Ein Gangsterrapper mit Sonne im Gepäck

Ein Gangsterrapper mit Sonne im Gepäck

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SLEAZE.kontra2Ein schwarzes Banner mit der Aufschrift ‚Loyal’ wird auf die Bühne gerollt, die ersten Takte des Intros ertönen.Vor der Stage, die der Berliner Rapper Kontra K nur wenige Sekunden später betritt, tummeln sich so viele Fans und andere Neugierige wie noch zu keinem anderen seiner bisherigen Auftritte.
Am 6. Februar erschien sein neues Album „Aus dem Schatten ins Licht“ und nicht nur das hat er seinen Jüngern zum Hurricane mitgebracht. Mit „Erfolg ist kein Glück“, dem ersten Song der Platte, die Kontra Ks musikalischer Historie eine neue Richtung gibt, leitet er seinen Auftritt ein – und die Sonne lässt keine Sekunde auf sich warten.

Beim Hurricane Festival 2015 haben wir den tätowierten Sprach- und Kampfkünstler mal für euch zur Seite genommen, um mit ihm ein wenig über das neue Album, das Papa-Dasein und – natürlich – das Wetter zu plaudern.

Du kommst ja quasi gerade von der Bühne. Zufrieden mit deinem Auftritt?
Ja, sehr. Ich hab schönes Wetter mitgebracht, die Sonne kam direkt raus, es wurde richtig heiß. Es waren echt viele Leute da, ich glaube der Auftritt hier war der größte, den ich bisher gespielt hab.

Gefällt’s dir besser, eigene Konzerte zu geben oder auf Festivals wie diesem hier zu spielen?
Das hier ist schon unbeschreiblich krass. Man muss ja rechnen, dass das hier quasi fünf Konzerte auf einmal waren. Schon schön, wenn zweitausend Menschen deine Songs auswendig kennen. Aber es ist noch viel krasser, wenn zwanzigtausend Menschen da stehen und davon zehntausend vielleicht auch nur ein einziges Wort kennen.

Was für Acts wirst du dir hier auf dem Festival noch anschauen?
Ich wollt’ K.I.Z gucken, weil ich die Jungs jetzt öfter mal gesehen hab und ich mich mit zweien von denen gut versteh. Ansonsten muss ich ehrlich gesagt gestehen, ich weiß nicht. Die Antwoord würde ich super gerne sehen, glaube aber, dass es mir hier heute nicht möglich ist.

Wonach hast du denn deine Songs ausgesucht, die du hier heute gespielt hast?
(lacht) Ähm, also das ist schon relativ unspektakulär. Wir haben eigentlich ein Set, das wir so auf der Tour gespielt haben, also so plus minus drei, vier Songs. Und diesmal hatten wir ja die Zeitangaben von 45 Minuten. Das ist eigentlich auch sehr geil, weil wir nur alle Hits spielen konnten. Wir wussten ja, den und den Track kennen die Leute.

Wie spontan warst du dann während deines Auftritts? Vor einem Song hast du ja zum Beispiel deine Zuschauer aufgefordert, bei dem Namen ‚Edathy’ ein spontanes Wort zu assoziieren und zu rufen. Heraus kam dabei ein gigantischer Chor, der das Wort ‚Hurensohn’ sang. Ist das fester Teil deiner Show?
Relativ. Das hat sich so entwickelt, auf Tour irgendwann mal. Ich hab in dem Song eine Line und das Kinderpornografie-Thema war zur damaligen Zeit der Tour relativ aktuell. Edathy kam da mit 2000 Euro Strafe davon. Deswegen hat sich das damals so ergeben, dass ich zu diesem Song immer so eine kleine Ansprache gemacht hab. Ich habe diesen Menschen nie in irgendeiner Weise angegriffen oder beleidigt, ich lass immer die Leute selber sprechen, ohne, dass ich wirklich direkt meine Meinung dazugebe.

Du sagst ja, deine Musik ist in gewisser Weise der Spiegel deines momentanen Ichs. Welcher Song würde denn zum Beispiel heute zu diesem Tag passen?
Hm, das ist schwer. Zu heute passen? Ich glaube, heute passen einfach genau diese 45 Minuten, die ich hier gespielt hab. Also, es passt nicht ein Lied, es ist alles dabei. Auf jeden Fall ist Herzblut mit dabei wegen meiner Vergangenheit, aber es ist auch echt viel Freude dabei. Es ist schon ein echt krasser Moment gewesen auf der Bühne, schön war’s.

