Düsterer Mehrspielerkracher Hunt: Showdown – Auch auf PS4 ein Jagdfest

Düsterer Mehrspielerkracher Hunt: Showdown – Auch auf PS4 ein Jagdfest

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Nachdem Hunt: Showdown bereits im Frühjahr 2018 im Early Access bei Steam veröffentlicht wurde, erschien das fertige Spiel rund anderthalb Jahre später auf PC und Xbox One. Seit Kurzem ist der Titel aus dem Hause der deutschen Spieleschmiede Crytek erstmals für die PlayStation 4 erhältlich. Auch auf Sonys Konsole entwickelt die finstere Mehrspielerhatz einen unwiderstehlichen Sog in einer grausamen, faszinierenden Welt.

SLEAZE + Hunt: Showdown
„Komm in meine Welt!“, sprach Horror. Und so traten wir ein.

Seit Jahren konnte mich kein kompetitives Multiplayerspiel dermaßen fesseln wie Hunt: Showdown. Angesiedelt in den düsteren und schwitzigen Sümpfen Louisianas Ende des 19. Jahrhunderts, übernimmst du die Rolle eines Jägers, dessen Aufgabe das Erlegen eines großen Monsters ist.

Mit bis zu zwei weiteren Mitspielern in einem Team pirscht man sich in einer von einer Seuche gezeichneten Welt vorbei an entstellten Kreaturen, um zu seinem Ziel zu gelangen. Aktuell stehen drei Bosse auf dem Plan der „Hunter”: Ein mit Feuer um sich werfender Hüne samt Schweinekopf, genannt Schlachter. Dann der der geisterhafte Attentäter, auch Assassin oder Meuchler genannt. Und eine übergroße und blitzschnelle Giftspinne.

Einmal erlegt, muss die nach einer längeren Verbannungsphase geerntete Beute zu einem von mehreren Extraktionspunkten gebracht werden, die als Ausgangspunkte des laufenden Spiels dienen.

Im Wesentlichen handelt es sich bei dem Spiel um einen so genannten PvPvE-Titel, also Spieler (Player) gegen Spieler gegen Umgebung (Environment). Bis zu zwölf menschliche Spieler tummeln sich neben den unheimlichen, computergesteuerten Gestalten in jeder Partie.

Diese simple und zudem klasse ausbalancierte Spielidee macht jede Runde aufs Neue zu einem hochspannenden Nervenkitzel, der jedes Mal eine ganz neue Dynamik entfacht.

Tot ist tot

Hunt: Showdown ist ein vergleichsweise langsames Spiel. Dies zeigt sich in den relativ schwerfälligen Körperbewegungen ebenso wie in der Handhabung der unterschiedlichen historischen Waffen, darunter Revolver, Karabiner und Armbrüste. Allein das Nachladen nimmt dermaßen viel Zeit in Anspruch, dass unüberlegte Angriffe schnell im Tod enden können.

SLEAZE + Hunt: Showdown
Ist diese Körperhaltung noch gesund?

Der entschleunigte Spielfluss ist zugleich ein fundamentales Stimmungselement. Du bist hier nicht der mächtige Held, nicht der bis an die Zähne bewaffnete Soldat und eben nicht der mit seinen Gegnern locker jonglierende Übermensch. Du bist nur einer unter vielen. Ein verletzlicher Jäger in einer abstoßenden wie faszinierenden Welt, die Fehler und Unvorsicht in der Regel rigoros bestraft.

Denn Tod bedeutet hier tatsächlich Tod. Zunächst gewährt dir das Spiel eine Eingewöhnungsphase bis zu einem bestimmten Level, doch spätestens danach schaltet es einen Gang höher.

Verlierst du deinen rekrutierten Jäger mit dem dann einsetzenden „Permadeath”, ist er genau wie seine Ausrüstung sowie die für ihn freigespielten Fertigkeiten auf immer verloren.

Daraufhin steht die Rekrutierung eines neuen Charakters sowie der Kauf von Waffen, anderen Gegenständen und Fähigkeiten für Punkte an, die man während des Spielens verdient.

