Ein Crosley Bermuda steht im Walde, ganz still und stumm

Ein Crosley Bermuda steht im Walde, ganz still und stumm

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Als mir neulich der Crosley Bermuda Koffer-Plattenspieler ins Haus flatterte, überkam mich nach dem Auspacken und der ersten Besichtigung gleich das Gefühl, das Teil in Kara Ben Nemsi-Manier schön durch die Wüste zu zerren und abends lauschig beim Glamping eine feine Platte zu hören.

SLEAZE + Crosley Bermuda
Schick, aber leider ohne Akku.

Das macht zunächst wohl keinen Sinn, denn zu Zeiten Kara Ben Nemsis und seines treuen Begleiters Hadschi Halef Omars war weder das Vinyl erfunden, noch die Bluetooth-Verbindung. Vielleicht hatte ich auch einfach zu viele Wes Anderson-Filme geschaut und die Retro-Romantik vernebelte mir die Sinne.

Auf zu neuen Ufern

Nichtsdestotrotz lies ich mich nicht aufhalten. Ich twitterte meinem treuesten Diener und Reisegefährten Hadschi Halef aka mexikobiber, band den Crosley an das nächste vorübertrabende Pony und schon sollte sie los gehen, unsere Hörerlebnistour in die kasachische Steppe. Einst wenigstens ansatzweise in der Richtung des Osmanischen Reiches gelegen. Heute auch noch.

Nach 5.000 Meilen Richtung Osten und 14 Tagen Zeltlageraufbau war es nun endlich soweit, den Koffer zu öffnen und in Betrieb zu nehmen. Die mitgelieferten Beinchen hatte Hadschi (Gesundheit!) auch schnell angeschraubt. Schick glänzte der matte stoffartige Oberbezug überhaupt nicht in der Sonne. Das gefiel schon mal ganz gut.

Als Nächstes sollte nun auch die Funktionalität einem Test unterzogen werden. Die erste Platte, leicht gekrümmt von der glühenden Wüstensonne, ward auch schnell aufgelegt. Doch beim Anschalten des Players passierte erst einmal gar nichts.

Hatte ich mich vertan? War das Gerät gar nicht so portabel, wie ich es ihm zugemutet hatte? Hieß Console Turntable gar nicht Koffer-Plattenspieler mit integriertem Akku? Ich war zehn Sekunden enttäuscht, dann ließ ich, in Ermangelung einer Steckdose, Hadschi den ganzen Schlamassel wieder auf das nächste Pony packen und wir trabten zurück in die heimliche Hauptstadt der Plattenspieler.

SLEAZE + Crosley Bermuda
Bermuda-Booty

Ein Kästlein stand im Walde, ganz still und stumm.
Es hatte ja kein‘ Akku, das war schon dumm.
Seht euch mal den Kasten an,
wie das Teil hübsch ausseh‘n kann…
trallallillalalllillalaalallaaaaa

Nach weiteren 20.000 Meilen – wir wussten ja nicht, wie man so ein Pony wendet – erreichten wir endlich die nächste Steckdose. Nun sollte das Laufwerk, wie die Eingeweihten es zu nennen pflegen, hören lassen, was es konnte. Zu sehen gab es auch etwas. Leider nicht sehr viel.

Ich höre was, was du nicht siehst

Nach der nun mit Gewalt herbeigeführten Ehe zwischen Crosley Bermuda und 230 Volt Wechselstromnetz und nach dem Drehen des Einschalt- und Lautstärkeknopfes und nach Auflegen einer Platte und nach Auswahl einer Geschwindigkeit und nach dem manuellen Anheben des Tonarms und dem Auflegen auf die Platte, gab es auch endlich etwas zu sehen und zu hören.

Freunde der visuellen Attraktion mittels Blinklichtern und ähnlichem werden beim Crosley leider weder beim Ändern des Funktionszustands noch beim Ändern der Tonquelle auf ihre Kosten kommen. Hier leuchtet konsequent gar nichts. Da erscheinen einem die Sterne über der kasachischen Wüste immer noch heller.

