Ein Keller voll Geld

Ein Keller voll Geld

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SLEAZE.troedel-geld3Beim Trödeln im Mauerpark kann man nicht nur seinen Keller zu Geld machen. Wir haben unser Inventar gleich mit verkauft, uns wurde mit der Polizei oder – wahlweise – „den Brüdern“ gedroht, und uns wurde – leider – ein weibliches Geschlechtsteil präsentiert. Ja, ein echtes, lebendiges! Es war keine Freude. Doch von vorn.

Trödel. Nicht die coolste Sache. Aber nachdem ich gehört hatte, dass man für einen Stand mit Überdachung nur 30 Euro (Stammverkäufer wohl 35 Euro, müssen aber erst um 9.00 da sein und haben ihren Stand sicher) im Berliner Mauerpark zahlt, wollte ich einen Versuch starten – und habe mich sofort angemeldet für den Sonntag drei Wochen später. Gestern war nun dieser Sonntag und was man da erlebt, ist einen kleinen Post wert.

Man darf bis zum 9.00 mit dem Wagen auf das Gelände, aber schon um 8.00 kommt man eigentlich wegen der vielen Schnäppchenjäger und Reseller kaum voran. Die Kisten am Stand werden dann schon mal aufgemacht und alles durchwühlt. Man kann sagen, es ist ein wenig wie mit ausgehungerten, dreisten Möwen am Strand.

Eine ganz besondere Möwe war ein Typ, der für eine neue Jeans und neue Sneakers (ohne Einlage allerdings) insgesamt keine 20 Euro bezahlen wollte. Wir einigten uns auf 17,-, die er in seinem ansonsten leeren Portemonnaie noch genau hatte. 20 Minuten später war er wieder da und wollte: Umtauschen! Ja, genau. Umtauschen auf dem Trödel. Weil er auf einmal Mängel an den Schuhen entdeckt habe, die er sich zuvor eine halbe Stunde am Stand nicht entdeckt hatte. Er drohte, die Polizei anzurufen. Und dann tat er so, als wenn er mit seinen Brüdern telefoniert und mit denen er sich wegen der „Abzocke“ treffen wollte. Wir sahen ihn leider nie wieder…

Dazu kommen im Laufe des Tages besondere Zitate. Zwei Freundinnen am Stand sind sich uneins: „11 Euro ist doch günstig. Das ist die Marke XY, der Pullover kostet sonst bestimmt 60 Euro.“ – „Die Marke kenn ich nicht, aber ich kenn meinen Kontostand.“ Oder auch eine sehr nette Frau mit einer sehr interessanten Logik: „Ich würde es für zwei Euro weniger kaufen. Ich weiß ja schließlich nicht mal, ob es mir passt.“ Und wenn du ein richtig gutes Argument für dein nächstes Trödel-Shopping brauchst: „Die Hose ist zu lang. Ich muss sie abschneiden. Ich zahl nicht für das Abgeschnittene.“ (Das letzte Zitat war übrigens von der nervigen Umtausch-Möwe oben.)

SLEAZE.troedel-geld2Wie beim Hütchenspiel kommen die Leute immer dann, wenn es schon voll ist. Heißt: Zwischendurch gab es recht ruhige Zeiten, kaum Leute, keine Einnahmen. Vielleicht eine gute Gelegenheit, unseren neuen Test-Convertible-PC von HP auszuprobieren. Für die Nerdis: Das ist dieser Pavilion x360, den man 360 Grad aufklappen kann. Leider hatte ich nicht an die Möwen gedacht: Nach andauernden Fragen, was der denn koste, werde ich das Ausprobieren wohl ein andern Mal besser ein andern Mal fortsetzen.
Kurz darauf kam dann mein persönliches Tages-Highlight in Form eines Pärchens: Er war offenbar völlig zu, die Tarnjacke (ja, sowas habe ich tatsächlich. Und sogar Leoprint-Leggings. Frag bitte nicht, warum.) konnte er aber noch – schwankend – erkennen. Seine Freundin war clean, dafür mit einer – ich glaube, freiwillig – zerfetzten Jeans bestückt. Als sie dann im Stehen ein paar Sneakers anprobierte, durfte ich mich persönlich davon überzeugen, dass die Hose auch im Schritt zerrissen war. Und dass ihr Höschen darunter grünfarben – und zu klein war. Die Schamlippen schauten an den Seiten raus. Ich habe sofort insgeheim den Preis für die Sneakers verteuert, eine Art Strafe für illegale Gehirnspeicherplatz-Nutzung und Trauma-Entschädigung.

Leider ist man auch vor Enttäuschungen nicht gefeit auf dem Trödel. Persönliche Lieblinge oder Schmuckstücke, die keinen interessieren. Der schlechte Geschmack, wenn alle immer zu dem gleichen grottigen Teil greifen, es anprobieren, aber sich dann doch nicht trauen, es zu kaufen. Oder: es wird um 50 Cent gehandelt. Bei einem 50-Euro-Produkt! Oder wie die eine Frau, die beim Nennen des Preises schon arrogant antwortete: „Na, überleg dir das nochmal.“
Aber abgesehen davon wird erstaunlicherweise oft gar nicht gehandelt. Es wird eine halbe Stunde anprobiert, und dann ein Teil, das 25 kostet, wegen einem Euro zu viel nicht genommen. Aber dafür gibt es, wenn auch selten, die gegenseitige Entschädigung, wenn jemand den günstigen Preis zu schätzen weiß. „25 Euro für die Sneakers?! Und die sind komplett neu?! Kauf ich!“ Oder wenn man den Kunden richtig einschätzt: „Geht die Jacke auch für 20?“ „Nein.“ „Ok, dann hier die 25.“
Ein weiteres Highlight war offenbar mein klappriges Metallregal von Ikea (auch hier: nicht nachfragen 🙂 ), auf dem die Turnschuhe präsentiert wurden. Drei Mädels stehen vor dem Stand und wollen das 9-Euro-Regal für 5,- kaufen. „Wenn ich abbaue, könnt ihr es kaufen.“ Dann haben sie sich tatsächlich meine Telefonnummer geben lassen, und als ich ihnen meinen Namen sagte, sprach mich ein anderer Typ mit meinem Namen an, der meinen Spiegel kaufen wollte, den ich für die Kunden hingestellt hatte. Das Trio als auch der Spiegel-Mann haben sich den Kram dann tatsächlich am Ende abgeholt.
Fazit nach diesem Tag: Es lohnt sich in jeder Hinsicht. Auch alle, die nicht wegen des Geldes, sich aber für Sozio- und Psychologie interessieren, sollten die Investition tätigen.
Und für die Kapitalisten: Wir haben das Sechsfache des Einsatzes rausbekommen (natürlich die Kosten für die alten Klamotten und auch die Abnutzung etc. NICHT einberechnet). 😉

danilo

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