F1 2019: Langweilige Formel 1? Von wegen!

F1 2019: Langweilige Formel 1? Von wegen!

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Welch Debakel. Nach den zwei teils deutlichen Siegen in den ersten beiden Saisonrennen in Australien und Bahrain droht mir beim Großen Preis von China der erste herbe Rückschlag. Nachdem schon die ersten Trainingseinheiten auf ein deutlich knapperes Rennen hindeuteten, schaffte ich es im Qualifying immerhin auf die dritte Position.

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Flutlicht an, Motor an und los geht die Wüstenhatz.

Doch die Anfangsphase des Rennens verläuft enttäuschend. Mein Mercedes ist zwar unglaublich schnell, vielleicht sogar das schnellste Fahrzeug auf die lange 21 Rennen umfassende Saison gesehen. Doch schon in den ersten Biegungen sehe ich mit Entsetzen, wie sich mein silbernes Biest durch die Kurven schleppt.

Die Hoffnung trägt mich weiter

Nun ist es nicht verwunderlich, dass es sich mit Sprit vollgefressen noch einmal ganz anders und schwerfälliger verhält als in der Qualifikation. Habe ich mich aber dermaßen verkalkuliert? Funktionieren die kurzfristigen Veränderungen an den Fahrzeugeinstellungen unter Rennbedingungen nicht?

Während ich Position um Position zurückgereicht werde und mein Teamkollege Lewis Hamilton sowie die beiden Ferrari-Piloten Sebastian Vettel und Charles Leclerc großen Schrittes enteilen, schöpfe ich Hoffnung. Die Erfahrung hat mir gezeigt, dass ich besonders während der Rennen noch einmal zulege.

Der nächste Rückschlag. Eine Kombination aus schwerfälligem Fahrgefühl und daraus resultierender Fahrfehler schmeißt mich nach dem ersten Boxenstopp sogar außerhalb der Punkteränge. Platz zwölf. Weitermachen und die Ruhe bewahren.

Mein zweiter Stint mit dem neuen Reifensatz, diesmal die mittlere Mischung, sollte mich zunächst über die halbe Renndistanz tragen. Tatsächlich werde ich stärker und überhole schrittweise einen Rivalen nach dem anderen, darunter Daniel Ricciardo im eigentlich unterlegenen Renault.

Gut, dass der Shanghai International Circuit breit gebaut ist und meinem starken Motor mit seinen endlos erscheinenden Geraden entgegenkommt. Das macht das Überholen zum Teil einfach, zumal die technischen Hilfsmittel wie DRS und ERS zusätzlich Schub verleihen.

Taktikgenie oder verzockt scheitern?

Die Zeit für die wohl wichtigste Entscheidung des Rennens ist gekommen. Meine Reifen haben deutliche sichtbar die Endphase ihrer Lebenszeit erreicht. Ich spüre die Vibrationen meines immer unruhiger werdenden Gefährts, das auch sichtbar wilder wird und auf zu harte Manöver sofort mit dem nächsten Zucken reagiert. Der Abflug ist nicht mehr fern.

Welche Reifen soll ich aufziehen? Die weichere, potenziell schnellere aber auch kurzlebigere oder noch einmal die mittlere Mischung? Ich gehe volles Risiko. Inzwischen unter die besten Fünf vorgekämpft, wittere ich meine Chance auf das große Comeback. Eine Podestplatzierung, vielleicht sogar der Sieg sind möglich. Ich erinnere mich an den Wetterbericht. Für die letzte Rennphase ist Regen angekündigt. Also hoffe ich, dass meine Reifen, die die über zwanzig verbleibenden Runden unter trockenen Bedingungen niemals heil überstehen werden, mich bis ins kühle Nass retten.

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Dieses historische PS-Biest gilt es erst einmal zu zähmen.

Es bleiben Zweifel. Wie stark fällt der Regenguss tatsächlich aus? Reicht er aus, die Strecke dermaßen abzukühlen und somit meine Reifen ausreichend zu schonen? Oder, noch besser, kommt es sogar zu einem weiteren Wechsel für feuchte Bedingungen?

