Ein Rückzugsort?

Ein Rückzugsort?

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DJ Fresh Meat besitzt zwei Gesichter: Das eine erblickt man hinter den Turntables. Das andere hingegen spricht von Refugium oder Reproduktion der Szenewirtschaft. Es heißt Jan-Michael Kühn. Dieser schrieb gerade seine Dissertation „Die Wirtschaft der Techno-Szene“. Für die Buchpremierenparty legte er selbst auf – wir trafen den DJ und Soziologen kurz danach zum Interview.

Jan-Michael Kühn
Jan-Michael Kühn

SLEAZE: Hallo Jan. Erst einmal zu dir: Ist Techno die einzig wahre Musikrichtung für dich?

Jan: Lange Zeit: ja. Ich habe mich früher überhaupt nicht für Musik interessiert, bis ich Techno kennen lernte. Das war in den 90ern, als wir in unserem Schulbus Tapes austauschten. Es war eine sehr lange Busfahrt und wir hörten so fiese Trance- oder Loveparade-Tapes. Das war die erste Musik, die mich wirklich gekickt hat. Nach dem Schulabschluss fing ich an, in Clubs zu gehen und mit dem Studium begann ich aufzulegen. Ich war viele Jahre recht eingefahren auf eine Musik, finde aber mittlerweile mehr subkulturellen Musikstile interessant. Meine Freundin kommt eigentlich aus der Metalwelt. Aber auch in dieser Musik höre ich eine Essenz Techno.

SLEAZE: Wie das?

Jan: Am Sound. Er ist düster, hart, scheißt auf alles. Genau wie die früheren Technotracks. Ich versuche, jede Musik zu verstehen: Wie und warum funktioniert sie, welche Bedürfnisse werden befriedigt, welche Ängste übertüncht…

SLEAZE: In deiner Dissertation kommst du genau darauf zu sprechen: Techno sei mehr als nur Musik. Es sei eine eigene Erlebniswelt, diese könne man besonders im Club erfahren.

Jan: Das Spezielle an Techno ist, dass die Tracks an sich gar nicht ihre volle Funktion erfüllen. Erst durch die DJs, ihre Mixe und die Anlagen in den Clubs werden sie erlebt.

SLEAZE: Du schreibst, Techno wolle sich abgrenzen. Es sei keine Charts-Musik. Aber übernehmen nicht Clubs die Funktion, die die Charts früher übernommen haben? Sie selektieren scharf, wer rein darf und wer spielt.

Jan: Um in die Charts zu kommen, musst du populär klingen und an die richtigen Manager geraten. Bei Clubs nicht. Türsteher selektieren eine Handvoll Personen, die rein können. Es gibt gewiss eine Gatekeeper- oder Ausschlussfunktion. Diese erfolgt durch Milieuzugehörigkeit, Alter und Bildungsstatus. In Clubs findest du eher homogene Gruppen mit ähnlichen Bildungs- und sozialen Hintergründen und ähnlichen politischen Überzeugungen.

SLEAZE: Diese Clubs siehst du in deiner Dissertation ebenfalls als abgegrenzt – vom Kommerz.

Jan: Abgrenzung ist eigentlich nicht gut, wir sind ja auch eine multikulturelle Szene: Teilnahme, Freiheit und Genuss sind deren Grundideen. Um dies aber erleben zu können, müssen manche Interessen ausgegrenzt werden. Wenn Akteure nur rein kommerziell orientiert sind, stehen sie sozusagen unter Generalverdacht: dass es ihnen gar nicht um das Erleben der Nacht im Club geht, sondern sie nur schnelles Geld verdienen möchten.

SLEAZE: Sorgen bestimmte Headliner nicht für zusätzliche Kommerzialisierung?

Jan: Headliner mindern das Unternehmensrisiko. Sie sind ein knappes Gut. Weil sie das ökonomische Risiko minimieren und ein geringeres Erlebnisrisko für die Clubber versprechen. Dann musst du natürlich mehr Geld ausgeben. Der Clubeintritt kostet ja im Durchschnitt fünf bis fünfzehn Euro, die Tracks vielleicht zwei. Solange das in diesen Rahmen bleibt und das in der Subkultur geschieht, ist das aber die eigene Form der Kommerzialisierung. Das wird als legitim gesehen.

