Finsterworld – Ein Comic von Liebe und Deutschland

Finsterworld – Ein Comic von Liebe und Deutschland

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Ein Comic von Liebe und Deutschland. Ein Film von Neurosen und Abgestumpftheit. Ein Theaterstück über vergiftete Familien, über die Unfähigkeit zu interagieren und vor allem zu kommunizieren. „Finsterworld“ von Frauke Finsterwalder und ihrem Mann Christian Kracht zeichnet verdammt klare Linien, funktioniert mit höchstmöglicher Stereotypisierung und wirft dabei trotzdem mehr Fragen auf, als Antworten in einem Spielfilm gegeben werden können.

Finsterworld
Finsterworld

Die deutsche Identität und Vergangenheitsbewältigung wird wieder aufgerollt. Das ist ja mal ganz was Neues! Deutsch sein heißt hadern und auch mit dem Deutsch sein wird gehadert. Außerdem sind die Deutschen – zumindest in diesem Streifen – so verdammt zynisch. Das scheint neu zu sein und hat irgendwas mit Popliteratur (hatte man Krachts Bücher nicht mal dort verortet?), South Park und Michel Houellebecq zu tun.

Und „Finsterworld“? Setzt genau dort an! Als eine mit sich selbst zu strenge, tragische Komödie, ist sie auf eine Art nur allzu deutsch. Die Autoren schaffen es, sich in gewissem Maße über links und rechts hinwegzusetzen. Und wo ist das jetzt konstruktiv? Liest man Interviews Kracht’s zum Film, geht es ihm tatsächlich um drei Sachen: Die Aufarbeitung des Nationalsozialismus, die alltägliche Lieblosigkeit unter den Menschen und darum, was das eine mit dem anderen zu tun hat. Oder andersherum: der alltägliche Faschismus und die Aufarbeitung der Lieblosigkeit.

„Bitte kein Nazi-Auto wie BMW“

Was dabei herauskommt, ist ein Episodenfilm, der anhand von Einzelschicksalen versucht, die komplexe Materie aufzuarbeiten. So beneidet und bemitleidet man einen Einsiedler, der einen geselligen Raben seinen Lebensgefährten nennt. Man wundert sich über ein Ehepaar, das aufgeklärt und unspießig wirkt, sich aber selbstgerecht über Deutschland auslässt und im gemieteten Cadillac („bitte kein Nazi-Auto wie BMW!“) nach Paris fährt. Außerdem bekommt man einen obligatorischen KZ-Besuch einer Schulklasse zu sehen, der mit einem dummen Streich beginnt und das Leben eines unschuldigen Lehrers zerstört. Vorgestellt werden durch und durch überzeichnete Charaktere, wie sie für einen solchen Film nicht typischer sein könnten. Da wäre die coole Natalie, der introvertierte Nachdenker Dominik und der durchtriebene Snob Maximilian. Natürlich zieht der Loser die Arschkarte, verliert das Mädchen an den Reichen und muss zuletzt auch noch mit dem Tod für seine „Uncoolness“ bezahlen. Tja, so ist das Leben, oder so ähnlich…

finsterworld 2

Andere Handlungsstränge berichten vom neurotischen Fußpfleger Claude, der aus Hornhaut seiner Kunden Plätzchen bäckt und sich von senilen Frauen angezogen fühlt, sowie die Dokumentarfilmerin Franziska und ihr Freund Tom. Während sie die Welt mit ihrem krankhaften filmischen Realismus retten will, schmeißt er sich in kuschelige Bärenkostüme, um seinem Fetisch zu frönen. Man redet aneinander vorbei, lebt anstatt miteinander nebeneinander und trennt sich schließlich im Streit.

Der Titel wird zur Diktion. Ein Film, der bemüht kritisch und sarkastisch zu sein versucht. Ein Vorhaben, das zum Teil gelingt, sich aber in den vielen Baustellen menschlicher Beziehungen verliert und so nur oberflächlich zum Tragen kommt. Ein Film also, der in Ansätzen mit Überzeichnung und Wahnwitz punktet, es im Endeffekt aber nicht ganz schafft, die Thematik auf den Punkt zu bringen. Die Bösen gewinnen, die Guten verliere. That’s it, friss oder stirb! Alles schon mal da gewesen. Dennoch unterhaltsam und sehenswert.

Mariella und Marc

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