Fürchten wie früher: The Void

Fürchten wie früher: The Void

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Was schockt heute eigentlich noch? In unserer heutigen Welt erwartet einen ja schon durch die täglichen Nachrichten der pure Horror. Und das Hören der aktuellen Single-Charts lässt einen mittlerweile fast genauso erschaudern wie damals diejenigen, die sich 1973 Der Exorzist im Kino ansahen.

Bei solchen alltäglichen Grausamkeiten hat es der heutige Horrorfilm schwer. Und mal ganz ehrlich, aktuelle Horrorfilme machen es einem ja auch nicht unbedingt leicht. Exzessiver Gebrauch von lauten Jump Scares, mieses CGI und vor allem uninspirierte Geschichten – das bekommt man vor allem, wenn man doch mal einen der neusten Gruselfilme anschaut. Das Problem dabei: So etwas verkauft sich einfach gut. Die Leute geben tatsächlich Geld dafür aus. Somit wird die Kuh gemolken, bis ihre Euter auf dem Boden schleifen.

SLEAZE + Void
Hipster-Kultisten in Aktion

Gerade deshalb kommen so viele tatsächlich gute Horrorfilme auch nur auf DVD oder Video on Demand raus. Vor allem die meisten Indie- oder Arthouse-Horrorfilme werden so veröffentlicht. Die haben zwar ein geringeres Budget als zum Beispiel Conjuring 2 oder dergleichen, aber setzen ihre Akzente daher halt eher auf Retro- oder bessere künstlerische Einflüsse. So auch die Produktion The Void. Diese stammt erstaunlicherweise vom kleinen Studio Astron 6, welches Genrefans vielleicht noch von charmanten Low-Budget-Horrorkomödien wie Manborg oder Fathers Day kennen. Wenn nicht, ist es aber auch nicht so schlimm, denn die waren, naja, irgendwie schäbig.

Umso erstaunlicher ist The Void. Aber bevor hier zu sehr auf die Materie eingegangen wird, sollte noch einmal kurz die Handlung zusammengefasst werden. Diese findet während einer nebeligen Nacht im kanadischen Hinterland statt, wo Deputy Carter zufällig einen verletzten Junkie aufgabelt. Er bringt ihn zu einem einsamen Krankenhaus, welches bis auf ein paar Angestellte und noch weniger Patienten ziemlich leer ist. So macht es jedenfalls zu Beginn des Films den Anschein. Kurz nach der Ankunft wird die Situation allerdings immer bizarrer.

SLEAZE + Void
Das beliebte In-Getränk: der „Schrei-Latte“

Ein mysteriöser Kult in weißen Kutten umstellt das Gebäude und auch im Inneren kommt es zu blutigen Auseinandersetzungen mit grotesken Kreaturen, die früher wohl mal Menschen waren. So beginnt das immer kleiner werdende Grüppchen zu verstehen, dass dies alles mit etwas Bösem im Keller des Krankenhauses zu tun hat. Um noch mehr aufzutrumpfen, sind außerdem mit dabei: Tentakelmonster à la Cthulhu, kranke Experimente und interdimensionale Portale.

Der blanke Horror oder doch ganz gut?

Soweit klingt das ja ziemlich cheesy. Was also lässt The Void so außergewöhnlich sein? Ganz einfach, er ist 90 Minuten purer Terror. Im Großen und Ganzen lässt er sich wohl als den unheiligen Bastard von Hellraiser II und so ziemlich allen John Carpenter-Filmen beschreiben. Und oben drauf noch eine gute Portion H.P. Lovecraft und Akte X. Er ist so herrlich altmodisch und trotzdem modern.

Vor allem beeindruckend ist das Aussehen beziehungsweise die Effekte des Films. Es wird ausnahmsweise mal wieder auf diesen CGI-Auatsch verzichtet, dafür gibt es herrlich morbide, handgemachte Effekte. Und die haben es trotz dem Mini-Budgets wirklich in sich und stehen denen in The Thing in nichts nach (um wieder auf den Carpenter-Vergleich zurückzukommen, der wird im Film nämlich mindestens vier Mal bildlich zitiert). Und die Effekte werden auch in ihrer vollen Pracht gezeigt, nicht etwa nur vage durch Taschenlampenlicht oder Shaky-Cam angedeutet. Nein, sie werden mit dem Selbstvertrauen von Künstlern präsentiert, die wissen, dass sie gute Arbeit geleistet haben.
Aber neben den Effekten stimmt auch sonst visuell alles bei dem Film. Es gibt eine Menge Symbolismus, der die immer wieder vorkommenden Dreiecke beinhaltet sowie Einstellungen von dunklen, ominösen Wolken, was die fantastischen und übernatürlichen Themen des Films unterstützt. Zusätzlich wurde offensichtlich viel Wert auf einen bedrohlichen Score gelegt, der nicht zu sehr die Retro/80er-Schiene reitet. Vielmehr ist es ein cleverer, mit dem richtigen Timing eingesetzter Klangteppich, der einem nochmal so richtig Bescheid sagt, wenn es gruselig wird.

SLEAZE + Void
Arzt ohne (moralische) Grenzen
Woran fehlt es?

Schauspieltechnisch kann The Void auch überzeugen. Nur verschenkt er bei den Charakteren einige Punkte. Die Gruppendynamik der Überlebenden scheint nie zu funktionieren – oder manchmal überhaupt Sinn zu machen. Es gibt ein paar traurige Momente von schlechten Charakterentscheidungen, die niemals praktisch, zweckdienlich oder in irgendeiner Weise vernünftig erscheinen. Aber das ist ja im Grunde nichts Neues bei Horrorfilmen und sollte einen im Grunde nicht weiter stören.

Man sollte vielleicht auch erwähnen, dass der Film im dritten Akt wieder etwas an Spannung verliert. Das soll nicht heißen, dass er dann langweilig wird oder so, aber es geht doch etwas von der ursprünglichen, mysteriös bedrohlichen Atmosphäre verloren. Das Finale driftet etwas arg in gewöhnliche B-Movie-Gefilde ab, und wären die blutigen Gore-Einlagen nicht so verdammt gut gemacht, könnte man da durchaus noch mehr negative Kritik äußern.

Aber wie auch immer. Für das, was der Film sein will, und zwar eine ernst zu nehmende Hommage an die alte Garde des Horrorkinos, hat er alle Zutaten für das perfekte Blutgericht, gewürzt mit ein bisschen künstlerischem Anspruch. Für Genrefans ein absolutes Muss, und für alle anderen mit nicht allzu schwachen Nerven vielleicht auch einen Blick wert.

Simon

Veröffentlichung: 19.05.2017
Laufzeit: 91 Minuten
Bildformat: 16:9
Sprachen: Deutsch, Englisch
Regie: Steven Kostanski, Jeremy Gillespie
Hauptdarsteller: Aaron Poole, Natalie Brown, Kenneth Welsh
Verleih: Ascot Elite

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