Ghost in the Shell: Battle of SLEAZE

Ghost in the Shell: Battle of SLEAZE

TEILEN

Hinter dem mysteriösen Titel verbirgt sich etwas ganz Einfaches: Wir schlagen uns die Köpfe ein! Nur mit Worten natürlich! Um dem Megahit Ghost in the Shell, der heute im Kino startet, auch vollstens gerecht zu werden, treffen die beiden SLEAZE-Kino-Schwergewichte Simon und Robert zum ersten Mal aufeinander, um im Sokratischen Dialog (Hehe, so dick wollte ich (Robert) schon immer mal auftragen) jeden, ja wirklich jeden Aspekt des Phänomens Ghost in the Shell zu beleuchten. Die Regeln sind ganz einfach: Einer legt vor, der andere tritt nach, bis einer aufhört zu schreien. Doch lies selbst! 😉

Laborzüchtung Major, bereit zum Kampf.

Vorab aber noch schnell überblicksmäßig zur Story des Films: In dem Cyberpunk-Science-Fiction-Streifen kämpfen u.a. Scarlett Johansson und Takeshi Kitano gegen Cyberkriminelle und andere Verbrecher in einem Japan der Zukunft. Überall gibt es Computer, Netzwerke und Elektronik allgemein in diesem Land, welches auch schon einen Dritten Weltkrieg hinter sich hat. Die gesamte Gesellschaft ist von der Technik durchdrungen. Die Sektion 9, eine Spezialeinheit der Polizei angeführt von Takeshi, nimmt es mit den schlimmsten, weil vernetztesten schweren Jungs der Zukunft auf. Jetzt aber: Ring frei!

Rob: OK Simon, lass uns zuerst über die „Legacy“ sprechen. Was ist denn Ghost in the Shell überhaupt, es ist ja ein Remake. Im Prinzip gibt es Ghost in the Shell, einen japanischen Anime aus dem Jahr 1995. Der Streifen ist ein Anime-Klassiker UND ein Film-Klassiker, soll heißen: Er ist richtig gut. Und er spielt auch in einer futuristischen, hoch-technologischen und -digitalisierten Zukunft. Er wurde damals als total visionär gelobt, weil: Es gibt einmal das Netz (und das Internet gab es ja 1995 schon, allerdings haben sich die Ghost in the Shell-Macher das damals schon eher in seiner heutigen Form vorgestellt), und dann sind auch noch die allermeisten Menschen Cyborgs in dieser Zukunft. Das heißt, sie haben implantierte elektronische Körperteile. Z.B. kriegt man einen neuen mechanischen Arm, wenn der eigene, „menschliche“ Arm kaputt geht. Solche Sachen.
Die meisten Figuren in Ghost in the Shell haben beispielsweise auch ein Cyborg-Brain, eine Art Zusatz-Gehirn. An dem ist dann gleich ein Stecker mit dran, mit dem man sich in das Netz einloggen kann. Ja, und so weiter. Es gibt noch etliche futuristische Sachen mehr im Ghost in the Shell-Kosmos, z.B. Künstliche Intelligenz oder auch Androiden (Komplett-Roboter, nicht zu verwechseln mit Cyborgs) 😉

New Port City: Stadt der Zukunft?

Genau, und in Ghost in the Shell gibt es jetzt die Sektion 9, das ist eine Super-Polizeieinheit, die sich u.a. auf Cyber-Terrorismus spezialisiert hat, Hacker und solche Sachen. Major Kusanagi, in der Real-Life-Verfilmung von Scarlett Johansson gespielt, ist Teil dieses Teams von Sektion 9. Und Sektion 9 muss häufig ziemlich abgefahrene Fälle klären. Konzerne spielen übrigens auch eine große Rolle in Ghost in the Shell, sind sehr mächtig in der Zukunft, oft mächtiger als Regierungen.

