die PR-Abteilung freut’s.

MS-13: „Die gefährlichste Gang der Welt“

thumbIn den USA verdienen Manager, Labels und Boulevard-Medien an der Ghetto-Kultur seit Jahren Millionen. Besonders in Los Angeles gibt es aber immerhin schon seit fast 100 Jahren das, wovon Berlin so gerne rappt: Gangs und echte Gangsta. Die Geburtsstunde der Gangkultur war in den 20er Jahren, als sich europäische Einwanderer zu ethnischen Banden zusammenschlossen. Weltweit bekannt sind momentan vor allem die„Crips“ und „Bloods“ – nicht zuletzt dank Hollywood und prominenter US-Rapper wie Snoop Dogg und The Game. In jüngster Zeit macht aber vor allem eine Gang Schlagzeilen: Die MS-13. Das FBI hält die Latinos für die „gefährlichste Gang der Welt“ und warnt vor einer globalen Bedrohung.

Vom Bürgerkrieg in den Bandenkrieg

In den 80er Jahren gründeten Bürgerkriegsflüchtlinge aus El Salvador in Los Angeles ihre eigene Gang: Die „Mara Salvatrucha“; kurz „MS-13“. „Mara“ ist spanischer Slang für „Gang“, „Salvatrucha“ setzt sich aus salvadoreño (Salvadorianer) und trucho (klug, clever) zusammen und die 13 bezieht sich auf die „13th Street“ in LA. Ursprünglich wollte sich die MS-13 gegen bereits existierende Gangs verteidigen, sie ging jedoch schon bald in die Offensive. Wie alle Gangs vertreibt sie sich die Zeit mit Mord, Vergewaltigung, Erpressung, Drogen-, Waffen- und Menschenhandel. Ihre Lieblingswaffe ist die Machete, womit sie ihren Opfern gerne mal wahllos Körperteile abtrennt. Die Angst der ärmlichen Nachbarschaft vor ungebetenen Amputationen lässt die Schutzgeldkassen der MS-13 bis heute klingeln. Längst nicht mehr nur in den USA.

Exportschlager Gang-Crime

Wenn auch der Demokratieexport der USA noch nicht ganz ausgereift ist, der Export der Gangkultur ist ein Riesenerfolg. Seit den 90er Jahren schieben die USA im Rahmen ihrer „Zero Tolerance“-Strategie ausländische Kriminelle einfach in ihre Herkunftsländer ab. Die deportierten Gangster bleiben der Mara jedoch treu. Während Justiz und Polizei von den importierten Gang-Strukturen völlig überfordert sind, rekrutieren die Gangster kriegserfahrene Guerillakämpfer und expandieren in El Salvador, Honduras und Guatemala wesentlich schneller als in den USA. Mittlerweile leben 90% der geschätzten 100.000 MS-13-Mitglieder außerhalb der USA. In Mittelamerika ist die MS-13 ein ernstzunehmendes politisches Problem. In Honduras wurde 1997 sogar der Sohn des Präsidenten von der MS-13 entführt und ermordet. Hier gibt es Gefängnisse, in denen ausschließlich MS-13-Mitglieder
einsitzen. Allein für ein MS-13-Tattoo wandert man für bis zu fünf Jahre in den Knast. Und Tattoos hat fast jedes der Mitglieder. Je hässlicher und offensichtlicher, desto größer der Respekt der Homies. Ein großflächiges „MS“ auf der Brust ist Standard. Viele tragen ihre Tattoos aber auch im Gesicht: „MS-13“, Teufelshörner, Tränen oder Handgranaten sind ein Renner. Ein Gangtattoo im Gesicht verhindert die Reintegration in die Gesellschaft für immer.

Re-Export über illegale Immigration

Viele MS-13-Mitglieder fliehen vor der rigorosen Strafverfolgung in Mittelamerika illegal zurück in die USA. Oft siedeln sie sich in Gebieten an, in denen es zuvor keinerlei Probleme mit Gangs gab. Laut FBI sind die in den USA geschätzten 10.000 Mitglieder der Latinogang auf fast alle Bundesstaaten verteilt. Obwohl das MS-13-Problem in Mittelamerika noch deutlich größer ist als in den USA, gründete das FBI vor einigen Jahren eine „MS-13 National Gang Task Force“ (NGTF). Seitdem beherrscht die Mara Salvatrucha die US-Medien überproportional. Immerhin haben die Crips und die Bloods zusammen etwa achtmal so viele Mitglieder. Allerdings konzentrieren diese sich auf Viertel, die die Polizei schon lange aufgegeben hat.

Latino-Gangster als Spielball der Politik

Die illegalen Einwanderer aus Mexiko und Mittelamerika sind George W. Bush, unabhängig von der Gang-Problematik, ein Dorn im Auge. Seit Jahren bemüht er sich um eine drastische Verschärfung der Einwanderungspolitik. So wirkt es so, als ob die MS-13 unabhängig von ihrer unbestrittenen Brutalität und großen Mitgliederzahl von der Politik instrumentalisiert wird. Der umstrittene neue Grenzzaun zu Mexiko findet doch viel mehr Unterstützung in der US-Bevölkerung, wenn man ein paar zweifelsfrei böse Latino-Gangster präsentieren kann. Auch die Zahlen des FBI werden von Kritikern in Zweifel gezogen. Sie werfen der Behörde vor, jeden Mitläufer, der Style und Corporate Identity der MS-13 kopiert, in die Statistik der potentiellen Schwerverbrecher aufzunehmen. Schließlich hat die MS-13 keine übergeordnete Führung, so dass sich jeder MS-13 nennen kann. Je berüchtigter eine Gang, desto anziehender für jugendliche Mitläufer.

Gangkultur als Kommerz-Motor

Je mehr der Gang-Lifestyle verehrt und nachgeahmt wird, umso mehr Geld können verschiedene Industrien damit verdienen. In den USA genauso wie in Deutschland. Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit, dass in irgendeiner Sandkiste in Berlin, Pirmasens oder Schacht-Audorf ein MS-13-Ableger gegründet wird. Solange die Hitparaden Homeboys sich regelmäßig bei Stefan Raab auf dem Sofa als nette Jungs outen, braucht man ihre Rhetorik nicht allzu ernst zu nehmen. Die wollen nur spielen. Und Platten verkaufen.

Malte Banser

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