Ein offener Brief an Nike

Ein offener Brief an Nike

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Liebes Nike,

ich habe das Gefühl, wir müssen mal reden. Das habe ich schon länger, aber bevor es zu spät ist und die Beziehung sich noch mehr verschlechtert, wollte ich es nun wirklich mal tun. Seit vielen Jahren nun bin ich ein Sneaker-Liebhaber, nicht so fetischmäßig mit vor irgendwelchen Shops übernachten oder so einen Quatsch, aber Sneakers ist das, wofür ich modemäßig das meiste Geld ausgebe. Und da adidas sich meiner Meinung nach nicht mutig genug Farben und Stile testet, Pumas Macher offenbar leider oft gar nicht wissen, was sie tun, Supra geile Silhouetten macht, aber ich nie limierte Sonderfarbkombis oder so finde, Vans auch lieber auf Nummer Sicher geht und sowas Innovatives wie Camo- (Militäroptik, wie kann man so was gut finden?), Leoprint- (ohne Worte) und Star-Wars- (geht immer, schnarch) Classics rausbringt…geht anteilsmäßig das meiste Modegeld an dich, liebes Nike. Darum ist dieser offene Brief auch an dich. Die anderen Marken dürfen aber gern mitlesen!
Ich schaue mir seit 2000 oder 2001, nachdem ich Naomi Kleins No Logo verschlungen habe, das Sneaker-Geschäft – und mein Verhalten – genauer an. Unter anderem die Ignoranz (ja, auch meine), mit der nach dem Buch weitergemacht wurde genauso wie das Desinteresse, keine oder wenigstens weniger Tiere für die Sneaks zu quälen . Und auch wenn ich es in anderen Bereichen geschafft habe, mein Verhalten gerade zum Wohle der Tiere zu ändern, bei Milch und Sneakern fällt es mir sehr schwer. Ich verstehe dich also einerseits, Nike, dass du dein erfolgreiches Geldverdienen nicht aufs Spiel setzen willst. Auf der anderen Seite: DUDE (oder das mir unbekannte weibliche Gegenwort, griechische Göttin), DU BIST DIE MIT ABSTAND INNOVATIVSTE SNEAKER-FIRMA!!! Du machst dein Geld mit Innovation! Vans hat seine Signature-Modelle vom Veganer-Skater Geoff Rowley schon für über zehn Jahren vegan produzieren können. Also Nike, hier der so oft auch bei allen möglichen Situationen gebrachte Claim: Just do it!

Kommen wir zu Punkt 2.
Es ist schon seit Jahren so, dass man in deine Flagshipstores in Europa nicht mehr reingehen braucht, wenn man Ausgefallenes sucht. War das Niketown-Angebot schon immer etwas mau für exklusive Sneakers, hat sich das in den letzten Jahren komplett erledigt. Falls dich das beruhigt, liebes Nike, das ist bei adidas & Co. genauso. Leider…!
Ich mache es aus Langeweile trotzdem immer wieder mal, aber genauso wie bei Foot Locker bin ich meist nach einer Minute wieder draußen. Bisher allerdings…konnte man noch Hoffnung haben, wenn man auf einem anderen Kontinent war. In Shanghai habe ich schon gute Schuhe kaufen können, genauso in Sydney oder in einigen Städten deines schrägen Landes namens USA.

SLEAZE_HouseOfSneakersNun war ich Sao Paulo, hatte mich länger nicht um Turnschuhe gekümmert, und war trotzdem auch da von dem Angebot etwas enttäuscht. Ein bisschen was Cooles im House of Sneakers in der Rua Harmonia, aber ansonsten naja. Dann landete ich in einem deiner Stores in einer dieser hässlichen Shopping Malls mit dem wohlklingenden Namen Bourbon Shopping und fand überraschenderweise meine Lieblingstreter, die Flights (neben Trainern, falls es dich interessiert), in Nichtdurchschnittsfarben. Meine Internet-Verbindung ging nicht, die Rechner in deinem Laden sah ich zu spät, also kaufte ich – und bereute.
Die blöden Schuhe habe ich danach in Berlin UND in London gefunden. Und nicht in irgendeinem Importeur- oder Szeneladen…nöööö, bei Niketown. Jetzt mal Tacheles, Nike. Meinst du echt, das ist eine clevere Idee, die Schuhe global zu verticken? Ich weiß ja nicht, welche Marketingstatistiken dich darin bestärkt haben oder ob kurzfristiges Geld oder die Globalität des Internets dich dazu verleitet haben, aber…
das ist nicht CLEVER.
Hier als Denkanregung: Da ja alle Kleidung und Accessoires und Marken usw. Kommunikationsmittel sind, ist einer der Hauptpluspunkte eine positive Resonanz: „Oh, siehst du hübsch aus.“ „Krasse Sneaks! Die habe ich ja noch nie gesehen.“ „Du hast schon das neue HTC? Kommt das nicht erst nächsten Monat raus?“ Das sind Streicheleinheiten für die Seele. Wenn man nun etwas Limitiertes kauft oder ein Statussymbol wie Sneakers in einem anderem Land, und die Menschen daheim werfen anerkennende oder neidvolle Blicke und Sprüche drauf, dann fühlt man sich als etwas Besonderes. Für manche sind diese Optik-Streicheleinheiten alles. Man könnte auch sagen: Je mehr Optik-Streicheleinheiten man braucht, desto kleiner das Selbstbewusstsein. Diese These ist noch nicht ganz zu Ende gedacht, deshalb unter Vorbehalt. Aber im Kern steckt schon etwas Wahres.SLEAZE-bourbon-shopping

Darum machst du und deine Wettbewerber diesen ganzen Trara mit Limited Editions, die manchmal nur in fünf ausgewählten Shops wie Solebox (nachdem ihr euch wieder vertragen habt) in ganz Europa verkauft werden. Das macht Sinn, denn wenn die Sachen zu einfach zu bekommen wären, würde es für die Sammler, Liebhaber usw. uninteressant werden. Und da diese Leute die sind, die viel Geld für Sneakers ausgeben und dazu auch öfter mal eine Vorreiterrolle einnehmen, muss man sie füttern. Sehr limitiert, sehr gezielt, aber stetig. Darum ist das Ansteigen der ganzen Limited-Schiene sowie der unzähligen Retros auch für viele Turnschuhfans absolut zum Kotzen. Mich törnt das schon so ab, dass ich weniger Interesse an Sneakers habe.
Und dieser Scheiß, dass du jetzt auch Nicht-Mainstream-Sneakers weltweit in denselben Farben anbietest, bringt für mich das Fass zum Überlaufen. Warum soll ich für das gleiche Geld deine Produkte um den halben Globus schleppen, wenn ich sie auch bei mir bekomme? Oder konsequenterweise: Warum sollte ich überhaupt noch deine Produkte kaufen und diesen eh furchtbaren, globalen Einheitslook unterstützen?
Bitte Nike – und auch ihr anderen Sneaker-Produzenten – nimm dir diese beiden Punkte zu Herzen. Respektiert Umwelt und Tiere (einschließlich der Menschen, die für euch arbeiten, egal wo) und bietet nicht überall das Gleiche an. Es ist traurig genug, dass auf jedem Kontinent die Einkaufspassagen gleich aussehen. Das muss nicht noch verstärkt werden mit überall den gleichen Produkten.

Ein (noch) Kunde.

danilo

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