Filmischer Feueralarm: Free Fire

Filmischer Feueralarm: Free Fire

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Kennst du das? Du gehst ins Kino, holst dir lecker Popcorn, quetscht dich in den Sitz, der so gar nicht dem Wert einer neun Euro teuren Eintrittskarte entspricht – und kannst nichts sehen, weil vor dir ein riesenhafter Hüne sitzt? Und dann fängt der Film auch schon an, aber du hast die ganze Zeit über das merkwürdige Gefühl, dass du den irgendwie schon mal gesehen hast? First-World-Problems…Naja, aber trotzdem gibt es jetzt für letzteres eine Lösung. Die kommt nämlich in Form des neuen Films von Regisseur Ben Wheatley (High-Rise), welcher den treffenden Titel Free Fire trägt.

Die Ruhe vor dem Sturm

Free Fire ist endlich mal wieder ein Comedythriller, der anders ist. Der ist nämlich, bis auf eine kurze Anfangssequenz, ein Kammerspiel. Für alle Kunstbanausen, die jetzt keine Ahnung haben, was man sich unter einem Kammerspiel vorstellen kann: Es handelt sich dabei um ein psychologisch genau skizziertes, sehr intimes Drama, welches meist nur an einem Ort spielt. Es geht bei dem Kammerspiel darum, die Abläufe des Innenlebens der Charaktere, ihre Gefühle und Leidenschaften darzustellen.
Ok, das klingt jetzt super verkünstelt und langweilig. Aber wer jetzt gelangweilt die Augen verdreht, dem soll gesagt sein, dass Free Fire absoluten Unterhaltungswert hat und nicht unbedingt als Arthouse durchgeht. Also bleib bitte noch kurz bei mir.

Story?

Aber bevor wir hier in eine tiefgründige Analyse starten, erklären wir doch erstmal, worum es da eigentlich geht. Die 70er sind keine Fashion Week, sondern eine Fashion Decade:  Männer haben Schnurbärte und tragen Polyesteranzüge, Frauen haben toupierte Haare und tragen Rollkragenpullis. Und genau in diese Sternstunde der Mode versetzt uns der Film. Genauer gesagt, in eine Lagerhalle in Boston, wo sich ein Grüppchen IRA-Terroristen mit internationalen Waffenhändlern trifft, um naja, Waffen zu kaufen. Allerdings gibt es einige Missverständnisse und nach kürzester Zeit gehen sich alle dermaßen auf die Nerven, dass die Situation ziemlich eskaliert. Praktisch, dass da auch noch ein Lieferwagen voller Gewehre in der Mitte der Halle steht. Was folgt, ist ein furioser Schlagabtausch der Worte und Bleikugeln, gewürzt mit blutiger Gewalt und guten Gags.

Ein kleines Streitgespräch unter Freunden

Man merkt dem Film direkt die Inspiration durch Indie-Action Größen wie Tarantino oder Rodriguez an, allem voran bizarre Charaktere, von denen jeder unterschiedlich ist. Da gibt es vom abgebrühten IRA-Ir(r)en (Cilian Murphy) über den dämlich-arroganten Waffendealer bis zur intriganten Schickse (Brie Larson) wirklich allerhand lustige und interessante Personen. Danach natürlich der hohe Grad an Gewalt. Und da wird es bei Free Fire interessant. Es ist zwar ein unentwegtes Geballer, aber dennoch ist es kein richtiger Actionkracher mit viel Zerstörung und dergleichen. Neben den unvermeidlichen Schussverletzungen sind es eher die umherfliegenden Splitter oder das Treten auf zerbrochenes Glas, was so richtig weh tut. Man leidet mit den Dahinblutenden ziemlich mit.

Und wie ist er so?

Dennoch wird der Film dank des gut eingesetzten Comic Reliefs nie zu hart. Es gibt eine Menge kerniger Sprüche und Slapstick-Situationen, die schon fast an Looney Tunes erinnert. Ausserdem hat der Film einen herrlichen Einsatz von Musik, was wahrscheinlich daran liegt, dass Martin Scorsese als Produzent mit im Boot saß. Der Schusswechsel wird mit einem immer schneller treibenden Jazzbeat unterstützt und Westerngitarren und Keyboard-Riffs unterstreichen den 70s Vibe.

Feuer Frei

Am besten funktioniert der Soundtrack aber beim Einsatz von ebensolcher zeitgenössischer Musik. Es gibt da eine absurd blutige Szene, die eine Schrotflinte, einen langsamen Lieferwagen und „Annie’s Song“ von John Denver verbindet.

Ungewöhnlich ist auch die Erzählstruktur, und zwar, dass es beim Film wirklich nur um die Situation geht. Keine großen Hintergrundinformationen oder Rückblenden. die eine unglaubwürdig komplexe Geschichte erzählen sollen. Nein, man wird direkt reingeschmissen. Muss sich selbst vorstellen, was die Leute für Vorgeschichten haben, und dass bisschen grobe Handlung, was vorkommt, ist raffiniert gelegt wie ein Mosaik.

Jetzt kommt nach all dem Lob nun auch das große „Aber“. Denn der Film ist halt wahrscheinlich einfach nur für ein Nischenpublikum unterhaltsam. Für Actionfans ist einfach zu wenig richtige Action drin, verrückt eigentlich, wo doch der Film ein 90-minütiges Shootout ist. Und den Leuten, die es etwas tiefgründiger mögen, naja, der Film ist eben ein 90-minütiges Shootout ;). Aber für Leute, die Reservoir Dogs richtig geil fanden, haben hier absolutes Filmfutter gefunden.

Simon

Titel: Free Fire
Regie: Ben Wheatley
Laufzeit: 90 Min.
: 7.4.2017 (dt. Kinostart)
Verleih: Splendid

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