Fahrenheit 11/9 – Michael Moore gegen Donald Trump

Fahrenheit 11/9 – Michael Moore gegen Donald Trump

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Ein Film darf ein Schlag in die Fresse sein. Und wenn diese Doku etwas ist, dann das! Natürlich – es wird wieder Kritiker geben, die Michael Moore im Zuge seiner neusten Dokumentation Fahrenheit 11/9 als reißerisch und manipulativ diskreditieren wollen, doch das ist heiße Luft unter dem Deckmantel des Journalismus.

SLEAZE + Fahrenheit 11 / 9
Michael Moore vs. Rick Snyder aka Politteufel

Der Film dreht sich zwischen Witz, Absurdität und knallhartem Lebensalltag um die US-Präsidentschaft Donald Trumps, der sich 2016 entgegen vieler – laut Michael Wolfs Buch Fire and Fury sogar Donalds eigene – Prognosen gegen die demokratische Kandidaten Hillary Clinton durchsetzte und als 45. Staatsoberhaupt der Vereinigten Staaten im darauffolgenden Januar vereidigen ließ. Michael entwirft daraus einen brennenden Aufruf für einen wahren Wechsel.

Die unerträgliche Arroganz der demokratischen Eliten

Einen Wechsel, wie ihn Bernie Sanders, lange Zeit schärfster Gegner Hillary Clintons, versprochen hat. Doch dem unabhängigen Konkressabgeordneten aus Vermont wurde diese Möglichkeit schlicht und ergreifend geklaut. Fahrenheit 11/9, dessen Titel auf den Tag nach den damaligen Präsidentschaftswahlen verweist, zeigt dies mit schäumender Wut sehr symbolisch anhand des Parteitags der Demokraten im Juli 2016.

Hillary wurde hier als Kandidaten der Demokratischen Partei offiziell bestätigt. Und Bernie? Eigentlich ihm geltende Stimmen wurden der Kontrahentin zugesprochen. Die Kameras fingen sogar ein entsprechendes Plakat für den betroffenen Bundesstaat ein, auf dem die Lüge für jeden sichtbar niedergeschrieben wurde.

Michael hat keinen Film allein gegen Donald oder die Republikanische Partei gemacht. Er wettert gegen viele Spieler in einer schmierigen Komödie, die sich Politik nennt. Da bilden die Demokraten – bei allen feurigen Reden des Darlings des liberalen Teils der Nation: Barack Obama aka Nr. 44 aka Immigranten-Abschiede-Rekordhalter aka Drohnenkriegslenker – keine Ausnahme.

Auch Barack ist nach Überzeugung Michaels, der den Wahlsieg von „The Donald” vorhersagte, Teil des Problems und Mitbegründer des Trump’schen Triumphs. Gleichsam ist Barack Obama nur die Spitze des Eisbergs einer sich herausgebildeten Elite, die sich schon längst selbst in einer Blase ihrer betont progressiven Ideologie feiert, beglückwünscht und als Speerspitze der Freiheit ansieht.

Unser aller Leben ist (Real-)Satire

Es war eben auch jene Arroganz, die nicht einmal die Vorstellung zuließ, dass ein egomanischer Unternehmer und Fernsehstar, der die Welt in Gut und Böse, in Gewinnen und Verlieren aufteilt, Präsident der USA werden könnte. Ein schöner Zusammenschnitt zu Beginn des Streifens zeigt die ach so heitere Frühstücksfernsehen-Heimatwelt. Selbst seriöse Nachrichtenstationen und bekannte Persönlichkeiten schlossen einen Sieg des vermeintlichen Außenseiters von vornherein aus und zogen das Ganze ins Lächerliche. Dann kam Donald und mit ihm offenbarte sich die Falschheit des Politbetriebs mit all seinen Handlangern.

SLEAZE + Fahrenheit 11 / 9
Donald Trump & Hillary Clinton, Sinnbilder gesellschaftlicher Entfremdung

Zu diesen zählen denn konsequenterweise auch die Medien, die dem Regierungsoberhaupt in spe früh ein Podium errichteten. Und nein, es waren eben nicht nur die den Republikanern nahestehenden Fox News. In einem Zusammenschnitt zeigt Michael zahlreiche Ausschnitte diverser Sender, die Zeit damit vergeudeten, das leere Rednerpult Donalds zu zeigen und ihren Reportern sinnbefreite Sendezeit einzuräumen. Die Welt ist ein absurder Ort und das ist zum Leben erweckte (Real-)Satire.

Barack Obama und das Nippen der Nation

Doch irgendwann reicht es dem Volk. So räumt Fahrenheit 11/9 der skandalösen Wasserkrise in Michael Moores Heimatort Flint, Michigan, viel Raum ein. Der Film zeichnet die vorsätzliche Vergiftung der ansässigen Bevölkerung durch verunreinigtes Wasser nach. Wesentlicher Antrieb dieses “Genozids”, wie es im Film etwas übertrieben heißt, an der überwiegend schwarzen Bevölkerung war offenbar die Gier.

