E3 2018: Sony erinnert uns an die Magie des Spielens

E3 2018: Sony erinnert uns an die Magie des Spielens

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SLEAZE + E3-Sony 2018
Tritt ein in die Sony-Welt!

Es war eine magische Nacht. Um 3.00 Uhr deutscher Zeit fand von Montag auf Dienstag Sonys Pressekonferenz auf der diesjährigen E3 in Los Angeles statt. Während Microsoft seine Chance auf exklusive Toptitel am Vortag liegen ließ, EA am Samstag einen gewohnt quälend müden Auftakt machte und auch Ubisoft zwar viel Spektakel, aber wahlweise wenig Konkretes (Beyond Good and Evil 2) oder Erwartbares (Assassin’s Creed Odyssey) zeigte, ließen die Japaner mit ihrem kommenden PlayStation-Line-Up spielerisch den Hammer kreisen.

Und obwohl der wie immer heiter aufgelegte Shawn Layden, Präsident und CEO von Sony Interactive America und Vorstand der Sony Interactive Entertainment Worldwide Studios, zu Beginn darauf aufmerksam machte, dass man keine großen Überraschungen erwarten solle, zeigte sich die Präsentation verspielt, auf den Punkt gebracht und erinnerte mitsamt neuer Enthüllungen daran, welch große Magie im interaktiven Medium schlummert.

Ein Traum vom Spielen

Es gehe vielmehr darum, in die bereits angekündigten Titel tiefer einzutauchen, wie er anfangs auf das vor uns Liegende einstimmte. Und wären The Last of Us Part II, Ghost of Tsushima, Death Stranding und Spider-Man nicht schon wuchtig genug gewesen, sorgte Sony mit drei Neuankündigungen fast schon beiläufig für Furore. Denn das angekündigte Hauptprogramm hatte es in sich.

Als eine Art Leitmotiv zog sich hierbei das kommende Dreams aus dem Hause der Little Big Planet-Schöpfer Media Molecule durch die Vorstellung mit immer wieder kurz eingestreuten, musikalischen Einlagen putzig animierter und dreinblickender Figuren, die komplett im offenbar mächtigen Editor entstanden sind.

Denn das Spiel, das in der Vergangenheit schon ausgiebig vorgestellt wurde und nun wie ein natürlicher Rahmen die Konferenz begleitete, ist ein Titel der Schaffenskraft, dessen einzige Grenze durch die Fantasie des Spielers gezogen wird: Jeder Charakter, jedes Level, Ereignis etc. liegt in der Hand seines Schöpfers.

Post-Apokalypse zwischen Romantik und Extremgewalt

Nachdem Komponist Gustavo Santaolalla, der u.a. die Filmmusik zu Ang Lees Brokeback Mountain und Babel von Alejandro González Iñárritu beisteuerte, die anfängliche Bühne in einer Art „Kirchenzelt“ betrat, war klar: Das Sequel zu The Last of Us steht an, nachdem der Argentinier vor fünf Jahren bereits den Score des Erstlings schuf.

Nach seinem gefühlvollen Banjo-Solo zeigte das Studio Naughty Dog sein neustes Werk erstmals ausführlich mit direkten Szenen aus dem Spiel. Nun erfuhren wir auch, warum Sony sich für die rustikal anmutende Szenerie entschied:

Denn zu Beginn der Demo treffen wir auf eine deutlich ältere, inzwischen zur jungen Frau gereifte Ellie, die wir im ersten Teil noch an der Seite von Joel durch die Post-Apokalypse begleiteten und Zeuge wurden, wie sich eine zunehmend tiefer und tiefer gehende Beziehung entfaltete.

Während eines den Umständen entsprechend ausgelassenen Festes in dem warmen samt Lichterketten dekorierten „Kirchenzelt“ kommt es zum Tanz mit ihrer Freundin, der schon jetzt und erneut Naughty Dogs Fähigkeit zeigt, die Hoffnungslosigkeit des Szenarios mit Wärme und Zartheit, die stets in der Bedrohung steht, von der traumatisierenden Brutalität ihrer Umwelt übermannt zu werden, heraufzubeschwören.

