„Es gibt doch wirklich nichts Beschisseneres als Fun-Punk“

„Es gibt doch wirklich nichts Beschisseneres als Fun-Punk“

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Max Gruber aka Drangsal weiß zu provozieren, beziehungsweise nimmt er kein Blatt vor den Mund. Er sagt, was er denkt. Unhöflich wird er dabei jedoch nicht, ganz im Gegenteil, als Gesprächspartner bleibt der pragmatische Wahlberliner aus Rheinland-Pfalz sympathisch und freundlich, während er sich über andere Dinge auslässt und munter erzählt.

Und so fanden wir uns im Gespräch über sein kommendes Album „Zores“ immer mal wieder in Diskussionen darüber, dass Jazzsongs keine Songs seien, bei Universal nur BWL-Student*innen säßen – und dem Zitieren von alten Knochenfabrik-Klassikern.

SLEAZE: Erst mal vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast. Herxheim, wo du aufgewachsen bist, spielt für dich als Künstler eine große Rolle. So kommt der Name Drangsal beispielsweise von einem Bestattungsunternehmen vor Ort. Ist das ein Ausdruck der Verbundenheit oder die Verarbeitung der Vergangenheit?

Max: Absolut. Beides irgendwie. Ich habe schon eine gewisse Heimatverbundenheit, auch wenn das immer so ein schwieriger Begriff ist. Heimat. Aber ich sehe Heimat nicht gleich einer „deutschen Identität“. Die habe ich nicht, aber ich habe einfach den Großteil meines Lebens in Herxheim verbracht.

Sobald ich zweimal 18 bin und damit dann 18 Jahre lang nicht mehr in Herxheim lebe, fängt die Uhr nochmal von Neuem an zu ticken und deswegen bin ich meiner Heimat auf jeden Fall noch sehr verbunden. Weder positiv noch negativ konnotiert. Ich stelle mir das nicht vor, wie das schöne deutsche Dorf im Süden, wo noch alles ok ist. Viel, was in mir passiert ist, ist eben da passiert. Es ist auf jeden Fall aber auch eine Art, das, was da passiert ist, zu verarbeiten. Ich zehre davon, weil es ja gefühlt das Einzige ist, was ich kenne. Und ich finde Berlin nicht so inspirierend. Berlin ist eher ein Mittel zum Zweck. Es ist gut hier zu wohnen, weil es hier viel gibt: Meine Band lebt halt hier und mein Label ist vor Ort, meine ganzen Freunde wohnen hier. Warum soll ich jetzt zum Beispiel nach Wien ziehen?

SLEAZE + Drangsal-Punk
Drangsal, fotografiert von Chris Gonz

Ich muss zugeben, bei „Turmbau zu Babel“ sofort an die frühen Ärzte gedacht zu haben und irgendwie auch an Rammstein.

Oh, ich liebe Rammstein. Ich finde es schön, dass du das sagst. Ich persönlich sehe Rammstein ja mehr als Farin Urlaub. Ich glaube, dass ich eine sehr eigensinnige Aussprache vom „R“ habe. Und ich versuche es auch immer so auszusprechen, dass man hört, dass da ein „R“ ist. Und das macht Till Lindemann ja noch viel mehr. Wenn du mich also mit Rammstein vergleichen möchtest – gern, ich bin großer Fan. Ich finde, Till Lindemann ist ein enormer Texter.

Auch, wenn viele Leute ein Problem mit Rammstein haben und sie in dieselbe Kerbe wie die Böhsen Onkelz hauen. Aber das sehe ich so gar nicht, muss ich gestehen. Es spielt sehr bewusst mit diesem Deutschsein, aber Rammstein haben halt keine Fascho-Vergangenheit. Bevor es Rammstein gab, waren die alle in so linksradikalen Ossi-Punkbands. Natürlich sind die jetzt alle reich und haben ganz viel Geld und sind einfach so Douchebags, die beim Echo rumhängen. Aber wen interessiert’s? Ich find die Mucke, die die machen, geil. Da draußen an der Wand hängt so eine goldene Rammstein-Platte.

