Freaks: Ganz schön anders

Freaks: Ganz schön anders

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SLEAZE + Freaks

Als Medienpartner des tollen Fantasy Filmfest entdeckten wir auf dem Festival viele tolle, neue Filme – wie Freaks. 

Dieser Film ist der seit Langem realistischste Superheldenfilm, ohne Superheldenfilm zu sein. Freaks dreht sich um existenzielle Fragen der Andersartigkeit.

Was macht uns normal? Was macht uns anders? Was verbindet uns? In den Fahrwassern eines intimen Familiendramas erzählt das Regieautorenduo Zach Lipovsky und Adam Stein eine Geschichte über Außenseiter, Gejagte und menschlichen Irrsinn.

SLEAZE + Freaks
Voll die Freaks…

Ein Vater (Emile Hirsch) lebt mit seiner Tochter Chloe (Lexy Kolker) zurückgezogen in einem dunklen Haus. Das viele Gerümpel und die spärliche Beleuchtung zeugen von einem langen Leben in der Isolation.

Schon zu Beginn tun sich viele Fragen um diese „Freaks” auf. Etwa dann, wenn das männliche Familienoberhaupt seinem Kind mit Nachdruck Normalität eintrichtern will und dafür eine Art scheinbar regelmäßigen Verhaltenstrainings einfordert.

Was heißt hier eigentlich Freaks?

Unbedeutend ist hierbei zunächst, aus welchem Grund Vater oder Tochter vermeintliche Freaks abseits der gesellschaftlich akzeptierten Norm sein oder auch nicht sein könnten. Bedeutsam ist, dass Freaks um diese Fragen kreist und speziell die Reaktionen der Betroffenen mitsamt ihrer Konsequenzen ins Zentrum seiner Erzählung rückt.

Zach und Adam zeichnen eine Welt, in der „Andere” nicht an der Spitze einer kultischen Verehrung, sondern am Rande ihrer Existenz stehen. Womöglich kann es eine Welt geben, in der die reale oder angenommene Absonderlichkeit zu Ruhm führt.

In dieser Welt würden Superheldenteams wie die Justice League oder die Avengers prächtig gedeihen. In der Welt von Freaks, die womöglich realistischere Variante, wären Wonder Woman, Captain America oder Aquaman bis aufs Blut Gejagte.

Es ist zunächst ebenfalls unerheblich, ob ihre Kräfte real erlebbar existieren oder Hirngespinste sind. Allein die Annahme gepaart mit einer zutiefst reaktionären und feindlichen Ausgrenzung reicht aus, um Normalsein vom Freaksein zu trennen.

Der Film verliert sich für meinen Geschmack später zwar in einer allzu bekannten Spannungsdramaturgie nach dem Schema der kürzer werdenden Zündschnur einer scharfen Bombe. Bis dahin wandelt er aber leichtfüßig auf einem mysteriösen Grat zwischen Familiendrama und dem Wahnsinn menschlicher Geisteskonstruktionen.

Denn nichts anderes ist Ausgrenzung. Sie ist ein willkürliches Erschaffen eines Feindbildes, eine Konstruktion, eine Fiktion, ein Mythos in Schwarzweiß. Wenn Freaks anfänglich von diesen „mythischen” Figuren erzählt, gelingt es ihm, mit unserer Unwissenheit angesichts der uns gezeigten Umstände zu spielen.

SLEAZE + Freaks
Was es wohl mit diesem Eisgreis auf sich hat?

An diesem Punkt könnte die Geschichte jegliche erdenkliche Richtung einschlagen, etwa dass der Vater selbstgewählt oder beispielsweise durch paranoide Tendenzen „Freak” ist. Die Welt außerhalb der verhangenen vier Wände könnte die wahre Freakshow sein oder aber er ist in den Augen der Allgemeinheit tatsächlich ein so genannter Freak auf Grundlage einer ihm zur Last gelegten Eigenschaft oder Verhaltensweise.

Spielerisch ins Unbekannte

Solange die konkreten Hintergründe der Geschichte im Unklaren bleiben, glitzert der Film wie ein kaum gesehenes Kinojuwel. Ohne das Ausweichen in eine rationalisierende oder einer kausalen Logik folgenden Erklärung sieht sich die Story gezwungen, ihre Filmwelt nicht wörtlich mit allerlei Beschreibungen zu entzaubern, sondern sich innerhalb ihrer Grenzen und an deren Rändern zu bewegen.

Damit gelingt es Freaks nicht nur, ein großes, interessantes Mysterium zu erschaffen, in das abzutauchen gilt. Seine Figuren erhalten frei von Wertung und einer allzu eingerahmten Prämisse eine lebendige Bühne der Interaktion und Menschlichkeit.

Der Film zeigt uns Menschen, die womöglich keine „echten” und vielleicht sogar gefährlich sind. Vielleicht ist alles aber auch nur Humbug. Als Zuschauer ist man auf vollen Konfrontationskurs mit den eigenen Vorurteilen. Sorgsam streut die Geschichte anfangs höchstens Ansätze einer möglichen übernatürlichen Existenz und ihren potenziell gefährlichen Konsequenzen ein.

Dabei kreist er gerade auch in Zeiten der allgegenwärtigen Reiz- und Informationsflut um einen grundlegenden Konflikt: Auf der einen Seite steht das menschliche Wesen als hysterisches, ängstliches Nervenwrack, das beiderseits auf ein Gegen konditioniert werden kann. Auf der anderen Seite sehen wir das neugierige, abenteuerliche Wesen auf der Suche nach dem Unbekannten.

Der Film gerät erst dann in Schieflage, wenn sein Geheimnis zu bröckeln beginnt und er seinen Zwiespalt nicht in der intimen und rätselhaften Auseinandersetzung ergründet, sondern einen offenen Schlagabtausch austrägt.

SLEAZE + Freaks
Drinnen oder draußen?

An diesen Bruchstellen hatte ich den Eindruck, als würde der Film sein Selbstvertrauen verlieren. Zwar findet er auch im angezogenen Tempo noch so manche Ideen, die mit dem Thema der Superhelden bzw. des Übernatürlichen auch abseits reinem Knallspektakels spielerisch jonglieren.

Gleichzeitig verblasst sein zuvor etabliertes Rätsel, dem nun ein klar definierter Konflikt weicht, der auf ein ebenso klar strukturiertes wie vorhersehbares Ende zusteuert.

Dadurch erleidet Freaks insgesamt zwar atmosphärische Risse, doch letzten Endes bleibt ein Film, der sich über weite Strecken erfrischend eigenständig anfühlt und sich dem Thema der Andersartigkeit, Angstmechanismen und menschengemachtem Wahnsinn mit starker Stimme annimmt.                             

Alex

Titel: Freaks
Kinostart: noch ohne deutschen Kinostart
Dauer: 104 Minuten
Genre: Drama, Science-Fiction, Thriller
Produktionsland: Kanada, USA
Filmverleih: Splendid Film

 

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