Wie dem auch sei, das originale Ghost in the Shell wurde damals als super-visionär gelobt, u.a. soll auch Matrix, der Film, ziemlich viel von Ghost in the Shell geklaut haben bzw. hat sich davon beeinflussen lassen.

Und der neue, Real Life-Ghost in the Shell mit Scarlett Johansson in der Hauptrolle, der jetzt ins Kino kommt, ist interessanterweise kein 1:1 Remake des Ghost in the Shell-Anime. Vielmehr werden auch aus GitS: Innocence, dem zweiten (Anime-)Kinofilm von 2004 sowie aus der Fernsehserie GitS: Stand Alone Complex Storys bzw. einzelne Elemente übernommen.

Und bevor ich jetzt an dich abgebe, Simon, vielleicht noch ein Wort zu „Major“, der Hauptfigur. Keine Angst, das sind keine Spoiler, sondern wird alles innerhalb der ersten fünf Minuten des Films erklärt: Major ist auch ein Cyborg, allerdings ein ziemlich happiger: Sie hat nur noch ihr menschliches Gehirn. Nach einem Unfall hat ihr die Regierung freundlicherweise einen kompletten Cyborg-Körper spendiert, von ihrem menschlichen Körper war außer dem Gehirn nichts mehr zu retten.
Dadurch ist sie die absolute Super-Polizistin geworden, kann alles Mögliche machen, beispielsweise durch „thermo-optische Tarnung“ unsichtbar werden, hacken etc. Sie ist das Star-Mitglied von Sektion 9, die beste Kämpferin der Truppe. Ihr Cyborg-Körper gehört allerdings auch der Regierung und muss von der gewartet werden. Viel Mensch ist an ihr nicht mehr dran. Das ist also die Ausgangslage. Simon, wie hat dir der Film gefallen, besonders visuell?

Majors Partner Batou – „überwiegend menschlich“

Simon: Weißt du Robert, ich finde, es ist sehr schwer, uns, dem verwöhnten Kinogänger, im Science-Fiction-Genre etwas Neues zu bieten. Wenn ein Genre, dessen größter Bestandteil darin besteht, dem Zuschauer etwas zu zeigen, das es in Wirklichkeit nicht gibt, aber dennoch technisch einigermaßen glaubwürdig für die Zukunft sein soll, wenn dieses Genre so einen großen Output hat, ist es schwer. In den letzten 60 Jahren haben wir, was Sci-Fi-Filme angeht, eigentlich schon fast alles gesehen. Außerdem sieht heutzutage ja eh jeder Mainstream-Sci-Fi-Film gleich aus. Schau dir doch bloß mal die neuesten Beiträge zur Star Trek-Reihe an. Innovation sieht anders aus. Aber wie kann man diesen verwöhnten Kinogängern noch etwas Neues bieten, wenn es kaum neue Ideen gibt? Retro. Auch im Film wird der „Vintage-Effekt“ immer populärer.

Und genau das macht Ghost in the Shell richtig. Die Zukunft sieht so aus, wie man sie sich in den 90ern, als das Manga veröffentlicht wurde, vorgestellt hat. Nur mit wesentlich besseren Effekten. Man fühlt sich wie in einer digital verschönerten Version von Blade Runner. Aber mal abgesehen von diesem Retro-Future Look sieht generell alles wirklich gut aus. Die düsteren Gassen, das Charakter-Design und das gut eingesetzte CGI machen den Film visuell echt zu einem Spaß. Viele Szenen wurden genauso übernommen wie man sie aus dem Anime von ’95 kennt, genauso wie einige Fahrzeuge und Gebäude.
Klar, viel Neues ist auch dabei, aber man muss sich ja auch nicht komplett an die Vorlage halten. Eine meiner Lieblingszenen des Films war zum Beispiel die veränderte Anfangsszene, in der ein fantastisch aussehender Geisha-Cyborg in Aktion zu sehen ist. Auch die Personen sehen im Grunde wie die Originale aus.

