Film-Musical Dear Evan Hansen: Ein Versuch in Menschlichkeit

Film-Musical Dear Evan Hansen: Ein Versuch in Menschlichkeit

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Die Wahrheit ist da draußen. Verborgen, unterdrückt, durch Lügen verdrängt. Die Verfilmung des gleichnamigen Broadway-Musicals Dear Evan Hansen ist ein musikalischer Weltenwanderer zwischen Wahrheit und Fassade im Zirkus menschlicher Interaktionen.

SLEAZE + Dear Evan Hansen
Isoliert im Rampenlicht: Schüler Evan Hansen (Ben Platt)

Mittendrin folgen wir der titelgebenden Hauptfigur, dem von Angstzuständen geplagten Schüler Evan Hansen (Ben Platt), welcher im Zuge seiner Therapie einen Brief an sich selbst schreibt. Dieser aber gerät in einer eher angespannten Begegnung in die Hände von Mitschüler und -außenseiter Connor Murphy (Colton Ryan), der kurz darauf Suizid begeht.

Alle Welt glaubt nun an Connor als Verfasser der emotionalen Botschaft an seinen Freund Evan. Doch die beiden waren nie Freunde. Das Missverständnis nimmt bald eine sich entladende Eigendynamik an.

Evan ist ein zurückgezogener, junger Mann ohne Freunde. Er ist der Dreh- und Angelpunkt des Films, dessen Geschichte wir häufig aus seiner Sicht erleben. Der Blick fällt auf eine Welt, wie sie sein könnte. Es hängen Poster mit ermutigenden Botschaften wie „Diversität” an den Wänden der Schule. Jeder soll akzeptiert werden, wie er ist.

Es ist ebenso eine Welt, die eben gerade nicht immer so ist. Das Gemeinsame ist durch ausgeprägte Egos und lähmende Furcht beiseite geschoben und stürzt in der Stille der Wahrheit in einen resonanzlosen Raum. Die Wahrheit sind die Seelenwelten von Evan und all den Charakteren, deren Perspektive wir im Laufe der Geschichte einnehmen.

Empathisch, respektvoll, hoffend

Sie singen berührend von der Sehnsucht, gesehen und geliebt zu werden, aber auch von ihren inneren Grabenkämpfen und den oft von Unverständnis geprägten Begegnungen mit anderen. Die von Benj Pasek und Justin Paul (La La Land) kreierten Songs versammeln sich in einem antreibenden wie innehaltenden, recht vertraut klingendem Popalbum, das den teils rasch geschnittenen und viel öfter ruhig bebilderten Musiksequenzen des insgesamt auf wenig Spektakel setzenden Films mal singend und seltener tanzend mit emotionalem Nachdruck befeuern.

Es sind empathisch beobachtete Offenbarungen über die Isoliertheit der Einzelnen und ihren Gemeinsamkeiten. Dear Evan Hansen romantisiert dabei nicht die persönlichen und mentalen Probleme seiner Figuren, sondern erkennt sie respektvoll und selbstverständlich an als ein verbreitetes Leiden in einer Welt, die auch heute noch Probleme hat, offen mit ihnen umzugehen.

Und so sind es auch starke Hymnen der Hoffnung, von der eine Menge in dem Stoff steckt. Z.B. die vom Tod ihres Sohnes (den Mutter Cynthia (Amy Adams) einmal mit einem verschmitzten „kompliziert” bezeichnet) erschütterte Familie Murphy erlebt dank Evan und einem immer größer werdenden, bald durch Social Media sich immer weiter verbreitenden Hype um die berührende Geschichte der mutmaßlichen Freunde zwischenzeitlich kathartische Annäherungen, die aber nun mal auf oben genannter Brieflüge basieren.

SLEAZE + Dear Evan Hansen
Endlich wird sich mal zugehört (erwarte keinen Dauerzustand!)!

Selbst für eine über die Grenzen der Schule hinausgehende Initiative namens The Connor Project reicht die inspirierende Kraft aus. Und Evan selbst findet eine neue Familie in den Murphys und gehört endlich wohin, so scheint es. Es ist ein Gefühl, dass er bei seiner alleinerziehenden und häufig arbeitenden Mutter Heidi (Julianne Moore) scheinbar nicht mehr in aller Wärme empfindet.

Verdiente Tränen

Dear Evan Hansen verliert aber niemals den grundlegenden Konflikt aus den Augen. Denn immerhin entsteht eine strahlende, geradezu klinische, aber eben auch unwahre und zerbrechliche Lügenidylle samt rührenden Anekdoten über die gemeinsame Zeit von Connor und Evan, die es nie gegeben hat.

Menschen öffnen sich einander dann, wenn sie es für gewöhnlich tun – nämlich in emotional geladenen Momenten und Phasen abseits des alltäglichen Fassadenspiels. Und plötzlich sehen wir eine Welt, die an einigen Stellen allmählich aufbricht und in Teilen zusammenkommt, weil ihre schädigende, entzweiende Maske bröckelt. In der Lüge entsteht Wahrheit.

Diese ständige Dualität zwischen der wahren Gefühlswelt und der trainierten Außendarstellung betreibt als Reibungsfläche für die Charaktere die zu Tränen rührende Geschichte, die zwar die offensichtlichsten Gefühlsknöpfe zu drücken weiß, sich aber immer den nötigen Ernst und Respekt bewahrt. Ihre phasenweise heile Welt ist eine angreifbare, die Konsequenzen kennt. Anders gesagt: Der Film verdient sich seine Tränen.

Auch gebührt ihm Respekt für die selbstverständliche Auseinandersetzung mit psychischen Problemen, wobei er keine tiefenpsychologische Analyse betreibt, sondern schlicht Ängste und Gefühle des Alleinseins und der Isolation sichtbar nach außen kehrt und bestenfalls dafür sensibilisiert.

In dem Film schwingt ebenso der auffordernde Wunsch eines freien und gemeinsamen Miteinanders mit, in dem solch emotionalen Gewichte keine Tabus mehr sind, die man sich lediglich in abendlicher Zweisamkeit auf der Schaukel sitzend erzählen könnte.

Zugleich sind ihm die Lebensrealitäten bewusst, in denen es oft eben ein miss- und unverständliches Gegeneinander ist und in denen mehr Menschen Pillen schlucken, als manch einer denken mag. Es sind die besungenen „Anonymous Ones”.

SLEAZE + Dear Evan Hansen
Diese Gesellschaftsregeln sind wie ein Marathon… anstrengend!

Dear Evan Hansen mag nicht an die tiefsten Stellen des menschlichen Seelenmeeres abtauchen. Als vibrierendes, wenn auch aus bekannten Rhythmen und Beats geformtes Filmmusical inklusive Songs mit Hashtag-Potenzial („You Will Be Found”) versucht es aber immerhin, ein größeres Publikum an Empathie, Mitgefühl und Verständnis zu erinnern. Man kann es nicht oft genug versuchen.

Alex

Titel: Dear Evan Hansen

Kinostart: 28.10.2021
Dauer: 137 Minuten
Genre: Drama, Musical
Produktionsland: USA
Filmverleih: Universal Pictures

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