F1 2020: Konkurrenzlose Evolution

F1 2020: Konkurrenzlose Evolution

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Rennspielfreunde können seit geraumer Zeit eine nahezu ungestörte Entwicklung beobachten. Nach der Übernahme der zugstarken Formel 1-Lizenz veröffentlicht Genre-Experte Codemasters seit 2009 jährlich neue Ableger zur vielerorts als „Königsklasse” des Motorsports betitelten Rennklasse.

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Bist du bereit?

Mit F1 2020 erschien kürzlich der neuste exklusive Spross der Reihe, der zwar keine Revolution einläutet. Kleinere und mittelgroße Schritte zeugen aber von einer stetig feiner werdenden Simulation, die ohne Lizenzkonkurrenz und gleichzeitig hochverdient den Thron auf dem interaktiven F1-Olymp besteigt.

Der Traum vom eigenen Team

Die auffälligste Neuerung hievt dich in diesem Jahr nicht nur in den tiefgelegten Sitz eines der hochgezüchteten Geschosse, sondern verwandelt dich im Modus My Team zum Manager deines eigenen Rennstalls. Ähnlich wie im bereits obligatorischen Karrieremodus trittst du hier mit einem eigens erstellten Fahrer gegen die Konkurrenz an.

Mit dem entscheidenden Unterschied, dass du keinem bereits bestehenden offiziellen Team beitrittst, sondern eine komplett neue Mannschaft aus dem Boden stampfst. Zum schon bekannten Entwicklungsbaum für Fahrzeugupdates aus Bereichen wie Chassis und Aerodynamik, die diesmal auf Wunsch mit einer schnelleren und gleichsam fehleranfälligeren Option vorangetrieben werden können, warten hierbei auch die Aufgaben eines Managers auf die neue F1-Legende in spe.

So bastelt man sich in den ersten Schritten etwa ein eigenes Teamlogo und eine Lackierung für sein anfangs deutlich unterlegenes Gefährt zurecht und fällt schließlich weitaus tiefgehendere Entscheidungen, darunter die auf dem Fahrermarkt zu treffende Wahl des zweiten Piloten aus den Klassen Formel 1 und Formel 2. Oder Verbesserungen verschiedener Abteilungen, wodurch beispielsweise Upgrades schneller oder weniger risikoreich entwickelt werden können.

Die Zeit zwischen den Rennen will darüber hinaus etwa durch PR-Veranstaltungen oder Trainingslager sinnvoll genutzt werden, um sein Ansehen sowie finanzielle oder technische Ressourcen zu erhöhen. Wer keine Lust auf das manuelle Füllen des Kalenders hat, nutzt einfach die Autofill-Funktion.

Zwar ließ sich Codemasters auch in diesem Jahr nicht zur großen Regie hinreißen, denn nach wie vor präsentiert sich die Reihe abseits der Strecke vergleichsweise steril und steif. Vom regen Zirkus des mit großer Aufmerksamkeit beobachteten Formel 1-Kosmos hält sich das Studio weiterhin fern.

Nichtsdestotrotz haucht der My Team-Modus dem jüngsten Titel des britischen Rennspielstudios einen zugkräftigen und spannenden Langzeitmotivatoren ein, was nicht zuletzt an der Dramatik auf der Strecke selbst liegt.

Universales Fahrerlebnis

Denn wie schon der Vorgänger von 2019 macht 2020 macht spielerisch eine starke Figur. Wie zuvor schafft es Codemasters aus meiner Sicht, sowohl anspruchsvolle Lenkrad- und Controller-Akrobaten als auch Gelegenheitszocker vor dem Bildschirm zu bannen.

In insgesamt 110 Schwierigkeitsstufen lassen sich etwa die berechneten Kontrahenten nach Wunsch anpassen, wobei die künstliche Intelligenz meinem Empfinden nach einen Tick knackiger um die Kurve und Kurse heizt als noch im Vorjahr.

Ohnehin machte die KI während meiner Rennen einen etwas aggressiveren und zugleich menschlicheren Eindruck: Sie verteidigt ihre Position durch Ausnutzen einer Kampflinie härter und bei einer sich bietenden Lücke wagt sie mit einem späten Bremsmanöver schon mal den beherzten Angriff, wobei ihr auch nachvollziehbare Fehler unterlaufen. Viel zu leicht lässt sie sich dagegen beim Start und teilweise auch im allzu dichten Gedränge mit vielen Fahrzeugen überrumpeln.

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Das nächste Weltmeisterauto? Willkommen im „My Team“-Modus.

Das eigentliche Fahren lässt sich bei F1 2020 ebenfalls wieder präzise auf die eigenen Bedürfnisse zuschneiden. Fahrhilfen wie Traktionskontrolle oder Antiblockiersystem können den eigenen Vorlieben nach in einfachen Stufen angepasst werden.

Einsteiger können sogar ein neues Bedienschema auswählen, das Anpassungsmöglichkeiten reduziert und auf eine simplere Handhabung, Kontrolle und Vereinfachungen im Fahrzeugverhalten setzt.