Superheldin der Zukunft: Major

Aber da sind wir schon bei meinem größten Kritikpunkt: dem Aussehen der Charaktere. Die Hauptcharaktere sind nämlich größtenteils weiß, was nun so gar nicht dem Original entspricht. So etwas ist schade, denn es kostet den Film viel an Glaubwürdigkeit, wenn eine japanische Spezialeinheit fast ausschließlich aus westlichen Genen besteht. Trotzdem muss man sagen, dass ihre äußerliche Erscheinung, vor allem die von Majors Partner Batou, sehr dem Original entspricht. Wie ist denn deine Meinung zu diesem Whitewashing, Robert?

Rob: Finde ich auch, Simon. Der Streifen ist visuell ein Meisterwerk, auch der Vergleich mit Blade Runner ist sehr treffend. Die Sache mit dem „Whitewashing“ ist diffizil: Ja, der Film könnte mehr asiatische Charaktere vertragen, besonders in Nebenrollen wäre das nicht schwer gewesen. Nachdem ich das gesagt habe, sei aber auch gesagt: Ich stelle mir so ein bisschen die Frage, ob diejenigen, die das Whitewashing jetzt kritisieren, überhaupt Manga- und Anime-Fans sind. Hast du dir die weiblichen Charaktere in Mangas mal angesehen? Abgesehen davon, dass die immer „Fetisch-mäßig“ übersexualisiert sind, haben die Frauenfiguren auch immer übergroße Augen und sehen auch sonst oft eher europäisch aus. Wünschen sich die politisch korrekten „Whitewashing“-Kritiker eine Hauptfigur, die „asiatischer“ aussieht als in der Vorlage? Ich finde, dieser Vorwurf kann Ghost in the Shell nicht wirklich ankratzen – Haters gonna hate! 😉

Ich möchte hier aber nochmal auf etwas ganz anderes zu sprechen kommen: Ja, der Film ist visuell ein Meisterwerk, hat die perfekte Oberfläche (und das bezieht sich nicht nur auf Scarletts hautengen Anzug). Und ja, die Storys sind cool und die gezeigte Zukunft ist erst recht fett. Aber Ghost in the Shell, der Anime, hatte auch eine ganz wunderbare philosophische Dimension. Und zwar ging es immer um die Frage: Was ist der Mensch? Das kommt einmal über die Cyborgs: Die cyborgisierten Menschen können nämlich mehr tun als „wir“, die Menschen ohne Update. Sie verfügen über erweiterte Sinne, haben viel mehr Kraft und Schnelligkeit, können sich mit ihren Cyborg-(Zusatz)Gehirnen mit dem Netz verbinden. Solche Sachen.

Eigensinniger Ghost: Scarlett / Major

Und diese Frage „Was ist der Mensch?“ hieß, besonders in Majors Fall, auch immer: Was ist echt? Wenn man selbst Erinnerungen implantieren und damit fälschen kann, wenn mein Cyborg-Gehirn gehackt werden kann, stimmt dann überhaupt meine eigene Biografie? Ist vielleicht mein Ghost, mein angebliches menschliches Gehirn, auch nur eine Fälschung. Was ist also das Selbst?

Das sind spannende Fragen (und in aller Fairness muss man sagen, dass gerade Frage II, Was ist echt?, auch vorkommt in Ghost in the Shell, der Realverfilmung). Ich störe mich allerdings ein wenig daran, mein erster Kritikpunkt!, dass das alles ein wenig oberflächlich abgehandelt wird in dem Film. Majors gesamt Situation wird innerhalb der ersten fünf Minuten in Worten erklärt. Das ist für mich als Zuschauer ziemlich unbefriedigend. Ich möchte mir als Zuschauer Informationen auch mal selbst zusammensetzen. Ja, und auf diese „Erklärungsart“ geht es danach auch weiter im Film. Große Fragen werden runtergekocht und vereinfacht auf Fünftklässler-Niveau. Das philosophische Level der Vorgänger, vor allem des ersten Anime, erreicht die Realverfilmung nie, und das ist schade (aber womöglich dem allgemeinen Kino-Niveau derzeit angemessen).

