Dogman – Gassigehen Richtung Untergang

Dogman – Gassigehen Richtung Untergang

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SLEAZE + Dogman

Diese Augen. Es sind Augen voller Liebe, Sehnsucht, gleichsam Angst und Leere, Treue. Zitiert man den Ausdruck der altbekannten Hundetreue, so lässt der italienische Filmemacher Matteo Garrone (Gomorrah, Tale of Tales) seinen Protagonisten in seinem neusten Film Dogman in gleich mehrfacher Hinsicht selbst zum treu ergebenden Hund werden. Im Kern aber ist der Streifen vor allem ein ungemein bitteres Drama in einem tristen, peripheren Teil von Rom, der seine Hauptfigur eine brutale wie hochsensible Tour de Force durchschreiten lässt.

Tristesse nahe Rom

Der schmächtige Marcello (Marcello Fonte) arbeitet als ruhiger, höflicher und, wie er selbst sagt, von allen gemochter Hundepfleger in dem kleinen Ort an der Küste. Es ist ein unaufgeregtes, gewissermaßen heiteres wie tristes Leben, wie es anfangs scheint. Er hat eine Tochter, die offenbar überwiegend bei der Mutter lebt.

SLEAZE + Dogman
Die Hundehütte des Dogman

Und er dealt mit Drogen. Denn auch diese kriminelle Realität durchzieht Matteos Ort der Handlung, der mit den Postkartenmotiven der nahen Hauptstadtmetropole nichts gemein hat. Verfallene Häuser, ramponierte Wege und dunkle Spielhallen stemmen sich hier dem feuchten, grauen Meeresklima entgegen.

Man könnte meinen, die Kriminalität hängt wie eine brodelnde Gewitterwolke über dem Ort. Denn durch seine Verbindungen in die Unterwelt, allen voran die impulsive Urgewalt Simoncino (Edoardo Pesce), sollen ihn schließlich in einen lebensverändernden Sog ziehen.

Erinnerungen an Kafka

Wo beginnt Treue und wo endet sie? Ist es Angst oder Loyalität, die Marcello sich nicht aufbäumen lässt? Es sind viele Fragen, die Matteo aufwirft, aber glücklicherweise unbeantwortet lässt. Es liegt an dir. Der 50-Jährige Römer zeigt uns einen vom Lauf der Dinge Herausgeforderten mit einem großen Herzen, der sein Schicksal zumindest äußerlich ergeben annimmt.

SLEAZE + Dogman
Zwischen Mad Max und Blade Runner: der Dogman

Er erinnert mich ein wenig an gewisse Figuren von Franz Kafka, die zuweilen von irgendwelchen Kräften gesteuert zu sein scheinen oder dies jedenfalls selbst annehmen. Diese Kräfte können alles sein: massiv, winzig oder nicht vorhanden. Dogman könnte bei dir den Impuls auslösen, der dich innerlich schreien lässt: „Geh doch zur Polizei! Schließ dich deinen Freunden an und unternehmt was!“ Marcello hätte Möglichkeiten, nicht in die sich vor ihm öffnenden Pforten des drohenden Niedergangs zu treten. Die Kräfte zumindest abzuschwächen, die an ihm rütteln. So wie Franz Kafkas Figur des K. in Der Process eines Morgens mit absurden, angeblichen Polizeigestalten in seinem Zimmer aufwacht, die ihn samt nicht vorhandener Gründe verhaften wollen und dieser letztlich kleinbeigibt.

Ein Bild vom komplexen Menschsein

Matteo malt mit Dogman ein ungemein facettenreiches, widersprüchliches Menschenbild. Wir handeln in der Regel nicht logisch. Was uns zu Klischees macht, ist die Akzeptanz der von anderen dahergeschwindelten Stereotypen. Mit seiner für manche sicher seltsam anmutenden Devotheit und ihren Folgen durchkreuzt Protagonist Marcello solcherlei Klischeeisierungen.

Denn er handelt entgegen seiner zumindest objektiven Möglichkeiten, die ihn womöglich ein Stück weit befreien könnten. Aber Logik zählt eben nicht, das ist offenbar auch Matteo klar. Und immer wieder sind es die unendlichen Tiefen seiner Augen, der Matteo von seinem Kameramann Nicolaj Brüel eine schwere Lebenswucht verleihen lässt und den im Wettkampf stehenden Kräfte nachhaltigen Ausdruck verliehen.

SLEAZE + Dogman
Kontrastprogramm: Vater und Tochter vereint.

Dabei findet der Film auch immer wieder Raum für die herrlich befreiten, manchmal sonnendurchfluteten Momente wie mit seiner Tochter beispielsweise, die in einem starken Kontrast zur Gewalt und dem Drogenhandel stehen. In diesen Augenblicken schwebt er vielleicht nicht über, aber aus dem kriminellen Alltag seiner Existenz, der irgendwann bis zum Unaushaltbaren an ihm zerrt. Und so erreicht auch Dogman selbst eine schwerelose Schönheit inmitten einer brutalen Reise des Untergangs.

Alex

Titel: Dogman
Kinostart: 18.10.2018
Dauer: 103 Minuten
Genre: Drama, Thriller, Krimi
Produktionsland: Italien, Frankreich
Filmverleih: Alamode Film

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