Genervt von: „TOURISTEN RAUS.“ „DIE MAUER SOLL WIEDER HOCH.“ „SCHEISS SCHWABEN.“

Genervt von: „TOURISTEN RAUS.“ „DIE MAUER SOLL WIEDER HOCH.“ „SCHEISS SCHWABEN.“

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berliner-akzenteIch bin von dem Gerede genervt und kann diese Ausgrenzscheiße nicht mehr hören! Es spricht: Ein Eingeborener.

Genervt, genervt, genervt! Das sollen Berliner ja sein können. Aber auch das Herz auf dem rechten Fleck haben. Und so tolerant sein. „Leben und leben lassen, sag ick imma.“, wie es so schön bei der Waschfrau im Lied von P.R. Kantates „Günther“ heißt. Für alle, die das Lied nicht kennen: Es ist sowas wie die Berliner Variante von „MfG“ von den Fantastischen Vier (Schwaben, oh heiliger Berliner!!!).
In Berlin ist inzwischen nix mehr mit leben und leben lassen. Das zeigt nach Aufklebern wie „Schwaben raus“ auch der gestern Nachmittag auf tagesspiegel.de gepostete Artikel mit dem Inhalt, wie schön ruhig es doch ist zu Weihnachten ohne diese Zugezogenen (nur wer die Feiertage in Berlin verbringt, ist der Artikellogik nach ein ECHTER Berliner.) Traurigerweise haben diesen Ausgrenzaufguss zig meiner Facebook-Freunde geliket.
Ich hoffe einfach mal, dass die meisten einfach nur froh sind, dass man schneller durch die Stadt kommt, dass man Parkplätze findet oder was noch an kleinen Annehmlichkeiten passiert, wenn eine volle Stadt ein bisschen leerer wird. Aber zwischen den Zeilen steckt eine ordentliche Portion Ausgrenzung im Sinne von „ohne euch ist’s schöner“ und „ihr seid hier nicht (mehr) wirklich willkommen“.
Das übliche Status quo aufrecht erhalten. Bis zu einem bestimmten Zeitpunkt war es toll, dass Berlin so geliebt wird, aber jetzt ist die Nachfrage zu groß geworden. Selbst die Nichtberliner kotzen jetzt ab über neue Zugezogene. Das liegt zwar auch daran, dass alle nur in den Berliner Five Boroughs (Kreuzberg, Friedrichshain, Neukölln, Mitte, Prenzlauer Berg) wohnen wollen. Klar ist es dann da teuer, und klar ist es dann da voll. (Nur am Rande: Neuberliner hängen zwar auch nur in ein, zwei Bezirken ab, wundern sich aber gern mal, dass sie in dieser Riesenstadt ihren Grundschulkameraden wiedertreffen. Aber…sind sie nicht eigentlich auch aus dem Kleinstadtmief geflohen, weil da jeder jeden kennt?)
Die Konsequenz von 20 Jahren Nachfrage ist selbstverständlich eine Teuerung. Wer würde nicht mehr Miete für die Eigentumswohnung nehmen, wenn er es kann? Klar ist auch, dass es nicht zu schnell zu teuer werden darf, damit die Stimmung in der Stadt so lässig bleibt, für das Berlin weltweit so bekannt ist. Und man schon fast sagen kann, bekannt WAR.
Meine Hoffnung ist, dass es nur die Meinung einer Generation Facebook ist. Andererseits greifen Medien die Sachen oft auf, wie man am Tagesspiegel-Artikel sehen kann. Mehr freie Parkplätze gibt es selbstverständlich kaum in Bezirken, die viele Neu- und Altberliner nie gesehen haben. Also, in Großteilen der acht anderen Bezirke (Friedrichshain-Kreuzberg ist offiziell ein Bezirk, falls jemand nachgezählt hat. Mehr hier.)
Und noch ein letzter Denkanstoß, bevor ich mich genug ausgekotzt habe: Viele Startups werden von Nichtberlinern gegründet, ein Großteil der Coolheit geht also nicht mehr auf das Konto von Berlinern. Damit kommen wir zur großen interessanten Frage: Wie wird es, wenn Berlin von den Preisen her angepasst ist. Kann die Stadt dann ihren Coolheitsfaktor erhalten wie andere Städte, zum Beispiel das große Vorbild New York? Dass es sich dann keine Bereiche in der Innenstadt wie Moabit mehr leisten kann, wo in bester Citylage lange niemand so recht hinziehen wollte, ist klar.
Berliner sind sehr verwöhnt. Sie waren schon oft in der Geschichte etwas Besonderes, im negativen wie im positiven. Es gibt wohl nirgendwo weltweit eine Stadt, die so viel Kultur, Geschichte, Sicherheit und günstige Preise vereint wie Berlin. Trotzdem – oder gerade deswegen – wäre es schön, wenn wir das erhalten können. Und das geht nur mit einer ordentlichen Portion Toleranz. Das gilt natürlich auch für die Neuberliner. Mit hierherziehen und sich dann für das Schließen von Clubs und ähnliches einsetzen macht das kaputt, weshalb du hergezogen bist: die vielleicht tollste Stadt der Welt.
Es schrieb: Ein Eingeborener.

danilo

 

2 KOMMENTARE

  1. Berlin befand sich schon immer im Wandel, alleine schon die alte Kreuzberger Szene bestand zu einem großen Teil aus Zugezogenen. Nur kommen verhältnismäßig weniger „Fliehende“ als vielmehr Mittelstandskids nach Berlin um hier im Stile der Billigtouris zu rocken – bevor sie gehen, woher sie kamen. Diese ganzen feminisierten Typen, die per Vollbart beweisen müssen, dass noch Testosteron in ihnen ist. Diese Leute, die wie aus Männermode-Magazinen ausgeschnitten scheinen. Diese Leute, die die elterliche Unterstützung in eine weitere „Galerie“ investieren in der mensch dann zehn verschiedene Kaffees schlürfen und an irgendwelchen „Projekten“ arbeiten kann. Diese Leute, die ihre Spiessigkeit nicht ablegen, die Toleranz (aka Duldung) verlangen und selbst rücksichtslos verdrängen. Diese Leute werden immer mehr. Der Prenzl’berg ist schon verloren, F’hain und Neukölln folgen gerade. Diese Leute zerstören, was Berlin sexy gemacht hat – nicht der Protest gegen sie.

  2. Ich sehe das zwar nicht so. Aber selbst wenn das so wäre, bringt doch Beschimpfen und Ausgrenzen nichts. Wo sind die Lösungsansätze, die etwas bringen? Wo ist die Anerkennung für Hierziehende, die wirklich etwas Positives für die Stadt schaffen? Ich seh immer nur einseitiges Draufkloppen, diesmal halt auf Hipster.

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