Ist die richtige Einstellung erst einmal gefunden, wartet wie gewohnt ein butterweiches Fahrerlebnis, das wohl besonders in Verbindung mit einem Lenkrad samt Pedalen sein volles Potenzial entfalten dürfte. Während meiner Testrunden auf der Standardvariante der PlayStation 4 erwies sich der DualShock 4-Controller gefühlt aber nicht immer als optimales Eingabegerät. Besonders bei ausgeschalteter Traktionskontrolle überschritt ich zu schnell den „Point of no return”, der beim Beschleunigen zum Ausbruch des Hecks führte. Fehlendes Training sei an dieser Stelle nicht ausgeschlossen.

Womöglich hätte haptisches Feedback im entsprechenden Trigger, wie etwa beim Controller für die Xbox One, mir aber frühzeitiger effektive Warnungen in die Handregion gesendet. Nichtsdestotrotz habe ich auch dank der vielen, aber nicht überbordenden Einstellungsmöglichkeiten viel Freude am Renngeschehen, das einmal mehr zusätzlich vom hinzuschaltbaren dynamischen Wettersystem profitiert. Einsetzender Regen oder das Trocknen der Strecke nach einem Regenguss kann so manches Rennen gehörig durcheinanderwirbeln und stellt dich vor zusätzliche fahrerische wie taktische Herausforderungen.

Allein und gemeinsam stark

Für Solospieler wartet neben My Team und Karriere zudem das altbewährte Buffet aus Einzel- und Zeitrennen, Herausforderungen, sowie die Möglichkeit mit einem der offiziellen Fahrer die komplette Saison des Jahres in Angriff zu nehmen. Den kompletten 2020er-Jahrgang gibt es übrigens nur virtuell, da viele der realen Rennveranstaltungen im Zuge der Corona-Pandemie gestrichen oder verschoben wurden. Erst Anfang Juli und damit mehr als drei Monate nach dem ursprünglich geplanten Saisonstart ging es für Hamilton, Vettel & Co. wieder auf die Strecke.

Neben den modernen Boliden stehen erneut historische Formel 1-Wagen sowie die F2-Saison des vergangenen Jahres in diversen Modi wie Einzelrennen und Meisterschaften zur Verfügung. Ein Update für das laufende Jahr soll nachgereicht werden.

Mehrspieler erwartet dazu ein vorbildlicher Multiplayerpart, der in diesem Jahr auch an Freunde hitziger Splitscreen-Schlachten denkt. Dank geteiltem Bildschirm für bis zu zwei Spieler lässt sich theoretisch eine ganze Saison gemeinsam von der Couch aus erleben.

Mehrere Systeme lassen sich auf PC und PS4 zudem per LAN-Funktion lokal verbinden, während online bis zu zwanzig menschliche Fahrer aufeinandertreffen. Auch hier kannst du nicht nur einzelne Grand Prix‘, sondern ganze Meisterschaften samt frei konfigurierbarem Regelwerk austragen, wobei feinere Filteroptionen die Suche nach passenden Servern erleichtert hätten.

Was noch?

Selbst das Anfertigen eines Rennkalenders ist im so genannten Ligamodus möglich, der Langzeitspieler mit der einfachen Erstellung eigener Saisons anlockt. Die Rennen selbst liefen während meiner Testfahrten überwiegend lagfrei ab und wurden lediglich durch einige Bruchpiloten gestört, die ohne Rücksicht auf Verluste ihre Mitspieler kaputtfahren wollen. Dieser moralische Bodensatz findet sich leider an vielen Orten dort, wo im Netz Menschen aufeinandertreffen.

Bei aller spielerischen und inhaltlichen Qualität sei zum Schluss auf einen Umstand hingewiesen, von dem Codemasters künftig hoffentlich wieder abweicht: Mikrotransaktionen. Zwar lässt sich nach jetzigem Stand nur Kosmetisches gegen Echtgeld erwerben. Dennoch ist diese Form der Gewinnmaximierung ein steter und unangenehmer Dorn im Auge, der rasch auch in spielerische Mechaniken eingreifen kann.

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Neben dem Grand Prix nun mit dabei: Der Große Preis von Vietnam

Trotz dieser Unnötigkeit hat mich F1 2020 auch in diesem Jahr überzeugt, denn die Entwickler haben die Zeit genutzt, trotz Konkurrenzlosigkeit im Formel 1-Sektor (von Mods in anderen Spielen abgesehen) am Rennerlebnis weiter zu feilen.

Das stets flüssige und vor allem in den Cockpitperspektiven pfeilschnell dargestellte Spielgeschehen eignet sich für Anspruchsvolle und Sonntagsfahrer gleichermaßen und kann nicht zuletzt durch den neuen My Team-Modus für einen willkommenen Impuls in der Langzeitmotivation sorgen. Die nächste kleine Stufe der Evolution ist erreicht.

Titel: F1 2020
Entwickler / Publisher: Codemasters / Codemasters, Koch Media
VÖ: bereits erhältlich
Plattform: PlayStation 4, Xbox One, Microsoft Windows, Google Stadia

F1 2020 wurde auf einer Standard-PS4 getestet.

Alex

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