Ein Sturm von einem Liebesfilm

Ein Sturm von einem Liebesfilm

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SLEAZE + Call Me by Your Name
Wie viel Sehnsucht kann in einem Bild stecken?

SLEAZE + Call Me by Your Name
Wie viel Sehnsucht kann in einem Bild stecken?

Wir sind vollkommen überfressen. Überfressen von Liebesvorstellungen fernab der Realität, die uns das Heile vom Himmel injizieren, die Freude, den Spaß, die Konfliktlosigkeit. Werbeträchtig sind die schönen Spaßhabenden, während die Sehnsucht im dunklen Kämmerlein nach mehr dürstet. Luca Guadagninos (A Bigger Splash) nun auch bei uns anlaufender Call Me by Your Name ist ein im eindringlichsten Sinne des Wortes aufrechter, wahrer „Liebesfilm“, der nicht einknickt, sondern so schmerzhaft und wunderschön von der Verbundenheit erzählt, das man sich zurücklehnen, genießen, fühlen und applaudieren möchte. Egal, wie schmerzhaft es sein mag.

Liebe durchdringt alles

Basierend auf dem gleichnamigen Roman von André Aciman aus dem Jahre 2007 erzählt Lucas Film (nein, hat nichts mit George Lucas zu tun) unter der gleißenden Sonne Italiens vom 17-jährigen Elio Perlman (Timothée Chalamet). Ihm und seiner sich zunehmend leidenschaftlicher äußernden Beziehung mit Oliver (Armie Hammer), der als Assistent von Elios Vater Samuel (Michael Stuhlbarg), einem Archäologie-Professor, ins sommerliche Anwesen der Familie zieht.

Im Folgenden entfaltet der Italiener einen von Verlangen, Sehnsucht und Liebe angetriebenen Erzählstrudel, der in seiner traumartigen Schönheit und Konsequenz von ungemeiner Lebenswucht und Erkenntnis zeugt.

Die beiden Verliebten drehen sich lange Zeit umeinander und sich selbst. Zwei Sternen auf Kollisionskurs gleich, im Bestreben, eins oder zumindest irreversibel eine miteinander verbundene Einheit zu werden, die sie im Wesentlichen bereits von Beginn an sind.

SLEAZE + Call Me by Your Name
Das Klavier- als Liebesspiel.

Doch immer wieder hält sie etwas zurück: Sind es die gesellschaftlichen Umstände? Die Angst vor der Ablehnung durch den Anderen? Call Me by Your Name widersetzt sich oftmals klaren Antworten, denn sie sind irrelevant. Vielmehr schafft es Luca, die Anziehung und das Abstoßen erlebbar zu machen sowie damit gleichsam ein vertrautes Gefühl für seine Handelnden zu schaffen. Stets sind es Abwehrmaßnahmen, etwa Neckereien, oder Gespräche unter dem Deckmantel der Intellektualität, die Schutzräume innerhalb der längst raumdurchflutenden Liebe schaffen, sowohl für Elio als auch für Oliver.

Ihre Kraft ist allerdings so stark, dass sie diese Konversationen und jedes Verhalten unmittelbar infiltriert und bestimmt. So avancieren distanzierte Gespräche über Kunst oder die Betrachtung wie Ausübung derselben zu Gesprächen bzw. Momenten über ihre eigene Existenz und jeder Blick und jede Berührung geht mit dem lauten Herzensruf nach dem Zusammensein einher.

Klappe zu und losgefühlt!

Es ist der einzige Ruf, der zählt. Call Me by Your Name zelebriert das Gefühl, wobei er gleichzeitig die Rationalität, das Geblubber innerhalb ideologischer bzw. ästhetischer Diskussionen, zwischen denen oft kein Unterschied besteht, dekonstruiert. Sie dienen in Lucas Film maximal dem metaphorischen Ausdruck innerhalb ihrer wörtlichen Sprache, die im Alltag vielmehr als Werkzeug des Pragmatischen denn inneren Seelenausdrucks Verwendung findet. Henry Miller schrieb 1945 (frei übersetzt): „Wir sprechen nicht, wir knüppeln uns gegenseitig mit durch flüchtiges Lesen aus Zeitungen, Magazinen und Digests gesammelten Fakten und Theorien nieder.“

Wir sind in unserer Überfressenheit von Falschheit vollkommen ausgehungert. Es ist das Mehr, das Wahre, das lebendig ist und uns lebendig werden lässt. Es sind Widersprüche wie gegeneinander agierende Kräfte. Dazu gehört ebenso der Schmerz, den Call Me by Your Name nicht unter den Tisch kehrt. Er ist bei aller Freude und Dankbarkeit ob des Zusammenseins ebenso Konsequenz. Alle Seiten bedingen einander. Welch Verschwendung wäre es, all das Schöne zunichte zu machen und zu vergessen, um das Schmerzvolle auszumerzen.

SLEAZE + Call Me by Your Name
Ein Gefühlsgespenst geht um.

Frei übersetzt heißt es einmal: „Wir reißen so viel aus uns heraus, um schneller von Dingen geheilt zu werden, als wir sollten, sodass wir mit dreißig bankrott sind und jedes Mal weniger zu geben haben, wenn wir mit jemand Neuem etwas anfangen.“

Erotisch-unerotisch

Die verwirrten wie klarsichtigen Liebesspiele hüllt Luca in einen assoziativen Strom der Emotionen, der uns durch sein ländliches Italien geradezu beobachtend schweben lässt, in dem er etwa den Blick frei schweifen lässt oder im Hintergrund genutzte Musik plötzlich abbricht. Der Film folgt der von ihm erzählten Liebe und tut, wie sie, was er will. So scheint es vor dem Schauplatz dieses paradiesisch wirkenden Dolce-Vita-Italiens.

Es ist, als spüre man die kribbelnde Kühle in den schattenspendenden Gängen des großen Hauses, die wie kleine Fluchtorte der Einkehr und Zartheit von der fast immerzu auf die vielfach zu sehenden, zuweilen Adonis-artigen Oberkörper scheinenden Sonne fungieren. Doch Call Me by Your Name ist beileibe kein Film, der seine Energie aus dieser Erotik zieht, zumal sie vielmehr der abstrakte Ausdruck viel, viel tiefer verwurzelter emotionaler Stürme ist. Es sind die Stürme, in denen sich das Schönste und Schmerzhafteste zusammenbraut. So ist denn auch Call Me by Your Name wahres Sturmkino und schlicht ein gewaltiger Liebesfilm.

Alex

Titel: Call Me by Your Name
Kinostart: 01.03.2018
Dauer: 132 Minuten
Genre: Drama, Romanze
Produktionsland: Italien, Frankreich, Brasilien, USA
Filmverleih: Sony Pictures

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