ESC: Vom Schlagerabend zum kreativen Trash-Fest

ESC: Vom Schlagerabend zum kreativen Trash-Fest

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Zu Anfang war der European Song Contest, kurz ESC, einfach nur brav. Niemand tanzte aus der Reihe, alle trugen mit Anstand ihr Liedchen vor und warteten danach auf ihre Punkte.

SLEAZE + ESC
Zeit für mehr Style! Verka_Serduchka 2007 beim ESC.

Die meisten unserer Leser / Leazer wären in den 50er und 60er Jahren ganz einfach vor dem Fernseher eingeschlafen, hätte man sie mit dieser Veranstaltung konfrontiert. Doch heute schrillen zwischendurch immer wieder die Alarmglocken – dank der extravaganten Charaktere, die die Bühne erobern.

Das Zuschauen ist damit für Menschen, die nicht auf gleichbleibendes Dahinplätschern stehen, um einiges einfacher geworden. Gleichbleibend schwer ist es allerdings, vorherzusagen, wer am Ende des Wettbewerbs das Rennen für sich entscheidet.

Da die Lieder im Vorfeld alle bekannt sind und es keine echten Überraschungen gibt, können sich zwar die Buchmacher und Musik-Experten ihre Prognosen auf handfeste Informationen stützen. Trotzdem bleibt es bis zur Bekanntgabe der Punkte unklar, wie Jury und Zuschauer in Kombination abstimmen werden.

Stefan Raab krempelte den Laden endlich um

Eines fällt besonders auf: Die ganz Irren haben mittlerweile genauso große Chancen wie die Braven. Das bewies zum Beispiel die Hardrock-Band Lordi aus Finnland, die 2006 als gruselige Zombies verkleidet vor das Publikum trat und die Bühne zum Beben brachte. Ihr Song „Hard Rock Hallelujah“ war nicht nur ein purer Schock, sondern löste auch weltweite Begeisterung aus.

Für ihren Auftritt sahnten die Monster-Rocker 292 Punkte ab und belegten damit den ersten Platz. Als sich im Jahr 2000 Stefan Raab berufen fühlte, den ESC aufzumischen, reichte es immerhin schlussendlich für den 5. Platz. Der Song „Wadde hadde dudde da“ dürfte auch heute noch so manchem Raab-Fan (und -Hasser) in den Ohren klingen. Er setzte sich im Anschluss an den Song-Wettbewerb souverän auf den 2. Rang der deutschen Charts.

Schon zwei Jahre zuvor war Stefan beim ESC vertreten, aber nicht als Sänger, sondern als Komponist. Er versorgte den legendären Guildo Horn mit dem unvergleichlichen Song „Piep, piep, piep – Guildo hat euch lieb“. 1998 war dieser Auftritt noch ein echtes Wagnis, weil die ESCler teils ziemlich humorbefreit agierten. Und dann auch noch dieser Guildo mit seinem dünnen, wallenden Haar und der extravaganten Kleidung!

Was soll’s, die Partyfreudigen unter den deutschen Fans waren begeistert und beachteten den 7. Platz kaum, den ihre beiden Idole Stefan und Guildo erreichten. Im Grunde ging es ohnehin hauptsächlich darum, die alten, biederen Grenzen aufzuweichen und den Muff wegzublasen. Das ist mit diesem Auftritt absolut gelungen!

Trommelnde Omas und Einrad fahrende Rauschgoldengel

Moldavien entsandte 2005 die Band Zdob şi Zdub in die ukrainische Hauptstadt Kiew. Der Sänger rockte mit nacktem, bunt bemaltem Oberkörper ab, während an seiner Seite eine entspannte Trachten-Oma im Schaukelstuhl saß. Auf dem Schoß der betagten Dame befand sich eine Trommel, die sie im späteren Verlauf kräftig zu schlagen vermochte.

Dieser Auftritt verlieh der Sache noch einmal ordentlich Schwung und brannte sich ins Gedächtnis der Jury und der Zuschauer ein. Der trashige Effekt war ganz sicher gewünscht – und der Oma hat es sichtlich Spaß gemacht. Belohnt wurde die Inszenierung mit dem 6. Platz.

2011 traten die moldawischen Jungs ein zweites Mal an, diesmal mit hohen, spitzen Zipfelhüten und einer engelhaften jungen Frau auf einem Einrad. Ihre starken Rhythmen brachten die Rocker dabei auch wieder mit, dazu Feuerwerk und grelle Lichtblitze. Leider kam es diesmal nicht zu einer Platzierung, aber auf der Bühne ging immerhin die Party ab.

SLEAZE + ESC
Lordi schreckten den ESC (positiv?) auf!

2007 ging mit Verka Serduchka und ihrem Lied „Dancing Lasha Tumbai“ die Post ab! Okay, eigentlich ist Verka ein Mann namens Andrij Mychajlowytsch Danylko, der gern die ältere Drag-Lady mimt. Er – oder sie? – kleidete sich gemeinsam mit den umgebenden Musikern und Tänzern in spaciges Silber.

Der Musikstil ließe sich am ehesten als Turbo-Folk bezeichnen, ein eindeutig zu identifizierender Text war nicht vorhanden. Doch der Auftritt kam so frech und ungewöhnlich daher, dass es tatsächlich für eine Zweitplatzierung langte. Der Rhythmus ging auf direktem Weg ins Tanzbein, da war es auch egal, was Verka Serduchka uns mit ihrem Gebrabbel sagen wollte.

Und noch ein kurzer Nachtrag zu Stefan Raab. Klar, der Typ macht schräge Sachen und ist auch recht kapital-orientiert. Aber er hat auch ein Talent, Spaß zu verbreiten. Und so ist es kein Wunder, dass Lena trotz ihrer merkwürdigen englischen Akzents mit Satellite 2010 das erste Mal seit Langem richtig abräumte für Deutschland.

Doch trotz der ansehnlichen Lena werden sich wahrscheinlich nicht ganz so viele passionierte ESC-Fans unter unseren Lesern befinden, und das können wir gut verstehen. Doch dieser Song Contest ist deutlich dabei, sich zu ändern, und das bereits seit Jahren. Es kann sich also durchaus lohnen, zwischendurch mal reinzuschauen.

Jens

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