Der noch immer im Amt sitzende Gouverneur des zuständigen Bundesstaates, Rick Snyder, bezog zunächst sauberes Wasser aus dem Lake Huron sowie dem Detroit River. Doch wirtschaftliche Interessen verlagerten die Versorgung in den billigeren, dummerweise aber verseuchten Flint River. Es kam zu einer epidemischen Bleivergiftung mit entsetzlichen Folgen, infolgedessen eine Gegenwehr angesichts finanzieller Notlagen durch wahnwitzige Unterbezahlungen von u.a. Lehrern nur schwer möglich erschien.

Auch diesmal waren die Demokraten nicht raus aus dem Snyder. Als der damals noch amtierende US-Präsi Barack die gebeutelte Stadt besuchte, gab er vor, Leitungswasser zu trinken. Er nippte nur an dem Glas. Das Nippen wurde zum traurigen Symbolbild der Distanz zwischen Volk und Politik.

Entweder Wechsel oder Untergang

Was tun? Michael entwirft mit Fahrenheit 11/9 ein rasantes Pamphlet gegen die herrschende Klasse und für die aufbegehrende Masse. Beispielhaft befasst sich der 64-jährige dabei mit dem maßgeblich von Jugendlichen initiierten March for Our Lives nach dem neuerlichen Schulmassaker von Parkland in Florida Anfang 2018, der sich gegen eine Verschärfung des Waffenrechts stark macht und dafür auf die Straßen geht.

Es reicht halt nicht, via Twitter & Co. „Thoughts and Prayers” zu bekunden. Es reicht nicht, sich dem allgemeinen Tenor der Mitleidsbekundungen anzuschließen. Es braucht Menschen, die sich organisieren, auflehnen und beispielsweise streiken, so wie die im Film gezeigten Lehrer mit ihren Paycheck-to-Paycheck-Existenzen, deren Aufstand sich auf andere Branchen übertragen hatte.

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Ergreifendes Plädoyer gegen lasche Waffengesetze und für den Wandel

Michael spricht mit jenen Bürgern von nebenan und plädiert, ob bewusst oder unbewusst, für ein Neudenkung der Politik fernab akademischer Musterschüler und Eliteuni-Absolventen. Gleichzeitig macht er Mut angesichts vielversprechender Kandidaten besonders unter den Demokraten, die mit der kompromissbereiten Parteilinie fremdeln.

Es ist an der Zeit, keine falschen Kompromisse mehr einzugehen und selbst die Fragen seines Gegenübers zu beantworten. Denn die immer wieder Donald Trump angehangene Spaltung der Gesellschaft hat nicht mit ihm angefangen. Das Böse ist etwas sich langsam Bewegendes, heißt es in dem Film einmal. Und dann lässt Michael einen Überlebenden der Nazi-Gräuel zu Wort kommen, der sehr treffend sagt: Wir müssen einen Wechsel schaffen oder alle untergehen.

Provokant ist nur die Realität

Ist Michael dabei provokant? Es wird auch hier erneut Kritikerstimmen geben, die aus ihrem spießigen Büroalltag einmal mit einem lauten Ja aufschreien werden. Klar, zuweilen agiert der Dokumentarfilmer geradezu als Performance-Künstler, wenn er Gouverneur Rick Snyder etwa eigenhändig festnehmen will oder dessen Haus mit Flint-Wasser bespritzt.

Doch seine Aktionen sind so tief verankert im Kern alltäglicher Lebensrealitäten vieler Bürger, dass sie weniger eine Provokation als vielmehr eine notwendige Stimme darstellen in den nicht ganz so Vereinigten Staaten von Amerika – und gleichsam mühelos auf andere Nationen übertragen werden können. Sind es nicht vielmehr jene Lebensrealitäten, die eine längst durch Resignation erduldete Norm darstellen, die eigentlich eine unerträgliche Provokation sind?

SLEAZE + Fahrenheit 11 / 9
Verändere selbst, so wie dieser junger Bursche

Fahrenheit 11/9 ist ein filmisches Dokument, das im besten Fall die Unerträglichkeit des Seins aufzeigt und für den Wechsel einsteht, der nicht durch geschönte Worte und Reden, sondern durch Taten Realität wird. Michael belebt der Geist der Revolution mit einem bizarren, menschennahen Mosaik der USA und darüber hinaus.

Alex

Titel: Fahrenheit 11/9
Kinostart: 17.01.2019
Dauer: 128 Minuten
Genre: Dokumentation
Produktionsland: USA
Filmverleih: Weltkino

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