Das heißt, da willst du dann später auch hin und neben Rammstein hängen?

Ne. Ich hab keine Lust, in der Chefetage bei Universal an der Wand zu hängen, damit die sich jeden Tag einen drauf runterholen können, wie erfolgreich ihre Künstler sind. Das hier ist das Stockwerk, wo es aufhört, etwas mit Musik zu tun zu haben. Hier sind halt die, die BWL studiert haben. Hier werden zwar die wichtigen Entscheidungen getroffen, aber es geht nur noch um Zahlen und nicht mehr um Kunst. Hier stehen nur Ordner.

Und in den anderen Stockwerken ist es tatsächlich geiler, weil überall Poster und eingerahmte Bilder von Farin Urlaub oder Metallica hängen oder Pappaufsteller stehen. Dort ist alles so absolut abgefuckt dekoriert und hier oben ist einfach gar nichts mehr. Wie traurig.

Weil du sagtest, du willst auch bewusst deine Texte klar aussprechen, sie betonen. Ist das auch der Grund, warum du nicht mehr mit Hall und Echo auf der Stimme arbeitest?

Der Grund ist, dass ich 2,5 Jahre auf Tour war, bevor ich dieses Album aufgenommen habe und erst da gelernt habe, mit meiner Stimme umzugehen und deren Grenzen auszuloten. Was ich mit meiner Stimme tragen kann und was nicht. Als wir meine erste Platte aufgenommen haben, konnte ich schlicht und ergreifend nicht gut singen. Punkt.

Und wir mussten halt alles dafür geben, es so wirken zu lassen, als wär’s trotzdem spitze. Und dann doppelst du eben alles, was du singst, gefühlt zwanzigmal und ballerst noch fünfzig Effekte drauf und dann klingt es orchestral. Natürlich ist das wiederum auch ein Stilmittel, was ich durchaus bewusst und gerne benutze. Aber jetzt war es mir wichtig, einen Gegensatz dazu zu bilden. Es geht auch immer darum, sich nackt zu machen und sich dadurch weiterzuentwickeln.

Man kann Ängste nur überwinden und anfangen sich selbst zu lieben, wenn man den Leuten die Sachen, für die man sich am meisten schämt, am exzessivsten aufdrückt. Und das mit dem deutlich aussprechen… Ich bin Pfälzer. Wenn ich jetzt „normal“ mit dir reden würde, du würdest kein Wort verstehen. Und ich will ja keine Mundart machen. Und trotzdem habe ich noch super viele Fehler in den Texten. Zum Beispiel im ersten Song „Eine Geschichte“, da sag ich: „Bunte Wägen ziehen durch die Straßen.“ Aber das gibt es gar nicht, so sagt man das nur in der Südpfalz. „Wägen“. Die Mehrzahl von Wagen ist Wagen, nicht Wägen.

„Ich wollte, dass die Stücke ein richtiges Skelett, ein Grundgerüst haben.“

Mir ist auch aufgefallen, dass „Zores“ nicht mehr so düster wie „Harieschaim“ ist, sondern poppiger. Statt an The Cure oder The Smiths muss ich jetzt eher an die Neue Deutsche Welle denken.

Ich selber finde ja, dass diese Platte Smiths-iger denn je ist. Wenn man so einen Song wie „Magst Du Mich“ hört – alleine wenn man den Gesang ausblendet, weil er deutschsprachig ist – klingt das wie ein Smiths-Instrumental: 150 Gitarren, kein Synthesizer, ein einziges Gekniedel. Ich glaube aber auch, dass es poppiger ist.

SLEAZE + Drangsal-Punk
Drangsal in Action, festgehalten von Louis Rohde

Für mich ist Pop aber kein schlechter Begriff. Ich liebe zum Beispiel Lady Gaga genauso, wie ich Rammstein liebe. Beide machen für mich Popmusik. Musik, die eine breite Masse gut finden kann. Und dazu brauchst du eben ein Songwriter-Talent. Das war das, was ich dieses Mal versucht habe. Mehr als bei „Harieschaim“ noch, was ja die ersten Gehversuche waren, die ich den Leuten überhaupt auf’s Brot geschmiert habe. Ich kann dir keinen Song von „Harieschaim“ so auf einer Akkustikgitarre vorspielen, dass du den noch erkennst, weil die alle aus einzelnen Sounds zusammen gepuzzelt sind.

