Ego-Trip der 80er

Ego-Trip der 80er

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Der PoV-Shot (Point of View), also die Verwendung der Ersten Perspektive, wird in den meisten Filmen vor allem pointiert herangezogen, um Zuschauer und betrachtende Figur in einem konkreten Moment zu vereinen. Eine gewisse Nähe zum Charakter und der damit oft heraufbeschworene Verlust der göttlichen, von außen auf die Dinge blickenden Perspektive kann ein mächtiges Spannungsvehikel sein: Alfred Hitchcock etwa ließ seine Zuschauer in Das Fenster zum Hof entscheidende Teile aus der Sicht eines am Rollstuhl gefesselten James Stewart erleben. Die Mischung aus voyeuristischer Faszination bei gleichzeitiger Hilflosigkeit vor dem Hintergrund einer möglichen, gefährlichen Mordaufklärung setzte große filmische Energien frei, die den Thriller zu Recht zum Klassiker werden ließen. Mit dem Film Hardcore startete kürzlich ein Action-Trip in den Kinos, der durchweg aus der Sicht seines originaltitelgebenden Protagonisten Henry erzählt. Zwischen Parcours, 80er-Actionkino, Shooter-Ästhetik und brutalem Trash entstand ein abgehetzter, mit etlichen Unzulänglichkeiten behafteter Film, dem man einem ganz eigenen Charme aber nicht absprechen mag.

Auch sei ein Dank an Regisseur Ilya Naischuller (und alle Beteiligten) ausgesprochen, der erstmals mit einem ebenfalls komplett aus Ego-Sicht gedrehten Musikvideo seiner eigenen Band „Biting Elbows“ auf sich aufmerksam machte. Nicht etwa, weil sein Film ein Meisterwerk sondergleichen darstellen würde, sondern für den Wagemut des Neuen. Den Versuch, fernab indoktrinierender Lehrbuchästhetiken, etwas Eigenes zu schaffen, wenngleich das Experiment nicht immer glücken mag, gilt es anzuerkennen statt sich an immerzu wiederkehrenden Mustern pseudo-kulturell zu ergötzen. Der Tod jeder Kunst schlägt nirgends brutaler zu als im repetitiven Recycling.

SLEAZE+Hardcore-80erDer in Moskau geborene Filmemacher, wo die Geschichte auch angesiedelt ist, scheint sich der Unzulänglichkeit seines Werks stets bewusst zu sein. Er versucht schon gar nicht, Ernsthaftigkeit über Vorliegendes Herr werden zu lassen. Vielmehr kostet er seine Prämisse mit Freude und ohne Anmaßung aus. Seine Hauptfigur Henry, die eines Tages auf einem Raumschiff aufwacht, ist ein mit Maschinenteilen zusammengeflickter, wortloser Held. Wie ihm eine Wissenschaftlerin, die sich als seine Frau vorstellt, anfangs offenbart, wurde er in einem Unfall schwer verletzt. Als das Fluggefährt kurz darauf vom exzentrischen, mit übernatürlich erscheinenden Kräften versehenen Akan attackiert wird, beginnt ein Ritt durch die russische Metropole und darüber hinaus. Henry erscheint dabei wie ein heroisches Relikt aus den 80ern, wie man sie vor allem in Action- und Science-Fiction-Filmen antraf. Man denke etwa an den ebenfalls maschinisierten Terminator. Seinem Wesen liegt keine große Ambivalenz oder ihre Psychologisierung inne, sondern beschränkt sich lakonischer Effektivität folgend auf seine Taten.

Die zum Teil bunten, neonhaften Farbspiele und der zuweilen treibende, aber auch ambientische Synthesizer-soundtrack verschärfen den Blick auf die 80er.SLEAZE+Hardcore-80er

Er steht so auch für eine nicht zur Ruhe kommen wollende Abfolge von Ereignissen: Durch den Einsatz von GoPro-Kameras macht sich Ilya Elemente des Parcours ebenso zu eigen wie eine gewisse Videospielästhetik: Henry ist fast ausschließlich in flüchtender oder verfolgender Bewegung und klettert dabei an Häuserfassaden empor, hetzt durch Treppenhäuser und schießt, sticht oder haut sich seinen gewählten Weg gehbereit. Durch die nie verlassene Ich-Perspektive entstehen so Sequenzen, die an urbanen Trendsport erinnern und bekannte Ego-Shooter-Motive freisetzen: Jeder Spieler mit entsprechender Erfahrung wird sich an diverse Einstellungen, wie schon dem Halten der Waffe, erinnert fühlen. Interessanterweise flechtet der Regisseur bekannte Muster diverser Spiele in seine Geschichte, manchmal augenzwinkernd, hinein: Sei es das unterstützende Deckungsfeuer für einen Verbündeten aus der Entfernung mit dem Scharfschützengewehr oder auch eine Art Eskortmission, bei dem ein Objekt oder eine Figur zeitlich oder räumlich geschützt werden muss. Das Geschehen ist von einer dermaßen überzeichneten Brutalität und Selbstreferenz gezeichnet, dass es seinen Trash-Charakter nicht verbergen kann, der hier auch mit ständigen Einschüben flachen, aber aufrichtigen Humors die schon eingangs in einer gewaltgefluteten Zeitlupencollage zum Ausdruck kommenden Härte konterkariert und in ein augenzwinkerndes Licht taucht. Diesem Ton schließt sich auch das Kabinett der exzentrischen Figuren an, in dem insbesondere Sharlto Copley (District 9) als Begleiter und „Buddy“ Henrys in spielfreudige Erscheinung tritt.

Ins Stottern gerät der Trip unter immer wiederkehrendem Leerlauf. Die visuelle Idee allein trägt hier nicht den gesamten Film, was im Zusammenspiel mit der wenig originellen Geschichte den Gesamteindruck des Spektakels doch merklich trübt. Da sich Ilya oftmals bekannter Bilder und Schemata bedient, bleibt das Überraschungsmomentum aus und somit auch ein gewisses Maß an Faszination. In den besten Momenten feiert er den Exzess (leider unter Hinzunahme mancher billig aussehender, deplatzierter Tricktechnik) oder nutzt das Gebundensein an die Sicht des Hauptakteurs für entsprechend übersetzten Spannungsaufbau oder der Inszenierung komisch-intimer Situationen, auch wenn es dem Geschehen trotz des gewählten Blickwinkels oft an Körperlichkeit mangelt – das Gefühl eines Walkürenritts, einer ausbeuterischen Erschöpfung bis nahe an die völlige Aufgabe wird viel zu selten greifbar. Durch eine schnelle Schnittabfolge wird auch so mancher Szene ihrer Intensität und des Zusammenhangs beraubt, so dass sich diverse Impressionen und Ereignisse kaum einmal entfalten können. Dennoch bleibt der Film ein eigensinniger Trip, der sich bei aller Fehlerhaftigkeit eine eigene, sympathische Identität bewahren konnte, die zwar nicht immer ihr Potenzial ausschöpft, aber in ihrer sturen, ehrlichen Art willkommen ist.

Alex Warren

Titel: Hardcore
Regie: Ilya Naischuller
Laufzeit: 96 Min.
VÖ: 14.04.2016 (dt. Kinostart)
Verleih: capelight pictures

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