Dunkirk – erlebnisreiche Bereicherung für Kino und Film

Dunkirk – erlebnisreiche Bereicherung für Kino und Film

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SLEAZE + Dunkirk

Als „Virtual Reality ohne die Brillen“ beschrieb Christopher Nolan den technischen Ansatz seines neusten Films Dunkirk. Und tatsächlich: Sein mit 65mm-IMAX- sowie weiteren Großformatkameras gefilmter Suspense-Überlebenskampf ist ein immersives Schwergewicht, das sich einzig um die Frage dreht: Werden sie es schaffen? Sie, das sind jene rund 400.000 am Strand von Dünkirchen von den Deutschen eingekesselten alliierten Truppen anno 1940, die unter ständiger Bedrohung auf ihre Evakuierung warten. Christopher inszeniert die dramatischen Ereignisse nicht als rührseliges, charakterbezogenes Drama, sondern als hochintensives, multiperspektivisches Filmerlebnis: Visuell, auditiv und erzählerisch feinsinnig konstruiert gelingt ihm hiermit eine große Erfahrung puren Kinos.SLEAZE + Dunkirk

Die Mole, die See, die Luft: Das erlebnisreiche Storykonstrukt

Schon der Beginn von Dunkirk gibt die pulsierende Stoßrichtung der folgenden 107 Minuten vor – seit Christophers Spielfilmdebüt Following aus dem Jahre 1998 ist er zugleich der kürzeste Film des The Dark Knight-Regisseurs. So verzichtet er diesmal auch fast gänzlich auf die besonders in Inception überstrapazierte Neigung, allzu umfangreich Exposition zu liefern. Nach einer kurzen Texttafel der historischen Einrahmung wegen wirft er uns mit Fionn Whitehead in der Rolle eines britischen Soldaten ins Gefecht. Unter schwerem Feindbeschuss kann sich der Junge so gerade an den Strand retten, als er nach vorausgehender Flucht vor dem feindlichen Gewehrfeuer einen alliierten Checkpoint erreicht. Doch das Grauen geht hier nur weiter: Die unzähligen aufgebahrten Toten vor der aufgepeitschten See zeugen von der bevorstehenden Tour de Force um Leben und Tod.

„The Mole“, die Mole, lautet dieser erste Handlungsstrang Dunkirks, an dem sich mit „The Sea“ (Die See) und „The Air“ (Die Luft) noch zwei weitere anschließen und die sich im Verlaufe des Films überschneiden. Dieses narrative Triptychon versieht Christopher Nolan mit einem Clou: Sie alle spielen sich innerhalb unterschiedlicher Zeiträume ab. Die Ereignisse um die Mole umfassen eine Woche, jene auf See einen Tag und in der Luft bewegen wir uns erzählerisch gerade einmal eine Stunde. Zwar gibt er uns Charaktere an die Hand, an denen wir uns im Folgenden entlang hangeln: Mit dem bereits angesprochenen Fionn Whitehead versuchen wir irgendwie dem Horror Dünkirchens zu entfliehen, während wir in Mark Rylances Boot gemeinsam mit seinem Sohn und einem Freund steigen, um den Truppen am Strand zu Hilfe zu kommen. Im engen Cockpit einer Spitfire-Maschine erleben wir mit Kampfpilot Tom Hardy, der nach Inception und The Dark Knight Rises bereits zum dritten Mal mit Christopher Nolan zusammenarbeitet, furiose, wuchtige Luftkämpfe. Doch hier fungieren die Charaktere als reines Erlebnisvehikel – eine Heldenreise samt (klassischer) Figurenzeichnung bleibt aus.SLEAZE + DunkirkTick tock, tick tock

Es ist ein urgewaltiger, auf die subjektive Erfahrung ausgelegter Akt „einer der größten Geschichten in der Geschichte der Menschheit“, wie Regisseur Christopher Nolan die Ereignisse selbst bezeichnet. Denn tatsächlich lässt er uns kaum einmal Zeit zum Durchatmen. Stets könnte die nächste Bombe geradewegs in den Tod führen, jedes Brausen eines nahenden Flugzeugs der letzte Eindruck vor dem Ableben sein. Für die bildhaften Eindrücke hat der Filmemacher u.a. diverse Stummfilme studiert, um visuell wie auditiv Spannungsmomente zu erschaffen.

Fast durchgehend nutzt er hierbei ein einfaches wie brillantes Mittel, um den wortwörtlichen (Film-)Takt vorzugeben: das Ticken einer Uhr. Befeuert von einem erneut dröhnenden, anpeitschenden Score aus der Feder Hans Zimmers und zusätzlichen Stücken Benjamin Wallfischs sowie Abwandlungen Edward Elgars setzt uns Christopher so einer konstant aufrechten Spannung aus, die uns von Anfang an in die Leinwand zieht. Eine weise Entscheidung, den Film diesmal vergleichsweise kurz zu halten, denn auch für den Zuschauer avanciert Dunkirk so zum Kraftakt im positiven Sinne, der nicht überstrapaziert werden, sondern in einer entsprechenden Dosis verabreicht sein will.

Dunkirk, eine Kinobereicherung

Erneut zahlt sich auch die Entscheidung aus, den Film vor echten Kulissen zu drehen. Der Regisseur ist bekannt dafür, vor wahrer Kulisse und, soweit möglich, ohne Spezialeffekte zu inszenieren. Ein Großteil spielt sich am tatsächlichen Ort des einstigen Geschehens, Dünkirchen, ab. Es sind zeitlose, organische, reale und lebendige Bilder, denen wir uns ausgesetzt sehen und die das Regie-As mit der Nutzung klassischen Filmmaterials heraufbeschwört. Sei es die geradezu tristesse Grauheit des tosenden Ärmelkanals, auf die wir von der Mole aus blicken oder die physischen Luftkämpfe, in denen jedes Maschinengewehrfeuer und jedes Flugmanöver durchschüttelt. Was wir sehen, ist so auch mit der Kamera festgehalten worden. Selten verstolpert sich Christopher dabei in überstrukturierten Suspense-Momenten – wenn Fionn Whitehead mit einem unbekannten Gefährten etwa samt Verletzten auf einer Bahre zu einem Schiff hetzt und gerade dann ein feindliches Flugzeug einen Teil des in die See reichenden Stegs wegschießt, woraufhin sie sich gezwungen sehen, über einen Balken zu balancieren.SLEAZE + DunkirkDoch insgesamt bleibt das an Dialogen arme Erlebnis Dunkirk, das gleichzeitig die unendlichen Möglichkeiten des (klassischen) Kinos unterstreicht. Ohne einen Groll gegen technische Möglichkeiten à la 3D oder VR: Oftmals klebt an ihnen doch nicht vielmehr als ein Gimmick-Charakter, wenngleich ihre sinnvolle Nutzung großes Potenzial bietet. Sie sind eben nur ein weiteres Werkzeug des Wunderbaukastens „Kino“, dessen Möglichkeiten in seiner ursprünglichen Form aber noch längst nicht ausgeschöpft sind. Dunkirk bewegt sich in seiner Hyper-Intensität an den (bekannten) Grenzen, erweitert und überschreitet sie und stellt damit einen jener so wichtigen Funken da, die das Kino und den Film als magisches Medium bereichern.

Alex

Titel: Dunkirk
Regisseur: Christopher Nolan
Schauspieler: Fionn Whitehead, Tom Hardy, Mark Rylance, Kenneth Branagh
Art: Drama / Thriller
Kino-VÖ: 27.7.2017
Länge: 120 min.
Produktionsjahr: 2017
Verleih: Warner Bros.

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