Die Werbung der legalen Drogen

Die Werbung der legalen Drogen

100 Jahre Drogenwerbung. Alcohol & Tobacco zeigt die Entwicklung von Alkohol- und Zigaretten-Anzeigen.

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SLEAZE + Drogen

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Begehrt? Stinkende Frau mit langen Beinen.

Spricht man über Drogen, kommt man nicht um die Psychologie der Werbung herum. Gerade bei Zigaretten als einziger Droge, von der es in unserer Gesellschaft ok ist, dass man danach süchtig ist, sieht man den unglaublich wichtigen Faktor Werbepsychologie.

Das Buch Alcohol & Tobacco aus dem Taschen Verlag zeigt sehr eindrucksvoll, wie ästhetisch und subtil – und manchmal skurril – diese Verführung sein kann. Mit merkwürdigen Comic-Zeichnungen über patridiotische Militär-Unterstützung bis zu dem unlogischen Freiheitsding (Du hast die Freiheit, dich komplett von der Droge versklaven zu lassen…) hat die Drogen- und Werbeindustrie eine Menge ausprobiert.

Denn: Ohne den Status einer Marke wäre es keine Marke. Darum ist es so wichtig, diese Marken mit irgendwelchen Inhalten und Emotionen aufzuladen, auch wenn das öfter unter die Gürtel- und vor allem Jugendschutz-Linie ging. Da wird z.B. ein Weihnachtsmann abgebildet, der fröhlich seine Kippe raucht.

SLEAZE + Drogen
Warum nicht auch mal mit Spritze im Arm?

Die Zigarettenmarke Camel schickte sogar ein Comic-Kamel namens Joe Camel ins Rennen, womit man bereits im Kindesalter die Junkies der Zukunft für sich gewinnen kann.

Widerwärtig? Ja, das ist es. Manipulativ? Absolut! Zum Glück blendet Alcohol & Tobacco das nicht aus. Recht neutral geschrieben, gibt es aber hin und wieder doch ein paar Spitzen und Kommentare zu diesem legalen Drogen-System. So vergleicht das Buch die Gehirnwäsche der Werbeindustrie mit einem „gewissen Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda“.

Ein zweiter Blick zurück

Generell nimmt das Buch die 100 Jahre Rückblende ernst. Ein sehr ausführlicher Zeitstrahl führt am unteren Rand durch das 20. Jahrhundert. Es liefert interessante Info-Happen, die sich hervorragend für kleine Wortgefechte in der Bar eignen, wenn z.B. wieder mal ein Junkie das Rauchverbot ignoriert.

Wer nicht warten will, bis er das Buch endlich hat, bekommen hier einen kleinen VorGESCHMACK: Edward Bernays ist ein Neffe von Sigmund Freund – und Begründer der Public Relations. Er schrieb 1928 das Buch „Propaganda“ und laut Alcohol & Tobacco „kombinierte er bestimmte Ideale der Psychologie und Demokratie, um die Massen zu manipulieren.“ Klingt alles sehr vertraut, oder?

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Viele tolle Details machen das Buch noch besser und besser.

Aber auch wenn es klingt, als wäre das Buch ein Spielverderber (gut, für manchen Drogenliebhaber ist das hier schon harter Tobak) – Alcohol & Tobacco ist einfach unglaublich spannend. So erinnert es daran, dass während der Prohibition das Trinken von Alkohol nicht verboten war. Es gibt die schräge Information, dass 1915 Whiskey und Brandy von der offiziellen US-Medikamentenliste gestrichen wurde – was sicherlich heute noch einige schade finden.

Thomas Edison: „Ich stelle niemanden ein, der raucht.“

Ein weiterer, indirekter Aspekt: Der Vergleich zwischen den USA und Europa. Bereits 1965 führten die USA Gesundheitswarnungen auf den Packungen ein. Europa zog erst Jahrzehnte später nach, obwohl die Forschung inzwischen wusste, dass das nicht viel bringt.

Trotzdem sinken die Raucherzahlen, auch wenn es immer noch genug Deppen gibt, die sich mit der Kippe im Mund genüsslich ablichten (lassen), als Junkies profilieren und einen Werbebeitrag für Drogen liefern.

SLEAZE + Drogen
Pflichtkauf!

Aber wie auch immer: Alcohol & Tobacco ist ein Muss für jeden, der sich für Werbung, ihre manipulative Macht – und für Drogen interessiert.

danilo

Titel: Alcohol & Tobacco – 20th Century Alcohol & Tobacco Ads
Autor: Jim Heimann
Buch: Gebundene Ausgabe, 392 Seiten
Verlag: TASCHEN
Sprache: Mehrsprachig
ISBN-10: 3836566524
Preis: € 30

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