Ich mache mit dem nun schnurrenden Mercedes Zehntel für Zehntel mit den weichen Reifen auf die Konkurrenz gut, die zuvor überwiegend die mittlere Mischung aufgezogen hat. Der Regen setzt ein. Schnell verdunkelt sich nicht nur der Himmel über dem Reich der Mitte, sondern auch der Streckenbelag, bis nur noch die Ideallinie einigermaßen sicher befahrbar ist.

Ist das meine Rettung? Inzwischen habe ich den Abstand zum Spitzenfeld auf etwa zehn Sekunden heruntergeknabbert. Neue Reifen müssen her und siehe da: Die neuen Gummis erweisen sich als Glücksgriff.

Mein Fahrzeug erlebt eine Leistungsexplosion im Regen. Für das letzte Fünftel des Rennens heißt es noch einmal Druck machen. An Vettel vorbei, an Leclerc vorbei und plötzlich sehe ich Lewis. Ich ziehe knapp vor Rennende vorbei und gewinne das Rennen.

Formel 1 ist mehr als direkte Konfrontation

F1 2019 aus dem Hause Codemasters ist in erster Linie nicht eine möglichst realistische Abbildung einer Fahrzeugsimulation. Der britische und besonders für seine Renntitel bekannte Videospielentwickler hat vor allem eine ungemein spannende Sportsimulation auf die Räder gestellt.

Aktuell sieht sich die reale Formel 1 mit dem Vorwurf der Langeweile konfrontiert. Mercedes eilt von einem Sieg zum nächsten, während die Konkurrenz von Ferrari, Red Bull & Co. hinterherfährt.

Vor allem weniger mit dem Sport vertraute Zuschauer sehen in der Formel 1 ein ödes Abspulen von Runden. Doch ganz gleich, ob ein Team davonfährt oder nicht. Ein großer Teil der Spannung findet sich zwischen den direkten Rad-an-Rad-Duellen.

Es geht um mehr als die unmittelbare Auseinandersetzung. Unter regulären Bedingungen dauert ein Rennen etwa anderthalb Stunden. Das sind neunzig Minuten, in denen viel passieren kann.

Immerhin sprechen wir hier von hochgezüchteten, aber in gewisser Hinsicht sehr fragilen PS-Monstern. F1 2019 gelingt es, mit stufenlos einstellbaren, nachvollziehbaren Computergegnern teils kurvenlange Zweikämpfe zu inszenieren, in denen es nur wenige Zentimeter vom gegnerischen Fahrzeug entfernt darum geht, die schnelle Linie zu halten und seine Position zu behaupten.

Gleichzeitig aber schaffen es die Briten daneben eben auch, das taktische Drumherum und die damit verbundende Brisanz der mittel- bis längerfristigen Entscheidungen auf den PC und die Konsole zu übertragen. So zwingt dich das Spiel auch aufgrund seiner dynamischen Ereignisse, wie den sich verändernden Wetter- und Safety-Car-Phasen, immer wieder in einen Zwiespalt zwischen Risiko und Sicherheit, was für ungemeinen Thrill sorgt.

Ich erinnere mich an einen früheren Teil der Reihe, in dem ich vor vielen Jahren online mit einigen fremden Mitspielern ein langes Rennen gewonnen habe. Nicht etwa, weil ich fahrerisch überlegen war. Im Gegenteil. Es hätte wohl nur für Position fünf, vier, vielleicht gerade so für den letzten Treppchenplatz gereicht.

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Auch die GP2 ist diesmal mit an Bord.

Auch hier waren es taktische Entscheidungen ebenfalls bei einsetzendem Regen, die mich in der Endabrechnung rund vierzig Sekunden vor der Konkurrenz ins Ziel spülten. Dieses Potenzial solch magischer Spielemomente schlummert auch in F1 2019.

Racingpaket für Einsteiger und Anspruchsvolle

Wie gewohnt hat Codemasters das nach wie vor geschmeidige Gameplay-Fundament in einem umfangreichen Paket diverser Spielmodi eingebettet. Mit Unterstützung etlicher zuschaltbarer Fahrhilfen spielt es sich eher wie ein Arcade-Racer, ohne bzw. mit wenigen Assistenten geht es eher in Richtung Simulation.