In diesem Gefühlstsunami erschafft das Studio aus Santa Monica gleichsam eine der natürlichsten, intimsten und einfühlsamsten Kuss-Szenen, die ich jemals nicht nur in einem Videospiel gesehen habe.

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Post-Apokalypse in zärtlich

Es folgt ein kontrastreicher Cut in die Dunkelheit: Die weibliche Hauptfigur tötet in einem bedrohlich finsteren Waldstück gerade einen Feind mit heftigen Stichen in den Hals. Das darauf Folgende ist Spannung par excellence.

Ellie schleicht, tötet und setzt sich mit dermaßen physischer Wucht zur Wehr, dass es einen erschaudern lässt.

Der Detailgrad von Natur, urbanem Verfall und Spielfluss ist von einer Tiefe, die mir aus keinem anderen Vertreter des Mediums in dieser Form bekannt ist: Die Bewegungsabläufe zwischen Flucht, Interaktion mit der Umwelt und dem Wechselspiel von Versteck und Angriff sind ein einziger betörender Adrenalinrausch zwischen Schleichen und extremen Gewaltspitzen, die des emotionalen Kontextes wegen einen desillusionierenden und somit heftigen Kontrast zum zuvor Gesehenen stellen.

Jeder Schlag, jeder Schuss ist von einer körperlichen Wucht, die die Belastung für jeden Beteiligten in einer Welt am Abgrund im Mindesten erahnen lässt. Wenn Ellie etwa einen Gegner aus Not heraus in die Wange schießt und dieser mit herausströmendem Blut aus der Wunde im Gesicht zusammensackt, brummt es tief in der Magengegend. Wenn sich ein Pfeil in ihren eigenen Körper bohrt, ist der Einschlag des potenziell tödlichen Geschosses spürbar. Und wenn am Ende eine blutverschmierte, junge Frau dasteht, nämlich Ellie, und das Gameplay auf den vorigen Kuss zurückschneidet, vereinen sich die nachhallenden Eindrücke zu einer komplexen, eindringlichen Lebensgeschichte von der Hoffnung in einer schonungslos verrohten Welt, die sich im ungemein facettenreich animierten Gesicht Ellies Bahn bricht.

Schöner die Blätter nie wehten

Auf die Post-Apokalypse folgte mit Ghost of Tsushima der nächste große Exklusivtitel Sonys aus dem Hause Sucker Punch Productions, die vor allem durch ihre Sly- und Infamous-Reihe bekannt wurden.

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Ghost of Tsushima: Das ist kein Truthahn, sondern ein stolzer Samurai auf Kriegspfad.

Als Samurai streifen wir durch eine von Krieg gezeichnete historische Welt der titelgebenden, japanischen Insel, auf der weite Getreidefelder und eine dichte Flora von Bäumen wie Gräsern sich geschmeidig dem flüsternden Wind anschmiegen.

Für rote Farbakzente sorgt nicht nur der erste Stich mit dem klirrenden Schwert, sondern ebenso die zahlreichen, einzeln animierten Blätter, die eine mythische Stimmung des Verfalls vor einer scheinbar kurz vor dem Untergang stehenden Sonne hervorrufen.

Die ebenfalls erste, ausgiebige Gameplay-Präsentation des Action-Adventures mündet in einem Schwertkampf unter tiefrotem Blätterregen, der unter den Hauchtönen einer Flöte wie aus einem Traum erscheint.

Phänomenal, wie Sony auch abseits seiner etablierten Franchises die Tür in eine neue, so noch nie gesehene Welt öffnet, durch die sich die zu sehende Figur zuweilen hoch zu Ross schleichend, aber auch blutig austeilend bewegte.

Kojimas großes Mysterium

In eine solch unbekannte Welt entführte im weiteren Verlauf der Show Hideo Kojimas Death Stranding, das auch zum ersten Mal nach mehreren, mysteriösen Ingame-Trailern mit längeren Spielszenen bedacht wurde.