Wie ist dein Verhältnis zu deinen Fans? Nimmst du zum Beispiel einzelne Aktionen im Publikum noch wahr, wenn jemand ein Banner oder Plakat dabei hat oder ist die Menge vor der Bühne mittlerweile schon eine gesichtslose Masse für dich geworden?
Ach, natürlich, ich freu mich. Ich seh’ manche Sachen und versuch dann die Leute auch zu grüßen, soweit ich das dann irgendwie schaffe. Das kann in dem Moment schwierig sein, weil ich mich ja auch auf Texte konzentrieren muss. Also bei direkten Konzerten nehm’ ich das schon wahr. Aber was so im Internet passiert, das hat sich derart verselbstständigt, das krieg ich nicht mehr mit. Aber so auf der Bühne, den Fans auch so nah zu sein, das feier’ ich schon.

Wenn du jetzt hier über das Festivalgelände gehst, kannst du dich dann noch vor Groupies und Fanboys retten oder lassen die dich weitestgehend in Ruhe?
Da bin ich ehrlich gesagt nicht so der Typ, der dann noch fischen geht oder was weiß ich. Ich hab ja eine Frau und ein Kind – ich bin dann glaube ich eher im Opamodus unterwegs. Mich hat der Auftritt gerade auch ziemlich fertig gemacht. Ich werd’ mich gleich in die Sonne legen, wenn sie noch da ist. Mich hinlegen und die Zeit genießen, als da über das Festivalgelände zu gehen.

Denkst du deine Fans sind noch die gleichen wie früher? Du bist ja ein ehemaliger Vertreter des Gangsterraps, warst viel mit DePeKa unterwegs, also deinem eigens mit Skinny Al und Fatal gegründeten Label.
Nein. Also, ich mach ja immer noch mit denen Musik, aber ich würde sagen, dass zu den Fans von früher – was weiß ich wie viele das waren – noch sehr, sehr viele dazugekommen sind. Da kann man nicht mehr unterscheiden. Die nehmen mich, wie ich war und nehmen mich, wie ich bin und nehmen mich, wie ich sein werde. Das find ich auch sehr gut, dass wir so diesen Spagat zusammen machen können, weil ich mich ja nicht verstelle als Person. Ich versuch einfach das, was ich bin, so wiederzugeben und das nehmen sie sehr dankbar an. Und ich bin genauso dankbar darüber.

In einem früheren Interview hast du mal gesagt, du möchtest gerne für deine Songs einstehen können, wenn du mal zur Rechenschaft gezogen werden würdest. Hattest du diese Einstellung zu deiner Musik schon immer?
Ja, klar. Also, es ist so, ich würde Sachen jetzt nicht mehr so sagen, wie ich sie früher gesagt habe – um Gottes willen. Aber ich könnte jetzt nicht der Mensch sein und die Sachen sagen wie jetzt, wenn ich nicht damals dieser Mensch gewesen wäre. Ich würde nicht wollen, dass mein Sohn mit jemandem wie meinem früheren Ich zu tun hat. Ich war ganz weit weg davon, wahrscheinlich war ich Schwiegermutteralptraum. Oder generell der Alptraum anderer Menschen. Jetzt ist es einfach was anderes, aber genau das erlaubt mir zu sagen, was ich jetzt in meinen Songs sag. Deswegen will ich’s nicht missen, ich würde mich dafür auf jeden Fall zur Rechenschaft ziehen lassen.

Es gibt also keinen Song, den du in irgendeiner Weise bereust gemacht zu haben?
Es gibt auf jeden Fall Aktionen, die ich gemacht hab, die ich bereue. Aber Songs eigentlich im Großen und Ganzen nicht.

Jetzt hast du gerade schon einmal deine Familiensituation angesprochen. Was hält deine Frau von deiner Musik und deinem Job – oder besser gesagt deinen Jobs? Du bist Rapper, Boxtrainer und leitest mit deinem Bruder eine Firma für Industrieklettern. Hast du Schwierigkeiten, das alles unter einen Hut zu bekommen?
Meine Familie ist wirklich immer bei mir. Jetzt ist der einzige Punkt, wo sie gerade nicht bei mir ist. Ich bin gerade musikalisch so eingebunden, dass ich nicht mehr unbedingt jeden Tag klettern gehe. Ich geh einmal die Woche raus und kontrolliere, dass das alles läuft. Aber ansonsten sind sie da wirklich voll bei mir. Also, mein Sohn kann’s ja noch nicht so wirklich sagen (lacht), aber meine Frau steht da hinter mir, die unterstützt mich musikalisch bei allem. Sie hilft mir, meinen Kopf in Ordnung zu halten. Wirklich, wenn ich nur eine Person wäre, mit mir alleine und ich keine Familie hätte, wäre ich gerade wahrscheinlich an einem ziemlich geburnouteten Punkt. (lacht) Also, Rückhalt ist echt voll da, zum Glück.

