Drei Billboards für ein Hallelujah

Drei Billboards für ein Hallelujah

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SLEAZE + Three Billboards
Mildred sieht red…

Eine süßliche Botschaft, rasiermesserscharfe Dialoge und die Liebe zu Außenseitern. Three Billboards Outside Ebbing, Missouri zeichnet ein einfühlsames wie absurdes Bild der US-amerikanischen Provinz, prangert Rassismus ebenso an wie die Unfähigkeit zur Kommunikation. Das klingt dringlich und eigensinnig zugleich und doch bleibt in mir nach Sichtung des Films eine leichte Leere zurück. Denn bei all den auf dem Papier herrlich klingenden Elementen wirkt das neuste Werk von Martin McDonagh (Brügge sehen…und sterben?) seltsam gewollt und gekünstelt. Zudem lässt mich der Eindruck nicht los, dass es sich hierbei um einen zwar bizarren, aber doch flachen Oscar-Anwärter handelt.

Im Sinne des politischen Zeitgeistes?

Denn nachdem der Film zu Beginn des neuen Jahres bereits mit vier Golden Globes – darunter für den besten Film – ausgezeichnet wurde, gilt er auch als heißer Tipp für die am 4. März stattfindende Verleihung der Academy Awards, bei der er in insgesamt sieben Kategorien ins Rennen um die Goldjungen geht: bester Film, bestes Originaldrehbuch, beste Hauptdarstellerin, zweimal bester Nebendarsteller, beste Filmmusik und bester Schnitt.
Das ist per se natürlich kein Merkmal eines oberflächlichen Films, doch steht der Film fast schon stellvertretend für die so genannte politisch korrekte, aber dadurch auch mutlose, im Mindesten überraschungslose Auswahl der Academy. Nach der unter dem Hashtag OscarsSoWhite wegen mutmaßlich fehlender Vielfalt vielgeschassten Verleihung 2016 verläuft dieses Jahr fast alles in erwartbaren, reibungslosen, aber immerhin vielfältigen Bahnen.

Selbiges gilt denn auch für Three Billboards Outside Ebbing, Missouri, der wie eine Konsequenz einer möglicherweise stark politisch motivierten Auswahl erscheint. Dabei verspricht die Prämisse Feines: Die 50-jährige Mildred Hayes (wunderbar schroff: Frances McDormand) stellt eines Tages große Werbeschilder in ihrer Gemeinde auf, so genannte Billboards, um auf das Versagen der örtlichen Polizei um Sheriff Bill Willoughby (Woody Harrelson) aufmerksam zu machen. Denn, so ihr Vorwurf, statt sich dem Mord an ihrer Tochter anzunehmen, verbringen die lokalen Gesetzeshüter ihre Zeit lieber mit der Schikanierung der afroamerikanischen Bevölkerung. Und tatsächlich entführt uns Regisseur und Drehbuchautor Martin in ein rassistisches, ausgrenzendes Nest, indem die toughe, unnahbare und doch verletzlich wirkende Mildred wie ein willkommener, energetischer Stachel hineinsticht.

SLEAZE + Three Billboards
…und deshalb sieht auch Sheriff Woody / Bill rot…
Liebe für Außenseiter, Verständnis für Rassisten

Die zumindest bei den Hauptcharakteren mit reichlich Spannungen und Zwischentönen gefärbte Figurenzeichnung ist dem irischen Dramatiker und Filmemacher denn auch vorzüglich gelungen, was sich besonders an Mildred und Bill bemerkbar macht. Es ist, als seien sie vor dem Hintergrund der vorurteilsverseuchten Provinz an ihre Rollen gefesselt, doch könnte man sie sich leicht befreit und herzlich in einem anderen, liberaleren Milieu vorstellen. Zudem schwingt die Liebe Martins für diese am Gesellschaftsrand lebenden (, aus dem Sichtfeld der selbsterklärten Hippen und Modernen der großen Küstenmetropolen verschwundenen) Menschen sanft mit. Allein für die dadurch (hoffentlich) entstehende Empathie gebührt ihm allergrößten Respekt.

Er inszeniert unter fast dauerhaft rauem, absurdem Dialogfeuer letzten Endes einen Krieg der Gerechtigkeit, sowohl der persönlichen Gerechtigkeit Mildreds als auch der damit einhergehenden gesellschaftlichen. Mildred wirkt letztlich als nicht aus sich heraus beabsichtigter, aber willkommener Torpedo gegen die zuweilen familiär einfach übernommenen, fragwürdigen Wertvorstellungen. Dies drückt sich besonders in dem unfähigen, impulsiven und in seiner kindlichen Unsicherheit gewissermaßen verloren wirkenden Polizisten Jason Dixon (Sam Rockwell) aus, einem Rassisten mit Mutterkomplex, in dem im Verborgenen ein kleiner, eigentlich herzensguter Junge schlummert.

Das störende Gerede in der Ruhe

Doch sind es für mich weniger die wortreichen Gefechte, die in warmer Erinnerung bleiben, denn in diesen zeigt sich gleichsam ein etwas zu überbordender Drang, die Geschichte unbedingt ins Absurde treiben zu wollen. Das mag die Handschrift Martin Donaghs sein. Man denke etwa an den ständig nörgelnden Colin Farrell in Brügge sehen…und sterben? oder sein skurriles Ensemble in 7 Psychos.

Doch der Hang zu eben jener Skurrilität fühlt sich manchmal an, als handle es sich um einen nicht in die Geschichte passenden, sondern eher gepressten Fremdkörper. Es sind dagegen vielmehr die zurückgefahrenen Momente des Innehaltens, wenn etwa Mildred vor ihren Billboards sitzt, unbeweglich in ihrer Überzeugung und dennoch angreifbar wirkend durch die im Gesicht gezeichneten Schwere ihres Lebens, in dem sie sich neben ihrer Gerechtigkeitsmission noch mit ihrem Womanizer-Ex-Mann Charlie (John Hawkes), dem depremierten Sohn Robbie (Lucas Hedges) sowie dem kleinwüchsigen Verehrer James (Peter Dinklage) herumschlagen muss. Auf ihren Schultern liegt in diesen Momenten die Last der Welt, welches Carter Burwell mit einem melancholischen, zum Teil schwermütigen Score wunderbar musikalisch zum Ausdruck bringt. Dieser erklingt wie eine raue, romantische Ballade des Wilden Westens im Heute.

SLEAZE + Three Billboards
…darüber muss geredet werden – manchmal leider zu viel.

Doch diesen Momenten ist vergleichsweise wenig Raum gegeben. Worte überlagern die Zärtlichkeit immerzu. Unbedingter Spleen tritt an die Stelle der charakterlichen Entfaltung. Dunkel gefärbter, komischer Dialog steht im Wechselspiel mit einem Vorantreiben des Plots, welcher zusätzlich wenig Zeit hat, sich innerhalb seiner relativ vorhersehbaren Form zu entfalten.

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri verpasst somit die Möglichkeit, mehr zu sein, als die Summe seiner Teile. Diese fügt Martin zu einem herzlichen Filmwerk zusammen, das an die Annäherung und Kommunikation zwischen den Menschen appelliert. Denn so entsteht erst das gegenseitige Verständnis, um Konflikte zu überwinden. Es ist aber auch etwas, das in seiner ständig komischen wollenden Wortfülle hie und da aus dem Tritt kommt und sich damit selbst ein wenig die Luft nimmt.

Alex

Titel: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri
Kinostart: 25.01.2018
Dauer: 115 Minuten
Genre: Drama, Komödie, Krimi
Produktionsland: Großbritannien, USA
Filmverleih: 20th Century Fox

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