Fahrenheit 451: Willkommen in der Social-Media-Hölle

Fahrenheit 451: Willkommen in der Social-Media-Hölle

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George Orwells Roman „1984“ ist längst in der Gegenwart angekommen, der Ausspruch „Big Brother Is Watching You“ spätestens seit dem von Whistleblower Edward Snowden aufgedeckten NSA-Skandal anno 2013 bedenkliche Gewissheit.

SLEAZE + Fahrenheit 451
Traumberuf(?) Bücherverbrenner

Und immer größere Fortschritte in der Gen-Forschung vermengt mit einer krankhaften Selbstoptimierung bringt uns womöglich mit immer größer werdenden Schritten Aldous Huxleys „Brave New World“ näher. Betrachtet man zudem das Aufkeimen autoritärer Strömungen unter dem demokratischen Deckmantel auch mitten in Europa, so verwunderte es nicht, wenn ebenso Ray Bradburys „Fahrenheit 451“ aus dem Jahre 1953 (schon wieder) realer wie eh und je scheint.

Vom Land in die Großstadt

Sendergigant HBO, der Hit-Serien wie „Game of Thrones“ und „Westworld“ hervorbrachte und zu Beginn des neuen Millenniums maßgeblich am Aufstieg des cineastischen Fernsehens beteiligt war, veröffentlichte jüngst eine neue und tatsächlich erst die zweite Filmadaption von „Fahrenheit 451“.

Bereits 1966 verfilmte François Truffaut, in den 50ern Mitbegründer der französischen Filmbewegung Nouvelle Vague, den Stoff aus der Feder Rays um Feuerwehrmänner in einem totalitären System, die Brände nicht löschen, sondern entfachen, um Bücher und damit verbundene intellektuelle wie emotionale Impulse auszulöschen versuchen.

Entgegen der Variante von François mit Oskar Werner und Julie Christie in den Hauptrollen verlagerte Filmemacher Ramin Bahrani seine Version vom Lande in die Großstadt, in der Social Media endgültig zur perversen Unterhaltungs-Live-Show verkommen ist.

Der US-Amerikaner weiß aber auch mit dem großen Produzenten im Rücken nicht mehr als einen gehetzten, vorhersehbaren Thriller-Plot zu erzählen. In dessen Zentrum steht der junge, vielversprechende Feuerwehrmann Guy Montag (Michael B. Jordan), dem unter der Fittiche von Captain John Beatty (Michael Shannon) eigentlich eine große Zukunft im dystopischen Moloch bevorsteht. Doch die Begegnung mit der jungen Clarisse McClellan (Sofia Boutella) stürzt den gehorsamen „Fireman“ in tiefe Zweifel.

Dystopie auf immersiver Sparflamme

Die sozialen Medien kann man sich in „Fahrenheit 451“ in etwa so vorstellen: Man nehme den ständigen, vom Emojis befeuerten Ausdrucksdrang des Heute, reduziere dies um manch hysterische Diskussion auf Facebook, Twitter & Co. und ergänze es des Weiteren um eine von Kindesbeinen an indoktrinierte Ideologie, deren Strippenzieher mit Zuhilfenahme ständiger Überwachung das Geschehene live in die hiesigen vier Wände transportiert.

So sehen wir den Feuerwehrleuten bei ihren zuweilen auch mordenden Taten zu, infolgedessen Smiley über Smiley aufploppt. Social Media als verrohtes Spiegelbild des Menschen, in dem nur die Unterhaltung und Aufrechterhaltung einer Denklinie gilt.

Was wie ein düster-schönes Setup für die Auslotung unseres Daseins klingt, zerfällt unter der Last seiner erzählerischen Eile. Die Heldenreise um Guy durchläuft rasend vermeintlich nötige Ereignisse, Begegnungen, Zweifel und Umwerfung der Tradition. Es geht stets um die Aufrechterhaltung von Motivation und Konflikt in einer ausgestellten, erzwungenen Form, in der Beziehungen, Liebe und Handlungen keinen bzw. nur fast luftleeren Raum zum Atmen übrig bleiben.

SLEAZE + Fahrenheit 451
Bunt und doch farblos: Fahrenheit 451

Die von Neonfarben durchzogene, oft in Dunkelheit getauchte urbane Kulisse bleibt denn auch nicht mehr als eine milchige Reflexionsfläche, unter deren Oberfläche in aller erzählerischer Windeseile kaum einzutauchen ist.

HBOs „Fahrenheit 451“ ist somit eine Dystopie auf immersiver Sparflamme, die sich weniger um die eindringliche Konsequenz des totalitären Regimes zu scheren scheint als vielmehr darum, möglichst effektiv Spannung zu erzeugen. Und sich dabei nicht nur an und in der altbekannten Trickkiste der Dramaturgie vergreift, sondern uns Menschen so fern bleibt, wie so häufig das Social in Media.

Alex

Titel: Fahrenheit 451
VoD-Start: 19.05.2018
Dauer: 100 Minuten
Genre: Drama, Science-Fiction
Produktionsland: USA
Filmverleih: HBO (USA), in Deutschland via Sky Cinema verfügbar

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