Bei „Zores“ ist es jetzt so, dass ich versuchen wollte, Songs zu schreiben. Ich wollte, dass die Stücke ein richtiges Skelett, ein Grundgerüst haben. Weniger Instrumentalpassagen, alles komprimiert auf weniger Minuten, mehr „weniger“.

Du hast in irgendeinem Interview mal gesagt, dass du bewusst „Turmbau zu Babel“ als erste Veröffentlichung gewählt hast, weil der Song quasi das Extrem des Albums darstellt.

Voll. Natürlich ist es auch der massentauglichste Song, aber auf der anderen Seite ist es auch so, dass er einige ankotzt, weil es eben nicht der postpunkigste Song ist, weil er eben nicht mehr so nach The Cure klingt.

Ich finde es extrem wichtig, Reibung zu erzeugen, vor allem, wenn du den Newcomer-Bonus nicht mehr hast und nicht mal mehr eben Jenny Elvers in dein Video packen kannst. Du musst irgendwie versuchen, relevant zu bleiben, zum Beispiel indem man zuerst so einen Schocker auspackt. Und der ist im Falle von „Zores“ eben der „Turmbau zu Babel“.

Das war uns allen klar, dass wir damit auch viele Leuten vor den Kopf stoßen und eine Menge Leute verlieren. Egal wie kacke die Leute den Song finden – oder eben wie gut – die werden sich diese Platte hoffentlich trotzdem anhören und ich denke, da wird jeder etwas finden, was er mögen kann. Mir geht es darum, ob die Musik was in einem auslöst oder nicht. Ich glaube, ich habe als Musiker gelernt, Musik unabhängig des Genres zu betrachten. Ich höre genauso gern Black Metal wie ich Britney Spears-Songs höre. Genau mit demselben Ohr. Falco hat immer gesagt, ohne einen Vergleich ziehen zu wollen: „Entweder die Leute finden mich extrem geil oder extrem scheiße. Dazwischen aber möchte ich nie stattfinden.“

So fühle ich das auch immer bei meiner Musik. Dinge, auf die sich alle einigen können, sind es meist nicht wert, dass man allzu viel Zeit in sie investiert. Natürlich kannst du meine Musik auch total scheiße finden, aber es ist gut, dass sie wenigstens irgendwas in dir auslöst.

Kein Herz für Jazz und Fun-Punk

Da überdenke ich gerade meine Einstellung zu Ska und Reggae.

Ich hatte so eine Deutschpunk-Phase, da habe ich Sondaschule, Ska-P und so gehört. Horror.

Die Deutschpunkphase hatte ich auch, aber die Bands habe ich immer ausgeschlossen, weil ich Ska schon immer zum Kotzen fand. Bei mir lief Knochenfabrik, Schleimkeim, etc.

Max (singt): „Wir hatten uns nicht vorgenommen, jemals auf die Welt zu kommen und trotzdem ist es irgendwie passiert.“ Obwohl ich lange Zeit auch sehr ablehnend gegenüber Reggae war, muss ich mittlerweile tatsächlich sagen, dass es auch sehr gute Reggae-Musik gibt.

Reggae spare ich mir lieber.

Ich spare mir dafür Jazz. Ich mag den meisten Jazz nicht, weil ich halt lieber Songs mag. Ich mag zweieinhalb bis viereinhalb Minuten und nicht ewige Impro und jetzt packen wir mal alle den Schwanz auf den Tisch und schauen, wer am besten spielen kann. Hasse ich.

Da gehe ich mit dir. Wie gesagt, ich komme aus dem Deutschpunk.

