Dr. Dres staubige Plattenspieler

Dr. Dres staubige Plattenspieler

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Dr--Dre-ArtworkViel zu lange hat man gedacht, Dr. Dres Studio würde langsam aber sicher einstauben. Obwohl er dort angeblich jeden Tag ganze acht Stunden zubrachte, um an seinem schon lange angekündigten Album „Detox“ zu arbeiten, wurde die Veröffentlichung immer weiter verschoben, weil der Master of Mixology einfach nicht mit sich und seinem Werk zufrieden war. Gut Ding will Weile haben, heißt es ja auch und Dre ist niemand, der sich mit halben Sachen zufrieden gibt.
Dabei hat er es mittlerweile gar nicht mehr nötig, selbst zu produzieren, um sich über Wasser zu halten. Als Ziehvater von Eminem und 50 Cent und natürlich durch seine omnipräsenten Kopfhörer, die den Bass noch ein bisschen doller in dein Trommelfell pumpen als alles andere, was der Markt zu bieten hat, hat er sich schon längst einen Namen gemacht und Kultstatus erreicht. Dr. Dre ist heutzutage jedem ein Begriff, auch außerhalb der HipHop-Szene.
Nach der Veröffentlichung des letzten Albums „2001“ aus dem Jahre 1999 ist es nun endlich soweit: Nach all der Warterei hat sich „Detox“ in Luft aufgelöst. Im Hause Dre hatte plötzlich ein Inspirationsschub der anderen Art eingesetzt. Die Dreharbeiten zu „Straight Outta Compton“, eine in Bildern erzählte Geschichte der aufsteigenden Hip-Hop-Szene in Amerika, beförderten Dre hochmotiviert direkt vom Set ins Studio. So ein kreativer Flow kommt nicht jeden Tag vorbei, sagt er selbst, und darf deshalb nicht aufgehalten werden. In mehr oder weniger einem Atemzug entstand so die am letzten Freitag erschienene Platte und stellt das Ende einer Ära dar. Dres großes Finale.
Schon am Donnerstagmittag konnte man auf Beats 1, dem Apple eigenen Radiosender, in den Soundtrack hineinlauschen.
Ganze 16 Jahre hat es nun also gedauert, bis der Begründer des G-Funk der Welt endlich „Compton. A Soundtrack by Dr. Dre“ präsentiert. Ein verdammt langer Zeitraum, wenn man sich mal überlegt, dass manch komplette Künstlerkarriere nicht einmal so lange Bestand hat. Und damit meinen wir nicht nur Lena Meyer-Landrut.
Für die CD, bei der er auf 13 von 15 Tracks auch selbst vorm Mic steht, hat er außerdem Ice Cube, Xzibit und Snoop, Eminem und einige andere altbekannte Namen, die einen ein wenig nostalgisch werden lassen, mit ins Boot geholt. Lockerer Westcoast-Vibe von funky bis Wummerbassbackground ist das, was wir von Dre gewohnt sind. „Compton“, von vielen als Revival des guten alten Oldschool-Hip-Hop erwartet, lässt dabei dennoch Samples früherer Tracks außen vor, die hier einige vermissen.Dr. Dre Pressebild 02 - CMS Source
Stattdessen bedient sich Dre natürlich tiefer Bässe und Versatzstücke aus raffinierten Groove-Klängen, die manchmal ein bisschen wehmütig wirken. Dazu hat er auch ein paar jüngere Talente eingeladen, ihm ihre Stimme zu leihen. Dabei war beispielsweise Kendrick Lamar gerade mal fünf Jahre alt, als Dre sein Debüt feierte, hat aber seinen festen Platz auf gleich mehreren Tracks des Albums.
Namen, die man sich außerdem ruhig mal notieren darf, sind Jon Connor, King Mendez und Justus, gerade erst bei Aftermath gesignt, die zu Dre aufschauen und ihm auch lyrisch nacheifern. Während Dre sein Album mit „I just bought California“ einleitet, geben seine Jünger mit „I want it all“ zu, dass sie Dres Größenwahn in nichts nachstehen. Dazu sorgen Dre-unlike abstrakte, atmosphärisch anmutende Tunes für Kontrast, die für Hip Hop stehen, wie er heutzutage besten Falls klingt. Hier sitzt alles am rechten Fleck.
Mit diesem Finale schaut Dr. Dre auf eine beeindruckende Biographie zurück. Während er als Jugendlicher unzählige Male umziehen und die Schule wechseln musste, bis er sich irgendwann in einem Housing Project in Compton wieder fand, stand immer seine Liebe zur Musik im Vordergrund. Er weiß, wovon er spricht, wenn er Sätze wie „Fuck the Police“ in den Mund nimmt und hat nicht nur so was wie eine bloße Ahnung davon, was das Gangleben ist, das ihn zu dem gemacht hat, was er ist. Dem, der es aus dem Pulverfass zwischen Ghetto und Knast rausgeschafft hat, auf kriminelle und skrupellose Jahre mit und ohne NWA zurückblicken kann – genauso wie auf harte Arbeit und unglaublichen Erfolg. Eine Variante wie des Tellerwäschers zum Millionär.
Dres letztes Album demonstriert sein Können noch einmal in all seinen Facetten und sagt uns, was er uns schon mit „Forgot about Dre“ klar machen wollte. Nämlich, dass er es verdammt noch mal drauf hat. Mit insgesamt zwar nur drei veröffentlichten Alben ist und bleibt Dre dennoch der Fadenzieher im Hip Hop und ist längst keiner mehr, der Gewalt, Dealerei und andere Schandtaten nötig hat. Trotz der langen Wartezeit klingt kein Track auf dem Album so angestaubt wie die vermeintlich im Stich gelassenen Turntables, die auf diesen kreativen Flow gewartet haben. „Detox“ haben wir vergessen.

Du bist neugierig auf den Film geworden? Bevor es Freitag ins Kino geht, gibt´s den Trailer:

Laurie

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