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SLEAZE: Ist Techno der Gegenstrang zu einer sonst so kommerziellen Welt – kann es auch gesellschaftskritisch sein?

Jan: Das ist immer eine Frage, aus welcher Perspektive: Wer will was verändern? Natürlich gibt es politische Gruppen, die da was verändern wollen. Beispielsweise wir möchten eine Parallelwelt zum Kapitalismus schaffen oder ein gutes Klima für Flüchtlinge. Techno wird hier als Träger anderer politischer Interessen genutzt. Das eigene politische Potential des Technos ist aber der Hedonismus; die Spaßorientierung.

SLEAZE: Die Spaßorientierung als politisches Statement?

Jan: Genau – die Lockerheit des Lebens, das Lustprinzip, dieses Ich bin nicht so karriereorientiert, sondern genieße mein eigenes Leben mit Musik und Feiern. Das ist das, was viele Millionen Menschen als Normalität deklarieren. Das hatte einen riesen Einfluss in die Gesellschaft. Was davor war oder parallel dazu abläuft, ist sehr leistungs- und konkurrenzorientiert. Techno ist ein starker Träger von Individualismus. Das ist, was Techno seit über 30 Jahren vermittelt.

SLEAZE: Also ist Techno ein Außenspiegel der Gesellschaft?

Jan: Es ist nicht nur ein Spiegel, es ist auch ein Rückzugsort. Aber auch hier herrscht eine Ambivalenz, denn auch in dieser Szene hast du ähnliche Verhältnisse wie in der normalen Arbeitswelt. Wo wenig Leute viel verdienen und viele Leute wenig. Sie trägt ebenfalls das Leistungsprinzip in sich, wenn auch etwas anders. Aber auch die linke Szene hat Techno als Ort für sich entdeckt, um alternative Wirtschaftsräume zu erstellen, anders miteinander umzugehen.

SLEAZE: In Berlin beispielsweise gibt es einige linke Technopartys…

Jan: Man denkt ja gerne, Techno sei links, aber das ist die Berlin-Blase. Jede Kleinstadt hat ja mittlerweile ihren Technoclub. Da spielt das eine eher untergeordnete Rolle, die Verbindung existiert dort kaum. Hier entstanden Verbindungen zu anderen Szenen. Woanders hast du beispielsweise die Gabber-Szene, die sich teilweise sehr rechtspopulistisch orientiert. Da weiß man gar nicht, wie das mit dem ehemaligen Prinzip funktioniert. Techno ist ein Träger, ein Angebot an viele Gruppen.

SLEAZE: Spielt die Politik denn öfter mit rein?

Jan: Ja, aber es ist keine konkrete Interaktion. Es gibt diesen Vermittler in Berlin, die Clubcommission. Viele stehen dem aber auch skeptisch gegenüber. Manchmal funktioniert es schon, aber viele Leute empfinden Parteienpolitik als schlechte Branche.

Tun sie das? Wir können gespannt sein, denn in den nächsten Wochen geht es weiter mit der Clubverdrängung. Lutz Leichsenring von der Clubcommission ergreift das Wort. Mit Jan hingegen konnten wir gar nicht aufhören zu reden. Uund so wirst du noch öfter seine Zitate in unseren Artikeln lesen. Auch wenn er sich derzeit von der Forschung losgesagt hat (es gebe zu wenig Fördergelder für solche Nischenthemen). Sein Abweichen von den Mainstreamthemen führt in diesem Fall zum Ende. Aber er betreibt immer noch seinen Blog „Berlin Mitte Institut für Bessere Elektronische Musik“. Und sein Zweites Gesicht, DJ Fresh Meat, denkt auch nicht ans Aufhören.

Infos zum Buch:

Die Wirtschaft der Techno-Szene: Arbeiten in einer subkulturellen Ökonomie (Erlebniswelten)
Autor: Jan-Michael Kühn
Erschienen bei: Springer VS
Kosten: 34,99€

Von: Lisbeth

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