Ein Gitarren-Crashkurs der besonderen Art

Ein Gitarren-Crashkurs der besonderen Art

Wenn man bei einem Medium wie SLEAZE arbeitet, findet man sich regelmäßig in der wunderbaren Situation wieder, dass man private Interessen mit brauchbaren Arbeitsinhalten kombinieren kann. So wie heute. Ich durfte nämlich meiner ganz privaten Saiteninstrumentenzupfneigung an einer originalen Gibson Firebird V fröhnen. Was ist aufgeschrieben nun daraus entstanden? Ein Crashkurs in Sachen Gitarrentechnik. Optimal! Ich kann spielen und du hast was zum Lesen! Zwei Ziegen mit einer Mappe erschlagen.

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Um erst einmal reinzukommen, soviel vorweg: Es gibt mittlerweile ganz schön viele, ganz schön schöne Gitarren auf unserem Planeten. Zusätzlich gibt es ungefähr nochmal genauso viel Gitarristen und Musikhäuser unterschiedlichster Art, die die Dinger dann auch noch ordern und spielen möchten (irgendwo muss die Nachfrage ja herkommen). Und als wäre das nicht schon genug, gibt es mindestens noch einmal genauso viele Fachbegriffe rund um die sechs- bis zwölfsaitigen Lieblingsinstrumente aus den Häusern Gibson, Fender, Ibanez, ESP und wie sie alle heißen.

Was meint der mit Mensch jetzt mit Fachbegriffen?

Da ist von Floyd Rose und Tune-O-Matic-Stegen die Rede, von Pickups und Vibrato-Systemen bis hin zu Tremolos, Saitenhaltern und trapezförmigen Inlays, welche das Herz eines jeden Sweeping- oder Two-Hand Tapping-Fans höher schlagen lassen. Jetzt hast du bei dem letzten Satz allerdings nur acht von 37 Worten verstanden?
Kein Problem, ich sorge dafür, dass du bei deinem nächsten Stammtisch mit all deinen Freunden – die sich natürlich alle bestens in der Welt der Saitenhexerarbeitsgeräte auskennen – richtig punkten kannst. Bei unserem Crashkurs werde ich dir die wichtigsten technischen Grundlagen, die beim Spielen einer E-Gitarre eine Rolle spielen (haha), anhand der von Gibson freundlicherweise zur Verfügung gestellten Firebird V erklären.

Ein Traum auf rot…

Bevor es losgeht: Zur Orientierung empfehle ich dir folgende kleine Gitarrenlegende zu öffnen, damit du stets weißt, an welcher Stelle des Instrumentes wir uns gerade befinden.

Das Herzstück: der Feuervogel von Gibson

Im Fokus unserer Betrachtung steht heute ein Stück Musikgeschichte: die Gibson Firebird. Der erste Entwurf dieser Gitarre ist mittlerweile über 50 Jahre alt. Der Detroiter Automobildesigner Raymond Dietrich war es, der die Idee zu dieser außergewöhnlichen Form von Korpus und Kopfplatte hatte. Diese wird als reverse (also seitenverkehrt) bezeichnet, da zur damaligen Zeit bei Gitarren mit 6:0-Konfiguration „normalerweise“ die am Kopf befindlichen Stellmechaniken nach oben zeigten. Ebenso wie die längere Seite des Gitarrenkörpers (auch „Korpushorn“ genannt). Dieser Norm hat sich Mister Dietrich allerdings widersetzt und damit einen zeitlosen Klassiker geschaffen.
Am Anfang war die Firebird zwar kein wirklicher Verkaufsschlager, in den letzten Jahren und Jahrzehnten haben aber viele berühmte Gitarristen diese gibsonsche Saiteninstrumentvariation für sich entdeckt, unter anderem Gary Moore, Eric Clapton (zu seiner Cream-Zeit), Joe Bonnamassa und Brian Jones (Rolling Stones). 

Korpussianer?
SLEAZE + Gibson
An der Linie, welche parallel zum Griffbrett verläuft, erkennt man sehr gut den durchgängigen Gitarrenhals.

Das hier vorliegende Gitarrenmodell ist die Firebird V in Vintage Sunburst-Optik mit weißem Korpushorn. Erwähnenswert ist hierbei besonders der durchgehende Gitarrenhals, welcher aus augenschmausenden Mahagoni und Walnuss gefertigt wurde und als Neck-Through-Konstruktion bezeichnet wird. (Normalerweise sind die Griffbretter nämlich an die Korpusse… an die Korpussies… an die Korpussenten – kein Ahnung – geklebt und bestehen original nicht aus einem einzigen Stück). In Verbindung mit den beiden Korpusflügeln, welche ebenfalls aus Mahagoni gefertigt wurden, ergibt sich so die außergewöhnliche Form des flambierten Vögelchens.