Es zwingt einen, vor, während und nach dem Spiel zu ständigem Abwiegen: Spiele ich noch eine Runde mit meinem hochgelevelten Jäger, der mir mehr Erfahrungspunkte und damit Fortschritt etwa beim Freischalten neuer Ausrüstung bringt? Oder heuere ich einen weiteren Charakter an? Abgesehen von legendären Spielfiguren startet jeder Hunter mit einem individuellen Ausrüstungsset.

Bloß nicht sicher fühlen

Die eigentliche Spannung entlädt sich schließlich im Spiel selbst. Hat man sich erst einmal an die Trägheit und das Waffengefühl gewöhnt, entwickelt man zwar eine gewisse Sicherheit im Meucheln der verschiedenen und grandios entworfenen Gegnertypen, die einem auf dem Weg bis zum Finalgegner begegnen.

Man analysiert Schwachpunkte und entwickelt Strategien etwa gegen jene Frauen, aus deren offener Brustkorb eine Art Bienenstock ragt, dessen Bewohner summend auf dich zurasen, wenn du dich nur nah genug heranwagt.

Sicherheit ist in Hunt: Showdown aber ein verführerischer Gedanke, eine interaktive Femme fatale, die dir in jedem Moment das blutige Hackebeil in den Rücken, die gefletschten Zähne in den Hals oder die Kugel in den Kopf treiben kann.

Entsprechende Ausrüstung vorausgesetzt, kannst du dich zwar heilen und selbst am Boden mit erschöpfter Energieleiste ist es noch nicht vorbei mit der Jagd. Zumindest insofern du einen menschlichen Gefährten an deiner Seite hast, der dir wenige Male hochhelfen kann.

Allerdings fügen selbst die einfachsten Gegnertypen erheblichen Schaden zu. Die ständige Gefahr anzuerkennen und zu respektieren führt in der Regel dazu, sie als einen weitaus treueren und lebenswichtigeren Gefährten anstelle der trügerischen Sicherheit neben sich zu haben.

Hinzu kommt, dass sich eben auch bis zu elf weitere Menschen in einer Partie auf die Jagd nach bis zu zwei gleichzeitig auf der Karte existierenden Bossmonstern machen.

Eine Jagd wie keine andere

Jede Runde entwickelt so eine unerwartete Dynamik mit immer neuen Konflikten. Die Beute eines der großen Monster aus dem Gebiet zu bringen ist zwar das hohe Ziel der Jägerschaft. Es ist grundsätzlich aber kein Muss. Allein das Überleben kann sich wie ein Erfolg anfühlen.

Zudem geht es grundsätzlich nicht darum, als Erster bei einer der großen drei Kreaturen zu sein, deren Lokalisierung durch in einer speziellen Sicht ortbare Hinweise erleichtert wird. Viele Wege führen zum Erfolg, der sich je nach Spielverlauf anders definiert.

Plane ich einen Hinterhalt auf meine Mitspieler? Warte ich, bis sie das Ungetüm erlegt und die Beute eingesackt haben? Oder verlasse ich das Jagdgebiet lieber und rette meinen Charakter, um so Ausrüstung sowie die volle Anzahl aller bisher gesammelten Erfahrungspunkte einzusacken? Hunt: Showdown lässt dir selbst die Wahl, wie du dein selbstgestecktes und variierendes Ziel verfolgst.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich am ehesten bei ruhigem und vorsichtigem Vorgehen an die Beute samt Extraktion gekommen bin. Für gewöhnlich vermeide ich es, unnötig Aufmerksamkeit der Nichtspielercharaktere (NPCs) und menschlichen Spieler auf mich zu ziehen und stattdessen in den passenden Momenten zuzuschlagen. Dies gelingt mir freilich nicht immer.

Wenn ich etwa als erster Überlebender einen Boss töte, steht die Phase des „Banishing”, also Verbannens, an. Für einige Minuten gilt es auszuharren und zu warten, bis die Beute des toten Monstrums freigelegt ist.

SLEAZE + Hunt: Showdown
Spannend sind auch die Gefechte mit den menschlichen Mitspielern.