Oh Gott, was ich mir da alles reingezogen habe. Von Troopers über ZSK und Schleimkeim, Die Zusamm-Rottung, Staatspunkrott.,. Kennst du noch Staatspunkrott? „Ich werd jetzt Polizist, weil das so super ist.“ Und dieses verdammte Gurkenlied. Es gibt ja wirklich nichts Beschisseneres als Fun-Punk.

Zores ist Wut

Wo wir schon beim Punk wären. „Zores“ steht ja unter anderem auch für eine Gruppe Asozialer. Identifizierst du dich damit? Über Herxheim sagst du ja, dass du einen Bezug zur Gegend hast. Betrachtest du dich gleichzeitig als Außenstehender?

Bei uns kann man das relativ vielseitig benutzen. Ich finde, das Wort passt ganz gut. Ich gehöre ja trotzdem dazu. Ich kann ja nicht anders, als aus Herxheim zu kommen, egal wie sehr ich es gerne nicht würde oder mich nicht zu dem Rest der Leute dort zugehörig fühle. „Zores“ ist schon ein gutes Wort mit Wut als Kern: Wut ist bei mir der treibende Motor, Musik zu machen. Der Drang oder der Grund dafür, schneller rennen zu wollen als alle anderen, ein Ansporn.

Ich verstehe das nicht so wie Eifersucht oder Neid, selbst wenn auch das Motoren sein können. Ich finde Wut ist etwas Wichtiges. Wut und Unzufriedenheit, denn nur dann willst du etwas ändern.

Genau, das ist im Endeffekt das, was dich vor der Resignation schützt und dementsprechend schon nicht ausschließlich negativ sein kann. Bei „Turmbau zu Babel“ habe ich mich außerdem gefragt, ob es einen Bezug zu der biblischen Geschichte hat.

Ich komme aus einer erzkatholischen Gegend und an jeder Ecke steht so ein riesiges Kreuz. Früher musste man zudem immer in die Kirche gehen. Die Kommunion habe ich noch mitgemacht, aus dem Firmunterricht bin ich dann rausgeflogen. Ich glaube, wenn man so jung und impressionabel ist, dann brennt sich das alles wie ein Stempel in deine Hirnrinde ein. Du kannst gar nicht anders, als immer wieder Bezug darauf zu nehmen, auch, wenn du eigentlich gar nicht willst.

Selbst, wenn du hier jetzt wohnst, in dieser gottlosen Stadt, und alles an Frivolitäten durchgespielt hast, die dir die Bibel explizit verbietet, glaube ich, ist das Christentum immer noch etwas, das omnipräsent ist in unserer westlichen Welt. Gerade der Titel „Turmbau zu Babel“ ist aber eher zufällig entstanden. Ich bin aber der Meinung, es gibt immer einen Grund, warum Dinge so aus einem rauskommen, wie sie es tun und das macht sie für mich dann automatisch wertig. Auch, wenn ich dir jetzt nicht wirklich sagen kann, warum ich mir diesen Titel ausgesucht habe.

Auch im Video findest du durchaus Parallelen, die du aber mannigfaltig interpretieren kannst. Und das finde ich eben auch schön, wenn Musik einem überhaupt diese Fläche bietet. Ich habe keine Lust, dass Dinge zu deutlich sind.

SLEAZE + Drangsal-Punk
Das Cover zu Zores

Ich finde es schade, wenn sich nicht jeder einen eigenen Reim darauf macht.

Ich höre Musik, bei der weiß ich manchmal ganz genau, worum es geht und manchmal weiß ich es eben nicht, aber ich trotzdem versuche, immer meine eigene Geschichte daraus zu machen. So sehe ich das mit meiner Musik auch. Ich will niemandem erklären müssen, um was es geht. Jeder soll sich überlegen, was er empfindet. Da geht es eher um Gefühl als um ein „in diesem Song geht es darum, dass…“.

Am Ende des Tages geht es ja eh immer um einen selber. Ich bin kein Geschichtenerzähler. Ich wünsche mir, dass ich noch zu einem werde. Aber gerade sind die häufigsten Wörter in meinen Songs wahrscheinlich „Ich“ oder „Du“.

 

Pascal

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