So, und jetzt wird’s lustig: Ausgestattet ist die Firebird V mit zwei Humbucker Pickups, die über einen Drei-Wege-Toggle-Schalter kontrolliert werden, einem Tune-o-Matic-Steg, einem Saitenhalter mit Metallabdeckung und einem Griffbrett, welches mit trapezförmigen Inlays verziert wurde. Alles klar?

Humbucker? Hamburger wär mir lieber…nicht!
Die Firebird V in voller Pracht.

Die Firebird V besitzt zwei Humbucker. Humbucker kommt aus dem Englischen und setzt sich aus den Worten „hum“, also brummen, und „to buck something“, also etwas unterdrücken, zusammen. Zwei Brummunterdrücker also?
Ja, quasi. Aber sie übernehmen zusätzlich noch die viel wichtigere Aufgabe der Tonabnahme, weswegen der Übergriff dafür auch Pickups lautet. Diese wandeln die Saitenanschläge an der Gitarre in elektrische Signale um, schicken sie zum Verstärker und da kommt dann das raus, was gemeinhin als Lärm (oder im besten Fall auch Krach) bezeichnet werden darf. Die Pickups aka Tonabnehmer befinden sich immer zwischen Griffbrett und dem Steg bzw. dem Saitenhalter (siehe Gitarrenlegende).

Single Coils? Nie gehört.

Eine weitere Version von Pickups sind die sogenannten Single Coils. Sie unterscheiden sich von den klassischen Humbukern vor allem durch ihre schmale Form. Die Coils werden entweder mit den Humbucker kombiniert oder kümmern sich allein darum, dass der Ton den Weg Richtung Verstärker findet.
Die Tonabnehmer, egal ob Humbucker oder Single Coil, kann man meist noch durch einen sogenannten Toggle-Schalter steuern, durch welchen man einzelne Pickups ab- oder zuschalten kann. Das hat wiederum damit zu tun, welchen Klang man an seiner Gitarre erzeugen möchte / bevorzugt, führt jetzt aber zu weit…
Was wir uns hier merken: Humbucker und Single Coils sind zwei Variationen von Pickups. Und die Pickups sind die Tonabnehmer an einer Gitarre. So einfach ist das.

SLEAZE + Gibson
Das ist er – der flamige Piepmatz, der der Firebird ihren Namen verschafft, direkt neben dem sogenannten Toogle-Schalter.
Der Steg aka die Bridge

Die Firebird V verfügt außerdem über einen Tune-o-Matic-Steg. Wow, was für ein bedeutungsschwangerer Begriff. Dank der Legende siehst du ja bestens, wo sich dieser sogenannte Steg (der wiederum auch gern als „Bridge“ bezeichnet wird) auf einer Klampfe befindet.
Dir muss dazu eins klar sein: Die Saiten einer Gitarre liegen stets an zwei Punkten auf: am Sattel und auf dem Steg. Vom Gitarrenkopf aus beginnend wandern die Saiten also vom Sattel über das gesamte Griffbrett über die Pickups auf den Steg aka. die Bridge und von da zum Saitenhalter (…und ich dachte, der erklärt das verständlich…).

Was macht der Steg jetzt also? Er gibt vor, wie weit sich die Seiten vom Griffbrett entfernt befinden. Die dadurch entstandene Saitenlage, welche ebenso von der Position und Lage des Griffbretts abhängt, hat große Auswirkungen darauf, wie „gut“ sich die jeweilige Gitarre bespielen lässt. Logisch, denn um einen sauberen Ton zu erzeugen, muss man die Saiten ja schließlich auf das Palisander-Griffbrett drücken → Je größer dieser Abstand zum Brett nun ist, umso länger dauert das Drücken und umso größer ist auch die Gefahr, dass man die Saiten nicht sauber spielt. #firstworldproblems

Der Tune-O-Matic-Steg von Gibson geht da noch ein Stück weiter. Da sich die Dicke der verschiedenen Saiten auf einer Gitarre unterscheiden (dick = tiefer Ton, dünn = hoher Ton), kann man die Entfernung der einzelnen Saiten zum Griffbrett unabhängig voneinander justieren. Das ermöglicht ungeahnte Freiheiten bei spielerischen Vorlieben (ja, langsam geht’s hier ans Eingemachte) und jede Saite lässt sich dadurch gleich gut spielen, unabhängig von ihrem Durchmesser. Vor allem auch in tieferen und höheren Lagen des Griffbrett. Was eine dolle Sache.

Ich weiß aber immer noch nicht, was es mit Tremolo und Vibrato auf sich hat….
Von oben nach unten: die beiden Humbucker Pickups, die Bridge und der Seitenhalter mit Metallabdeckung.