Dein Sohn ist ja noch ziemlich klein, aber was würdest du tun, wenn er dir irgendwann mal nacheifern wollen würde? Nach dem Motto: So, Papa, ich will jetzt auch Rapper werden.’
(lacht) Ja, also er ist jetzt ein Jahr und zwei Monate. Aber um Gottes willen. Es wär’ wahrscheinlich so das, was ich am schlimmsten finden würde – aber irgendwie auch nicht. Ich meine, ich freu mich jetzt, ich zeig ihm alle meine Songs. Er feiert voll auf Musik ab, er kann gerade tanzen und shaken (lacht). Bisschen bootyshaken, er sitzt dann immer auf meinem Schoß und hört sich das an, was ich so mache und klatscht. Ich weiß nicht. Wenn er Musiker wird, egal was für einer, würd’s mich natürlich freuen, wenn er nicht so eine Vergangenheit haben würde wie ich. Und wenn er nicht diese Gangsterrapscheiße anfangen würde. Aber wenn er mal irgendwas mit Musik macht, freu ich mich.

Er darf also auf jeden Fall deine Musik hören? Im Moment versteht dein Sohn ja wahrscheinlich noch nicht allzu viel. Aber wirst du ihm, wenn er soweit ist auch deine frühere Musik zeigen?
Hm, ja auch. Ich würd’s ihm sicherlich nicht zeigen, aber… (zögert) Naja, es würde mich nicht stören, wenn er diese Sachen hören würde. Ich meine, man muss es nicht unbedingt den Kindern zeigen, was ich damals gemacht hab, aber das ist ein Teil von mir und ich würd’s ihm erklären können. Und ich könnte es auch so erklären, ohne dass ich mich dabei schämen müsste.

Wie schaltest du ab, wenn du die Zeit dazu findest?
Das Schlimme ist, ich hab überhaupt nicht abgeschaltet, ich schalte die ganze Zeit nicht ab. Ich schaff’s gerade einfach nicht. Ich weiß auch nicht wirklich, warum ich das Gefühl hab, ich verpass irgendwas. Ich mein, ich hab so einen Drang, dass ich jetzt alles in trockene Tücher legen muss. Dass ich meine Musik irgendwie insoweit festigen muss, dass selbst wenn ich jetzt zwei Jahre hier nicht spiele beispielsweise, dass ich dann immerhin nach zwei Jahren als Headliner gebucht werden würde. Oder auch mit der anderen Arbeit. Einfach regeln, dass alles soweit läuft. Momentan hab ich noch nicht das Gefühl, dass es ohne mich läuft, wenn ich mal einen Schritt zurück mache. Deswegen fällt mir das Abschalten schwer. Aber jetzt im August, wenn die Festivalsaison vorbei ist, werd’ ich dann vor meiner Minitour im Dezember auf jeden Fall mal einen halben Monat Ruhe machen.

Nächste Ziele?
Wie gesagt die Festivaltour und nebenbei bin ich auch noch an meinem nächsten Album dran. Da haben wir jetzt schon so ca. 25 Songs, die dann natürlich nicht alle genommen werden, aber ich mach sehr viel und hab sehr viel Output – und muss mal gucken, wie sich mein Kopf dann so verhält. (lacht)

In was für eine Richtung gehst du da mit dem nächsten Album?
Man kann nicht sagen, was das für eine Richtung wird, ehrlich gesagt. Ist alles dabei von Drum and Bass bis 90bpm-Hip-Hop. Von dem, was die Hip-Hop-Heads hören bis hin zu Rockeinflüssen. Wir machen erstmal Songs und versuchen dann nachher, eine soundtechnische Linie daraus zu machen. Mal sehen.

SLEAZE.kontra1Gibt es irgendeine Platte, die du nicht gemacht, sondern gekauft hast und für die du dich schämst?
Puh, das ist schwer. (nachdenkliche Pause) Ach, für Kris Kross schäm ich mich auch nicht. Ich schäm mich eher dafür, dass ich zwei Tage lang die Hose auch verkehrt herum an hatte damals. (lacht) Aber ich glaube sonst für nichts. Alles, was ich gekauft hab, hab ich gefeiert. Da steh’ ich auch zu. Zum Beispiel Florence + the Machine, ich hätt’ sie auch gern hier gesehen auf dem Hurricane. Die hat einfach eine überkrasse Stimme. Also, ich würd sagen, ich schäm mich für gar nichts. Ich bin auch nicht so’n Mensch irgendwie. Sonst würd’ ich mich ja verstellen.

Danke für das nette Gespräch!

Laurie

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