In dieser Zeit ist es angebracht, den Ort des Geschehens beispielsweise mit aufzufindenden oder ausrüstbaren Fallen so gut es geht abzusichern, seine teils knappe Munition durch Nachschubkisten aufzustocken und auf Veränderungen und Reaktionen der Umwelt zu achten.

Denn spätestens nun weiß jeder noch lebende Spieler, wo sich Beute befindet. Träger derselben können für kurze Zeit eine Sicht aktivieren, mit der feindliche Mitspieler orangefarben hervorgehoben werden. Ein im besten Fall effektiver Kniff für die Beuter, der auf Grund seiner stark limitierten Einsatzzeit mit Bedacht genutzt werden will.

Atmosphärische Wucht

Crytek hat in Hunt: Showdown einen lebendigen Mikrokosmos in den Sümpfen von Louisiana geschaffen, der das atmosphärische Fundament für die immersive Mehrspielererfahrung bietet.

Ein von Krankheit und Tod, Gewalt und Schmutz gezeichnetes morbides Faszinosum des Horrors, das sowohl nachts als auch am Tage und im gleißenden Sonnenschein ebenso wie im dichten Nebel ein ganz eigenes, raues Gefühl des Grauens heraufbeschwört.

Trotz einiger schwammiger oder spät nachladender Texturen malen die Entwickler ein dermaßen dichtes Stimmungsgemälde, das mich immer wieder ins tödliche Jagdgebiet lockt.

Die Klangkulisse gehört ebenso zu den atmosphärischen Höhepunkten des Spiels. Schon aus weiter Ferne hörst du die krachenden Schüsse deiner Widersacher. Aus den dunklen Wäldern stoßen zuweilen Schreie hervor, welche das sommerliche und nächtliche Zirpen der Grillen stören. Entlang toter Schweineberge auf längst betriebslosen Höfen schlurfen stöhnend und stampfend grässliche Kreaturen umher. Es ist eine Welt des Leidens.

Auch dank knackender Glasscherben, klirrender Ketten und klappernder Dosen lassen sich nicht nur die verseuchten Bewohner dieser Welt, sondern auch unvorsichtige Mitspieler wunderbar orten, bis es zum eigentlichen Sichtkontakt kommt.

Einmal etwa harrte ich auf meine Beute wartend aus, während über mir ein Feind auf dem quietschenden Dach einer Scheune seine Position verriet. Ein anderes Mal überraschte ich im Gebüsch sitzend am Levelausgang einen Beuteträger, der lautstark durchs Wasser watete.

Wenige wuchtige Treffer mit meinem Revolver später lag er am Boden, ich schnappte mir seine Beute und flüchtete minutenlang schnaufend vor seinem Partner, dessen Schüsse pfeifend an mir vorbeirauschten. Vorbei an weiß lackierten Kirchen, goldenen Feldern und rauchenden Ruinen eilte ich versehentlich in die Arme eines feurigen Wüterichs und starb. Die Runde und mein Jäger waren verloren, doch das intensive Erlebnis war der eigentliche Gewinn.

Hunt: Showdown ist für mich eine der faszinierendsten Mehrspielererfahrungen überhaupt. Crytek gelingt nicht nur ein herausfordernder und zugleich fair ausbalancierter Spielfluss, der ständig in neuen magischen Momenten mündet.

Die Spieleschmiede aus Frankfurt hat zudem eine Welt mit einer ganz eigenen Horrorstimmung samt faszinierender Hintergrundgeschichte kreiert, zu der man nicht nur im Internet sondern auch im spieleigenen Lexikon interessante Hintergrundinformationen findet. SLEAZE + Hunt: Showdown

Es ist ein entschleunigtes und dramatisches Katz-und-Maus-Spiel ohne moderne Mehrspielerlasten wie Mikrotransaktionen, das stets neue Geschichten erzählt und in zähneknirschende Situationen stößt. Diese Jagd ist ein wahrer Triumph.

Alex

Titel: Hunt: Showdown
Publisher: Crytek (PC), Koch Media (PS4, Xbox One)
VÖ: bereits erhältlich
Plattform: PlayStation 4, Xbox One, Microsoft Windows

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