Jetzt gibt es aber natürlich auch wieder verschiedene Variationen bei Stegen und den direkt dahinter befindlichen Saitenhaltern. Um es kurz zu machen: Tremolo- und Vibrato-System sind quasi dasselbe. Ein Tremolo-System befindet sich wenn, immer direkt am Saitenhalter einer Gitarre und ersetzt dabei dann die Bridge, da die Saiten anstatt auf einem Steg direkt auf dem Tremosystem aufliegen. Die mechanische Vorrichtung ist dafür da, um mittels einer Hebelbewegung die gespielten Töne leicht abzuwandeln oder in quietschende Ungetüme zu verwandeln. (Ein hörenswertes Beispielvideo? Bitteschön.)
Tremeolo- bzw. Vibrato-Systeme gibt es eine ganze Menge. Wie zum Beispiel Bigsby, bei dem die Saiten über eine Metallrolle geführt werden, oder Floyd Rose, welches meist genutzt wird, wenn mit vielen Effekten gearbeitet wird.

Was haben wir also gerade dazugelernt? Genau, da die Firebird einen Tune-o-Matic-Steg besitzt, ist sie mit keinem Tremolo-System ausgestattet. Dadurch kann sie nicht so viel herumquietschen wie manch andere Klampfen. Dafür lässt sie sich aber bedeutend leichter stimmen und hält Stimmungen auch über einen längeren Zeitraum bedeutend besser, als es beispielsweise bei Floyd Rose der Fall ist. Alles hat eben seine Vor- und Nachteile. 😉

Stimmungsbarometer G-Force

Apropos Stimmung: Die lässt sich durch das Tuning System G-Force von Gibson sehr einfach ändern. Mittels kleiner Motoren stellt man einfach das gewünschte Tuning ein, schlägt alle Saiten ein-, zweimal an und schont stimmt sich die Gitarre quasi von allein. Äußerst praktisch.
Acho, Tuning, ja… beschreibt in diesem Kontext einfach nur die Stimmung der Saiten. Und davon gibt es eine ganze Menge beim Gibson Tuning System und Gitarrensaiten allgemein. Von Standard E über Whole Step und Open A bis E Flat und Double Drop D ist alles dabei. Wofür man so viele Stimmungen braucht? Tja, dann hör dir mal Bands wie Meshuggah oder Nile an. Hihi.

SLEAZE + Gibson
So sieht es aus – das Gibson G-Force Tuning System auf der Rückseite der Kopfplatte.

Grundsätzlich gibt es beispielsweise im Metal-Genre viele Bands, die ihre Gitarren tiefer stimmen als das Standard Tuning E. Warum? Weil es schlicht und ergreifend fetter klingt. Aber auch im Jazz und Blues gibt es verschiedenste Variationen und Stimmungen, um den musikalischen Spielraum zu erweitern und immer wieder neue Klänge zu entdecken. Und dabei hilft einem das G-Force Tuningsystem, eine Menge Zeit zu sparen und um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren… genau, Lärm und Krach.

Da war doch noch was…
Deutlich zu erkennen die trapezförmigen Inlays.

Stimmt, der letzte Punkt auf der Tagesordnung hieß Inlays. Genauer genommen war das Griffbrett der Firebird mit trapezförmigen Inlays verziert. Und Inlays, Bundmarker oder Griffbrett-Einlagen wie sie auch genannt werden, sind ganz einfach Muster, welche in das Griffbrett eingearbeitet werden (wie du auch in der Gitarrenlegende sehen kannst). Diese kommen meist in den Bünden 3, 5, 7, 9 und 12 vor. Die Inlays (oder auch Intarsien) müssen allerdings nicht immer einer bestimmten Bundreihenfolge folgen Folglich können sie auch rein dekorativer Natur sein um der Optik dienen. Sie machen sich beim Spielen in keinster Weise bemerkbar. Bei der Firebird sind die Inlays trapezförmig, bei anderen E-Gitarren-Modellen bestehen diese Markierungen aus Punkte oder aufwendigeren Verzierungen.

So, na dann haben wir’s! Schauen wir uns jetzt noch einmal diesen komplizierten Satz von weiter oben an:

„Ausgestattet ist sie mit zwei Humbucker Pickups, die über einen Drei-Wege Toggle-Schalter kontrolliert werden, einem Tune-o-Matic-Steg, einem Saitenhalter mit Metallabdeckung und einem Griffbrett, welches mit trapezförmigen Inlays verziert wurde.“

Und, was hängengeblieben? Ich hoffe doch.
Bei der nächsten Ausgabe von „Axel klärt dich über Sachen auf, von denen du eigentlich überhaupt nichts wissen willst“ geht es um Bienchen und Blumen und es wird endlich mal investigativ erörtert, wo der Frosch seine berühmten Locken hat. In diesem Sinne, bleib mir sauber und spiel, jetzt wo du so viel mehr darüber weißt, mal wieder (oder überhaupt) Gitarre. Did tut dir gut. Glaubt mir da mal. 😉

Axel

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