Zudem stehen dir einige Optionen zur Veränderung des Fahrzeug-Setups inklusive Erklärungen zur Verfügung. Es gibt definitiv realistischere, komplexere Fahrsimulatoren. F1 2019 entscheidet sich hier eher für einen Mittelweg zwischen Einsteigerfreundlichkeit und gehobenem Anspruch in Kombination mit den Eigenheiten des Sports.

Kernstück für Solospieler ist nach wie vor der recht steril präsentierte, aber motivierende Karrieremodus, in dem du einmal mehr ein Startteam deiner Wahl wählst und diesmal sogar früh Rivalitäten vor der Formel-1-Karriere aufbauen kannst.

Denn diesmal ist die Formel-2-Saison des vergangenen Jahres an Bord, die sich aufgrund des deutlich anderen Fahrzeugverhaltens noch einmal anders spielt als die F1-Laufbahn. Motivation entsteht in der Karriere vor allem durch das Hocharbeiten in der Hierarchie, sei es im Ansehen eines Topteams oder bei einem hinterherfahrenden Rennstall.

In meinem ersten Durchlauf versuche ich beispielsweise gerade, McLaren wieder in die oberen Ränge zu verhelfen und nebenbei meinen Teamkollegen Carlos Sainz als ersten Fahrer zu ersetzen. Durch das Absolvieren von Programmen und unterschiedlichen Herausforderungen schaltest du Punkte frei, mit dem sich das Fahrzeug verbessern lässt.

Gute Resultate kommen nicht nur beim Teamchef gut an, sondern erregen die Aufmerksamkeit anderer Crews, was du z.B. in neuen Vertragsverhandlungen mit deinem jetzigen oder einem anderen Team nutzen kannst.

Manche Entscheidung bremst F1 2019 leicht aus

Darüber hinaus stehen diverse Meisterschaften wie die aktuelle Formel-1-Saison mit allen Fahrern ebenso bereit wie einzelne Grand Prix‘, Zeitrennen und klassische Rennboliden, darunter ein von Ayrton Senna gesteuerter McLaren oder ein Renault, mit dem Fernando Alonso 2006 seinen Weltmeistertitel gegen Michael Schuhmacher verteidigte.

Besonders Formel-1-Kenner dürften sich nicht nur über das markante Fahrverhalten, sondern auch über die Motorengeräusche freuen. Ich erinnere mich noch an eine Zeit, in der das Kreischen der Fahrzeuge aus dem Fernsehschirm schallte. Schade, dass man Senna & Co. nur in diversen Herausforderungen steuern, aber etwa keine klassischen Meisterschaften austragen darf.

Ganze Saisons mit den historischen Boliden sind nur mit dem zu Beginn des Spiels eigens kreierten Fahrer möglich. Warum dir pro Meisterschaft bzw. Rennveranstaltung nur ein Slot derselben zur Verfügung steht, ist ebenfalls ein Rätsel. Es ist also nicht möglich, mit einem Konto zwei parallele Turniere oder Einzelrennen derselben Art zu spielen.

Etwas bitter ist auch das Fehlen eines Splitscreen-Modus‘. Eine Runde Formel 1 gemeinsam von der Couch aus ist leider nicht möglich. Online warten immerhin bestimmte wöchentliche Veranstaltungen sowie die Möglichkeit, eigene einzelne Rennen oder gleich ganze Meisterschaften mit etlichen Einstellungsmöglichkeiten zu erstellen.

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Bereit?

Potenziell kannst du dich hier dann auch mit einem Freund treffen und zusammen versuchen, den Rennstall eurer Wahl über eine volle Saison in einer so genannten League an die Spitze zu führen. Da sich der Fortschritt speichern lässt, müssen natürlich nicht alle Rennen an einem Stück absolviert werden.

Somit ist F1 2019, wenn auch die großen herausragenden Unterschiede zum bereits starken Vorgänger fehlen, ein intensives Rennerlebnis. Codemasters beherrscht die schmale Gratwanderung zwischen Arcade und Anspruch ebenso wie die Natur des Formel-1-Sports in interaktive Spannung umzusetzen. Es ist jener Nervenkitzel, der mich immer wieder auf die Strecke treibt.

Alex

Titel: F1 2019
Publisher: Codemasters
VÖ: bereits erhältlich
Plattform: PlayStation 4, Xbox One, Microsoft Windows

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