Wer bis hierhin gelesen hat, interessiert sich nun sicher auch noch dafür, wie das Gerät klingt oder hat einfach nur Langeweile im Büro.

Außen Protz, innen Rotz.

Freunden des guten Klangs ergeht es leider ebenso wie den Freunden von Blinklichtern: Sie werden mit diesem Gerät leider nicht bedient. Trotz des großen Koffers und nicht unerheblichen Preises ist das Gerät den meisten Bluetooth-Lautsprechern weit unterlegen.

Es fehlt an Bass, an Mitten an Höhen und überhaupt an einem klaren Sound. Aus der Ferne ist das ja eine Plattenlänge noch ertragbar, weiter daneben sitzend wünscht man sich eher das nicht enden wollende Geschwätz von Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah. In ihrer aufschneiderischen Art sind sich wohl beide gleich, obwohl der Crosley Bermuda erst einmal nur durch sein Äußeres überzeugt und Hadschi durch seine inneren Werte.SLEAZE + Crosley Bermuda

Ich überlege, ob man den Kasten zur Minibar umbauen kann.

Die Bluetooth-Verbindung zum Mini-Musikmöbel klappte soweit problemfrei, hier wird man sogar zuerst mit einem akustischen Signal begrüßt und wenn man den knarzenden Versuch des Möbels, einen russischen Langwelle-Sender zu empfangen, mit gelungener Verbindung unterbrochen hat, sogar mit einem anderen belohnt. Weniger belohnend und eher strafend ist hingegen auch hier der Sound aus den internen Lautsprechern.

Fünf Wünsche werden wahr.

Die Ausstattung hingegen würde auch Aladins Flaschengeist arbeitslos machen, da ist an alles gedacht. Neben dem Plattenspieler und der Bluetooth-Verbindung kann man noch weitere Geräte wie Stylophone, Kaossilator, Handy von vor 2005 oder jeglichen anderen Quatsch über Aux-in mittels 3,5er-Klinke anschließen. Dann hätten wir noch einen Kopfhörer- und separaten Line-out-Ausgang, Beinchen am Koffer und einen schönen Griff. Die Plattengeschwindigkeit kann man sogar über einen Pitch-Drehregler steuern. Ob dies Sinn macht, sollte ein Anschluss an mein Mischpult zeigen.

Oha, ebenfalls wie in Karl Mays Abenteuerbüchern oder auch den Wes Anderson-Filmen passierte ein Wunder. Angeschlossen an eine vernünftige Musikanlage, wurde das Gerät geradezu zu einer wohlklingenden Musikquelle. Liebhaber des abenteuerlichen DJtums könnten sich sogar zwei bis acht Geräte zum Auflegen zusammenschließen. Hoffen wir nur, dass die doch sehr wackeligen Knöpfe des Crosley Bermuda die DJ-Battles überstehen.

Musikmöbel oder doch nur Bieruntersetzer.

Ja nun, zu wem außer Kara Ben Nemsi passt nun so ein Retro-Trödel?

Bisher habe ich ihn innerlich im Zimmer junger Mädchen gesehen, vielleicht doch auch noch ein Schaden aus Wes Anderson-Filmen und deren VerkackeierungSLEAZE + Crosley Bermuda. Bisher gab es aber nur positives Feedback ob der visuellen Erscheinung von meiner fast alten Nachbarin mit zwei Enkeln und drei nicht mehr ganz so jungen Freundinnen. Diese klärten mich auch auf, dass dies Gerät mir mit seinem Aussehen ein Retromöbel suggerieren möchte und keinen Reisekoffer.

Louder is better

Wenn Opa seine Platten hören will, könnt ich mir auch noch so einen Spieler als Geschenk vorstellen. Der jung (gebliebene) Musikgenussfreund in männlicher Ausführung stellt sich wahrscheinlich lieber einen KUBA-Musikschrank aus den 50er-Jahren in die Wohnung und ein paar Technics-Plattenspieler auf die Konsole und schließt die Funktion-One-Anlage an. Letztere braucht man ja eh, um irgendwie passablen Sound aus dem kleinen roten Schrank zu quetschen.

Matthias

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