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Death Stranding: Sie sehen..ein Mysterium

Unter den melancholischen Klängen der Gruppe Silent Poets mit ihrem Stück „Asylums For The Feeling Feat. Leila Adu“ watet der von Norman Reedus (The Walking Dead) verkörperte Hauptcharakter (?) durch weitgehend menschenleere, wunderschön isolierte Natur- wie Industrielandschaften, in denen sich irgendeine nicht näher definierte, schwebende, zuweilen unsichtbare und Menschenform-ähnliche Entität mit aus ihnen herauskommenden Kabeln tummelt, der es unbedingt auszuweichen gilt, während die zu sehenden Figuren..na was eigentlich?

Sammeln sie etwas mit ihren hinter sich herziehenden Kisten?

Was hat es mit einem in einer Szene zu sehenden Körper auf dem Rücken auf sich? Warum trägt Norman ein Baby in einem kleinen Tank mit sich? Nebenbei tritt Léa Seydoux (James Bond 007: Spectre) der Besetzung um Norman und den ebenfalls schon zuvor in einem Vorschauvideo zu sehenden Mads Mikkelsen (Hannibal) bei, ebenso wie die u.a. als „The Bionic Woman“ in den 70ern bekanntgewordene Lindsay Wagner. Und am Ende steht der Anfang einer der faszinierendsten Spielwelten, die mit ihrem großen Mysterium und der Eigensinnigkeit ihrer Vision unbedingt betaucht werden will. Niemand weiß so recht, was es hier eigentlich zu sehen gab. Und das ist ganz wunderbar.

Zwischen Superhelden-Bombast und Überraschungen

Der letzte große Titel im Bunde der „Big Four“ inszenierte spielbares, berauschendes Superhelden-Kino. Denn in der E3-Demo zu Spider-Man, für das Insomniac Games (Ratchet & Clank-Reihe) verantwortlich zeichnet, schwingen wir uns als Marvels Spinnenmann schöner und butterweicher wie eh und je durch die Häuserschluchten Manhattans.

Im Zuge der neuerlichen Vorstellung bekommt es die ikonische Comic-Figur gleich mit mehreren Schurken zu tun, darunter Electro, Rhino, Scorpion, Vulture und Mister Negative. Die Kampfmechanik erinnert ein wenig an das flüssige Gekloppe in Rocksteadys Arkham-Serie um Batman, scheint die Interaktion mit der Umwelt aber noch einmal einen Schritt weiterzuführen, wobei sie federleicht in die Horizontale wie Vertikale wechselt und bestimmte Augenblicke in stilvollen Zeitlupenaufnahmen festhält.

Die Freiheit, die mit den übernatürlichen Fähigkeiten Peter Parkers einhergeht, vermag Insomniac zumindest in dem bisher zu sehenden Material famos einzufangen, was besonders eine vom freien Herumschwingen geprägte Verfolgungssequenz mit Electro zeigt, während sich dabei der Handlungsort auf einem Gefängnisanwesen im East River durch die elektrische Ladungen des herumwütenden Schurken verändert.

Zwischendurch kündigte Sony zudem den lang erwarteten, bis dato unbekannten neuen Titel von Remedy (Max Payne, Alan Wake) an, der auf den Namen Control hört und als eine von Raum (und Zeit?) losgelöste, der Schwerkraft entkommenen Science-Fiction-Vision daherkommt und damit ein wenig an das Microsoft-exklusive Quantum Break erinnerte.

SLEAZE + E3-Sony 2018
Nicht nur diese Szene ist out of… Control.

Der Trailer zeigte denn auch, das Action-Einlagen mit durch eine Art Telekinese kontrollierbarer Umgebung eine größere Rolle spielen könnten, wenngleich Sony keine näheren Informationen enthüllte.

Die Ankündigung des Remakes zu Resident Evil 2 wurde zuvor bereits gemutmaßt und stieß nun angesichts des Ankündigungstrailers zwanzig Jahre nach Erscheinen des Originals, welches hierzulande bis 2014 auf dem Index stand, auf manchen Begeisterungssturm. Ach ja, und nebenbei wurde bekannt: Nioh 2, der Nachfolger des an Dark Souls erinnernden Action-Rollenspiels von 2017, kommt auch noch.

Chapeau, Sony.

Alex

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