Gespaltene Stadt

Gespaltene Stadt

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Lyon im südlichen Frankreich durchfließen gleich zwei Flüsse, die Rhône und die Seône. Weil die beiden Gewässer, ebenfalls im Süden, zusammentreffen und so einen „neuen“ Fluss bilden, den die Lyoner Beaujoulais nennen, muss man sich den Stadtplan ein bisschen vorstellen wie New Yorks Manhattan. Die beiden Flüsse schließen eine „Halbinsel“ ein, links und rechts davon geht die Stadt noch weiter. Allerdings ist sie ganz und gar nicht flach. Im nördlichen und westlichen Teil der Stadt gehen die Straßen steil nach oben und die Häuser sind somit an einen Hang gebaut. An sich kein Wunder, da Lyon die Hauptstadt der Region Rhône-Alpes ist. Mit Bergen muss man hier rechnen.

Stadtplan-Lyon-Sleaze

Womit ich allerdings nicht gerechnet habe, ist die Aufteilung der Viertel. Normalerweise sind die teureren und schöneren Viertel dort, wo es sich leicht leben lässt, die Lyoner sehen das aber anscheinend anders. Im Westen der Stadt, auch Vieux Lyon, also altes Lyon genannt, stehen wunderschöne französische Häuser mit Verzierungen und metallenen Balkongestellen an den Wänden, sie alle sind im Stil des Historismus gebaut. Über ihnen thront die Basilique Notre Dame de Fourvière. Die Leute sind so gut angezogen, dass ich mit meinen Nikes schon nach dem nächsten Schuhladen Ausschau halte. Es gibt kleine Patisserien, Brasserien und Chocolaterien, die mit ihren Schaufenstereinlagen magisch anziehend wirken. – Wer die Spezialitäten aus Patisserien nicht kennt, Éclaire au Chocolat und Tarte de citron meringue sind zum Niederknien. –

2015-11-04 16.16.44Wenn man hier durch die Straßen läuft, wirkt von überall der französische Charme, die Leute lächeln, bieten dir an, Fotos von dir zu machen, wenn du gerade verzaubert vor einem Bauwerk stehst, oder Katzen springen dir von einer tief gelegten Fensterbank entgegen.

Dieser ganze Charme ist an den Hängen rund um die Flüsse gebaut. Die Straßen sind steil und ich bin froh, hier nicht Auto fahren zu müssen, das Anfahren wäre jedesmal ein kleines Abenteuer. Zwischendurch erleichtern kleine Treppen den Fußgängern das Vorankommen. Im Norden ist es noch steiler und ich gerate ins Schwitzen, während die kleine Gasse vor mir kein Ende nehmen will.

Gasse-Lyon-Sleaze

Immer wieder tauchen winzige Parkanlagen auf, die aus zwei Bänken, sechs Bäumen und einer Grünfläche bestehen. Ab und zu lassen sich hier auch die U-Bahn-Aufgänge finden. Wenn man allerdings oben im vierten Arrondissement ankommt, steht man wie auf einer Aussichtsplatform und die gesamte Stadt erstreckt sich unter einem. Genau dieser Ausblick war den gesamten Marsch nach oben wert – außerdem hätte ich auch den Bus nehmen können, wie mir später auffällt. Die Lyoner wissen diese Aussicht zu schätzen und so sitzen hier Schulkinder, Männer im Anzug mit Aktentasche oder junge Frauen mit Kinderwagen, essen ihre mitgebrachten Brote oder trinken Kaffee.

Ausblick Lyon-Sleaze  Ausblich-Lyon-Nacht-Sleaze

Die Architektur ist hier im gleichen Jahrhundertwenden-Stil, wenn sie auch langsam, aber sicher maroder wird, umso weiter man sich von Vieux Lyon entfernt. Hier kommen auch die ersten neueren Wohnungsbauten vereinzelt zum Vorschein. Überall lassen sich kleine oder große Streetart-Kunstwerke entdecken, die auffallend oft sehr hoch von Vordächern aus auf die Häuser gebracht wurden. Außerdem sind viele Hausfassaden komplett bunt besprüht, graue Wände findet man hier nicht.Bunte Wand Lyon-Sleaze

Die Stilrichtungen der Graffiti variieren und trotzdem harmoniert alles miteinander und vor allem erstaunlich gut mit den alten Häusern. à Fotos Streetart Auch Papier-Sticker kleben an jeder Ecke und bei genauerem Betrachten kann man sie verschiedenen Lyoner Gruppen zuordnen. Übung scheint hier niemand nötig zu haben, denn die Wandverzierungen sind alle von sehr hohem Niveau, Gekritzel und Schmierereien wie bei uns an jeder Straßenecke sind hier kaum zu finden.

Streetartgang-Lyon-Sleaze  Streetart-Lyon-Sleaze  Graffiti-Lyon-Sleaze

Läuft man auf der Halbinsel allerdings Richtung Süden, breitet sich ein beklemmendes Gefühl aus. Überall sind Baustellen, die Autobahnen wurden mit Brücken über die vierspurigen Straßen neben dem Bürgersteig gebaut. Ein paar Büroblocks, Aldis oder kleinere Hochhäuser sind schon fertig und ziehen Geschäftsleute oder Bettler an. Ein grell orangener Würfel steht ganz abseits hinter einem Feld auf einem Kohlehaufen. Dreht man den Kopf nach links, steht dort ein Zirkuszelt zwischen den Bahngleisen. Nachdem man verzaubert aus dem traumhaften Nordwest-Teil der Stadt kommt, ist dieser Anblick wie ein Stich ins Herz. Es ist grau, laut und unvorstellbar hässlich.

Zirkus-Lyon-Sleaze   Oranger-Block-Lyon-Sleaze

Hier war früher das Industriegebiet der Stadt. Heute wird das alles dem Erdboden gleichgemacht für ein neues Kultur-Viertel. Das man sich hier einmal wohlfühlen wird, ist kaum vorstellbar. Am Anfang des Beaujoulais und dem gleichzeitigen südlichsten Zipfel der Halbinsel steht das Musée des Confluence, das mit seinem dekonstruktivistischen Gebäude wenigstens ein bisschen zu dem gewollt-modernen Eindruck verhilft.LyonMuseum-Sleaze

Ich steige in die U-Bahn, um zurück ins Stadtzentrum zu fahren und auch hier ist plötzlich alles dunkel, die Menschen schauen auf den Boden oder mustern mich von der Seite, nichts mehr übrig von dem herrlichen Flair der Stadt. Im Osten Lyons hat die Konsumverwahrlosung der Gesellschaft Einzug gehalten und die Häuserblocks sehen nach 60er Jahre aus statt verträumter Jahrhundertwende. Die Shoppingmeilen mit H&M, McDonalds und Claires sind grau aber gut besucht, jeder Zweite läuft mit einer Primark-Tüte in der Hand herum und vor dem Hauptbahnhof ist so eine große Baustelle, dass man den Eingang nicht mehr findet.

Lyon wirkt, im Ganzen betrachtet, unfertig. Es herrscht ein Gegensatz von Architektur, Funktionalität und Lebensgefühl, wie ich ihn vorher in noch keiner Stadt so stark bemerkt habe. Nichtsdestotrotz würde ich gern in zehn Jahren wiederkommen, denn auch dieser Kontrast von supermodern zu romantisch alt könnte durchaus Charme haben.

Milena

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