Ghost Stories: Wie aus einer Schnarch-Show der urkomischste Anime aller Zeiten wurde

Ghost Stories: Wie aus einer Schnarch-Show der urkomischste Anime aller Zeiten wurde

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Eine wiedergeborene Christin, ein zurückgebliebener Junge und ein besessener Kater gehen zur Schule. So könnte ein fieser Witz anfangen oder auch eine US-Episode in Ghost Stories. Denn dieser Anime nimmt sich kein bisschen ernst und geht sogar so weit, dass er über sich selbst lacht und gerne auch die vierte Wand durchbricht.

SLEAZE + Ghost Stories
Hajime: „Leave me alone. I’m doing my standard anime elbows up pose.“

An dieser Stelle muss man aber zwischen dem unschuldigen Original und der bitterbösen englischen Synchronisation unterscheiden. Denn während Ghost Stories ein jungfräulicher Anime mit leichter Gruselatmosphäre ist, macht sich Ghost Stories Dub über so ziemlich alles lustig: Homosexualität, Religion, Geschlechterrollen, Armut, Behinderungen usw.

Geschrieben klingt es härter, als es eigentlich ist. Und trotzdem sei gesagt: Wenn dich politische Unkorrektheit kränkt, dann wird Ghost Stories dir Verbrennungen dritten Grades zufügen. Doch dieser Anime – oder genauer gesagt die offizielle Parodie davon – ist ein einzigartiger Erfolg und mein zynisches Selbst hat selten so gut gelacht. Und hier kommt, warum.

Eine Zeit vor unserer Zeit

Ghost Stories (im Original: Gakkou no Kaidan) ist nun 20 Jahre alt. Davor brillierten bereits eine Buchreihe, einige Filmadaptionen und eine Live-Action-Miniserie. Und für den Anime holte man Japans Sternchen zu dieser Zeit an Bord. Hinter Regie, Musik und Synchronisation stecken große Namen wie Noriyuki Abe, der für Serien wie Bleach verantwortlich ist, oder Ryusei Nakao, der unter anderem Frieza aus der Dragon-Ball-Reihe spricht.

Alle Zeichen standen auf Erfolg für diesen Anime. Und während Kritikerwertungen sich zwar nicht völlig gegen die Serie aussprachen, taugte sie kommerziell leider trotzdem nichts. So erreichte Ghost Stories schnell einen Tiefpunkt und floppte jämmerlich.

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Satsuki: „Why are you crying, Keiichiro?“ – Keiichiro: „Because my pajamas are gay.“

Die zweite Chance

Es vergingen ein paar Jährchen und das amerikanische Multimedia-Unterhaltungsunternehmen A.D. Vision (kurz: ADV) handelte mit dem japanischen Fernsehsender Animax einen Deal aus. Damit Ghost Stories in den USA nicht das gleiche Schicksal erleidet, hat man große Freiheiten bei der Synchronisation bekommen. Lediglich vier Regeln galt es zu beachten:

  1. Die Namen der Figuren und Geister dürfen nicht geändert werden.
  2. Die Art, wie die Geister besiegt werden, dürfen nicht verändert werden, da es sich um fernöstliche Geistersagen handelt.
  3. Die Bedeutung jener Episode darf nicht verändert werden.
  4. Es soll alles in der Macht Stehende versucht werden, diese Show erfolgreich zu machen.

Und Junge, Junge! Das haben sie geschafft.

Ein einzigartiges Experiment

Steven Foster wurde damit beauftragt, ein Skript für die englische Synchronisation zu schreiben. Und ihm wird sogar in der Serie am Ende gedankt mit den Worten: „I’d like to thank my agent, my manager, Steven Foster for writing such a gay-friendly but still mainstream script and spoke to the universe.“

Doch es ist selbstverständlich nicht sein alleiniger Verdienst, denn viele Zeilen wurden komplett improvisiert. Es verlief nach dem Motto: Wer zuerst ins Studio kommt, gibt den Ton an. Der Rest passt sich an und so entstehen völlig bescheuerte Dialoge.

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Momoko: „Have you accepted Jesus as your personal saviour?“ – Leo: „No, I’m jewish.“

Aus müdem Horror wird unartiger Humor

Die Handlung könnte nicht simpler gestrickt sein: Eine Gruppe Halbwüchsiger und ihr besessener Kater müssen Geister zurück in die Geisterwelt verbannen. Hat was von Scooby Doo und ist im Original auch nichts weiter als ein billiger Abklatsch. Umso erstaunlicher ist es, wie eine Wendung in der Tonalität der Serie zu neuer Essenz verhalf.

