Ein Hundeleben – auch für Menschen

Ein Hundeleben – auch für Menschen

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Der 56-jährige Todd Solondz ist seit 20 Jahren ein Fixstern am US-Independent-Himmel, seit seinem Release Welcome to the Dollhouse. Außerdem ist Todd auch ein richtiger Auteur im klassischen Sinne: Er schreibt seine Drehbücher selbst, genießt künstlerische Freiheit und hat eine unverkennbare eigene Handschrift. Seine Filme werden oft kategorisiert als Black Comedy, er selber nennt sie bisweilen Sad Comedy und andere nennen sie auch manchmal ganz treffend Dark Comedy. Man könnte sie als gesellschaftskritisch bezeichnen, doch sie sind eher menschen-kritisch (hierzu gleich mehr). Gelacht wird in den Filmen garantiert nicht. Die Zuschauer lachen manchmal, aber eigentlich bleibt einem das Lachen eher im Halse stecken. Das aber dann konstant über 90 Minuten, was auch wieder lustig ist!

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Kurze Momente des Dackel-Glücks

Todds aktueller Film Wiener-Dog ist wieder solch ein Geniestreich. Worum geht‘s? Der Film besteht aus vier Kurzgeschichten, die – geniale Idee Nummer 1 – dadurch geeint werden, dass die Hauptfiguren der Geschichten zu der jeweiligen Zeit Herrchen von ein und demselben Dackel sind. Ich persönlich finde das genial, aber hier zeigt sich auch schon ein wesentliches Merkmal von Todds Oeuvre: Einige lieben ihn, andere hassen ihn. Richtig so, denn unsere Welt ist schon weichgespült genug! Und im Prinzip wird in jedem von Todds Filmen portraitiert: eine ultraharte Welt, in der so ziemlich jeder unter die Räder kommt. So auch hier: Der wunderbare Danny DeVito (It’s Always Sunny in Philadelphia) ist zum Beispiel einmal Herrchen vom Wiener-Dog. Er ist Dozent an einer Filmhochschule und seine „Karriere“, wenn es sie jemals gab, ist ganz klar vorbei. Aber damit nicht genug. Zudem wird er noch terrorisiert von seinen grausamen Hipster-Filmstudenten, die ihn am liebsten erschießen würden, und von Kollegen und Film-Business-Leuten, für die er eigentlich nur störend ist. Oder Greta Gerwig (Greenberg): Außer ihrer Supernerd-Brille hat sie nichts in ihrem Leben. Blind vertrauend macht sie sich daher, den Wiener-Dog im Schlepptau, mit einer Jugendliebe, die sie nicht besonders toll behandelt, auf die Suche nach Crystal Meth.

Methode: Super-Loser

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Greta blickt offen in die nächste Katastrophe

Todds Filme trennen die Charaktere grundsätzlich in zwei Lager: Hier zum Einen die Hauptfiguren wie Greta oder Danny, die irgendwo die Sympathien der Zuschauer genießen, aber auch einfach mal so was von limitiert, naiv und erbärmlich sind. Soziale Loser, Erfolglose, Dauer-Bevormundete etc. Dort der Rest der Welt, der einfach nur auf diese armen Geschöpfe eindrischt. Klingt womöglich erstmal nicht so ungewöhnlich, ist aber schlicht unglaublich gut gemacht. Todds Filme können im ersten Moment zunächst ein bisschen zäh rüberkommen. Doch wenn man sich als Zuschauer darauf einlässt, wie überaus abgefahren sich Situationen weiterentwickeln, wie die Absurditätsschraube immer höher geschraubt wird… Wie würdest du zum Beispiel deinem kleinen Kind erklären, dass sein geliebter Hund kastriert werden muss? Nun, die Mutter der ersten Story von Wiener-Dog macht das so: Sie erzählt, wie ihr Hund früher, als sie klein war, von einem bösen Straßenköter vergewaltigt wurde und dann lauter Totgeburten kriegte! Das ist bestimmt gut für die Psyche von dem Kleinen! Ein Ziel erreicht die fürsorgsame Mutter dadurch aber garantiert: Es gibt keine weiteren Diskussionen!

Ätzender geht‘s wohl nicht mehr. Todds Filme sind auch sehr stylish und darüber hinaus bis zur Perfektion ausgestattet und gecastet. Die Ironie kommt ebenfalls nicht zu kurz: Der kleine Dackel hat einen Titelsong, der eigentlich eher zu Django oder einem anderen richtigen Helden passen würde, aber nicht zu einem passiven Opfer. In der Mitte vom Film kommt auch noch eine „Pausensequenz“ (hier bitte nicht aus dem Kino gehen!), in der der Dackel durch berühmte amerikanische Landschaften wandert, und die wohl „erklären“ soll, wie das kleine Hündchen von Herrchen zu Herrchen kommt. Bisweilen wird für solche Werke auch der Begriff Offbeat Comedy bemüht. Todds Filme sind aber so weit off bzw. daneben, dass auch das wieder klingt wie eine Untertreibung. Für Neulinge in Todds schräger Welt könnte das auch alles zu viel sein. Möchtest du aber mal so richtig verstört werden, dann schau dir die Abenteuer des kleinen Dackels an! Ganz klarer Tipp!

Robert

Titel: Wiener Dog
Regie: Todd Solondz
Laufzeit: 88 Min.
VÖ: 28.07.2016 (dt. Kinostart)
Verleih: Prokino

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