Simon: Nun, dass Ghost in the Shell, gerade in Hinsicht auf die tiefgründigeren Themen, nicht die Tragweite der Anime-Vorlage erreicht, war ja fast zu erwarten. Leider ist es ja immer so, wenn Hollywood ausländische Filme adaptiert und für das eigene Publikum umschreibt, sie viel von der Originalität verlieren. Gerade in Bezug auf Japan kommt mir da die amerikanische Version von Ringu in den Sinn, oder aber auch das Remake vom koreanischen Oldboy. Bei solchen Filmen hat man das Gefühl, das gerade das, was den Reiz des Originals ausgemacht hat, fehlt – meistens Teile der Handlung oder Szenen, die nicht auf ein Mainstream-Publikum zugeschnitten sind.

Sexy & gefährlich: Scarlett

Dem Himmel sei Dank wurde bei Ghost in the Shell nicht eine solche Weichspülung vorgenommen. Man erkennt noch viel vom damaligen Spirit und von dem, was die Macher sagen wollten. Und gerade dieser Kern hat nichts an Aktualität verloren. Gerade heute, in Tagen der Cyberkriminalität und ständigen, technologischen Vernetzung, wirkt Ghost in the Shell so bedeutend wie nie. Der ständige Wunsch nach Verbesserung und Kontrolle der Technik, zunehmend politisierende Unternehmen und auch soziale Ungerechtigkeit (die im Film aber leider nur kurz angerissen wird) sind Themen, die den Filmemachern des Remakes wichtiger waren als die philosophischen Aspekte. Die wären ohnehin nicht dem ganzen Publikum verständlich gewesen.

Aber ich will trotzdem behaupten, dass es sich bei Ghost in the Shell trotz allem um einen wichtigen und durchaus gelungenen Beitrag zum Science-Fiction-Genre handelt, welchen man auf jeden Fall empfehlen kann. Also dann, Domo Arigato, Mr. Roberto!

Rob: Hehe, danke Simon! Und ja, du hast auf alle Fälle recht: Die (zeitlosen) philosophischen Themen wurden eher ersetzt durch zeitgemäße digitale Problematiken und andere Entwicklungen. Gerade der Konzernchef des Films erinnert ja auch fast an Mark Zuckerberg, Elon Musk und Konsorten.

Und ansonsten kann ich mich abschließend nur Simons Empfehlung anschließen: Schau dir diesen Film an! Und zwar auf der großen Leinwand, am besten gleich im IMAX oder so. Denn er ist wirklich fett und sieht soooo gut aus. Und Major ist meiner Meinung nach auch einfach die perfekte Actionheldin: Keine lahmen Superkräfte à la Avengers oder Suicide Squad! Ihre Kraft kommt allein aus der Technik und ist dadurch sogar irgendwo wirklich möglich!

Meine Empfehlung an „Hollywood“ ist ganz klar: Haut richtig viele Fortsetzungen raus! Gerne im jährlichen Star Wars-Takt. Denn wir wollen (noch) mehr davon. Und ganz nebenbei warten auch noch viele andere Storys bereits fertig im Manga und in der Fernsehserie darauf, verfilmt zu werden. U.a. gibt es da auch noch bessere Bösewichte (Puppetmaster, Laughing Man) als in der Realverfilmung. Aber eine Fortsetzung muss man sich ja heutzutage gar nicht mehr wünschen – die kommt bestimmt. 😉

Robert & Simon

Titel: Ghost in the Shell
Regie: Rupert Sanders
Laufzeit: 107 Min.
: 30.3.2017 (dt. Kinostart)
Verleih: Paramount Pictures

KEINE KOMMENTARE

Kommentar verfassen