Denn während das Original größtenteils einschlafgefährdend wirkt, strotzt die Dub-Version mit ihrem bissig-bösen Humor. Für den SJW unter uns sogar zu böse. Man könnte behaupten, Ghost Stories wäre gottlos. Aber ganz im Gegenteil. Diese Serie ist „full with Jesus“, um die Figur Momoko zu zitieren. Und da fängt der Charme der Synchronisation an, denn die blassen Figuren aus dem Original haben im Zuge der Neuinterpretation eine ganz neue Persönlichkeit erhalten.

Sympathischer Cast

Wie sich ein ganzes Genre nur durch seine Dialoge ändern kann, ist bemerkenswert. Die Figuren im Dub sind individuell und urkomisch. Das haben wir den genialen Sprechern hinter den Figuren zu verdanken, denen man den Spaß bei der Arbeit definitiv anmerkt.

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Amanojaku: „Pussy! I guess you always do what your big sister tells you to do.“

Die Hauptrolle ist die zähe Satsuki und wird gesprochen von Hilary Haag. „There’s nothing to be afraid of Keiichiro. Monsters only get evil people like Republicans and we’re not old enough to vote!“ Hin und wieder beschwert sie sich auch über ihre kleinen Brüste.

Christin Auten synchronisiert den kleinen Bruder Keiichiro. Er ist vermutlich meine liebste Rolle des ganzen Dubs. Keiichiro wird von den anderen immer als „retarded“ abgestempelt und oft hört man so etwas wie: „I hope to God you’re adopted!“ Viele Zeilen von Keiichiro sind im Dub bloß noch ein dämliches Lachen. Und mit seinem sprechenden Kater Amanojaku (gesprochen von Rob Mungle) ergibt sich eine sehr witzige Konstellation.

Außerdem haben wir noch Satsukis notgeilen Sidekick Hajime (gesprochen von Chris Patton) und Leo (gesprochen von Greg Ayres), der im Dub einen jüdischen Nerd spielt. Da kann man sich schon denken, welche Witze auf einen zukommen.

Und zu guter Letzt ist da noch Momoko (gesprochen von Monica Rial). Ihre Neuinterpretation unterscheidet sich vermutlich am meisten vom Original. Monica hat die Rolle in eine wiedergeborene Christin umgewandelt und jeder einzelne Satz hat etwas mit „our lord and saviour Jesus“ zu tun. Und was mich verblüfft: Selbst nach den ganzen 20 Episoden bringt mich ihr Gott-Gelaber zum Lachen.

Sowohl Steven Foster als auch der ganze Cast drückten mehr als einmal ihr Glück aus, Teil dieses Projekts gewesen zu sein. Nichts kam für sie je an diese kreative Freiheit heran. Sie liebten es, Fans lieben es, wie man es selbst heute noch in Foren zu lesen bekommt, und sogar von Anime-Freunden aus dem Land der aufgehenden Sonne hört man: Wir wollen eine zweite Staffel!

Wenn Witz die Lösung ist

Ghost Stories Dub könnte man noch am ehesten mit Abridged-Serien vergleichen. Das sind Fandubs zu bekannten Anime-Serien wie Yu-Gi-Oh! oder Dragon Ball Z. Bei Ghost Stories handelt es sich hingegen um eine offizielle Parodie und es gibt sie schon viel länger. Die synchronisierte Fassung ist quasi der Gründer dieses „Genres“.

Dass synchronisierte Serien vom Original abweichen können, ist kein Einzelfall. Es gab in der Vergangenheit ähnliche Beispiele, sogar hier in Deutschland. Die britische Krimiserie Die 2 floppte 1970 in den USA, war aber in Europa größtenteils erfolgreich. Hierzulande erreichte die Serie sogar Kultstatus, da sie sich erheblich vom Original entfernte und mehr auf Slapstick-Humor und Anspielungen auf reale Personen setzte. Exakt wie bei Ghost Stories, nur weniger rassistisch und sexistisch.

Aber ist eine Abweichung vom Original immer der beste Ausweg? Schließlich verändert und – im Falle von Ghost Stories – „verarscht“ man ein Gesamtkunstwerk in weiten Teilen. Das ursprüngliche Werk wird (wortwörtlich) schlechtgeredet und die Parodie gelobt. Und ganz ehrlich: Das ist okay. Ich sehe das vielmehr als eine zweite Chance. Natürlich passiert so etwas nie (offiziell) mit einem Game of Thrones oder Prison Break, da diese Serien aus gutem Grund erfolgreich sind. Aber eine gescheiterte Serie, die den Segen erhält, neu interpretiert zu werden und dadurch ein neues Publikum zu erreichen, finde ich großartig. Und ich würde mich über noch mehr offizielle Abridged-Serien freuen, denn ich habe nur selten so gut gelacht wie bei Ghost Stories.

San L

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