Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit?

Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit?

Tja, ist "Based on a true story" nun ein billiges, effektives Marketing-Werkzeug oder ein ordentlicher Schuss aus der Authentizitätsflasche?

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„Based on a true story“, „Nach wahren Begebenheiten“, „Based on real events“, „Inspired by…“ – Diverse Zusatzformulierungen bei Filmen und Serien weisen uns immer wieder auf einen faktischen Zusammenhang tatsächlich oder angeblich stattgefundener Ereignisse hin. Zuletzt erschien mit dem Sport-Drama Borg McEnroe ein Film vor wahrem Hintergrund. Doch was steckt wirklich hinter diesen allseits bekannten Phrasen?

Wenn Wahrheit Lüge ist

Zunächst lassen sich Based on a true story-Stoffe natürlich überaus effektiv vermarkten. Besonders düstere Geschichten über Serienkiller sowie ganze Filmgenres, vor allem der Horrorfilm, üben eine mutmaßlich noch größere Faszination auf das Publikum aus, wenn dieses in der Annahme den Kinosaal betritt, ihm stünde eine Abfolge sich real zugetragener blutiger, verstörender Ereignisse bevor. Ebenso verhält es sich mit scheinbar überlebensgroßen Geschichten berühmter Persönlichkeiten oder historischem Inhalt.

Fakt und Fiktion stellen sich allerdings nicht selten als überaus ungleiches, dramatisch voneinander entfremdetes Paar heraus. Man denke hierbei etwa an besonders unangenehme Biopics, in denen keine wahrhaftigen Menschen, sondern vielmehr heroische, ikonische Abziehbilder auf den Zuschauer losgelassen werden. Wenn beispielsweise sogenanntes „Genie“ und geistige Störung aufeinandertreffen, ist die prestigeträchtige Oscar-Nominierung oft nicht weit. So geschehen etwa im formal völlig generischen A Beautiful Mind (2001) mit Russell Crowe, dessen Plot angeblich vom Leben des Mathematikers John Nash erzählt, aber nicht mehr als eine miefige Lügengeschichte des Regisseurs Ron Howard zu bieten hat. John ist hier weniger Mensch als vielmehr durch und durch konstruierte Genie-Figur mit Schizo-Spleen. Für vier Goldjungen, darunter für den besten Film, hat‘s gereicht. Fraglich, ob es auch ohne den Bonus der im Hintergrund schwebenden Persönlichkeit geklappt hätte.

SLEAZE + Based on...
Ist nur ausgedacht. Nicht schlimm – aber warum tut man so, als ob die Geschichte real wäre?
Wenn Wahrheit wahr ist

Allerdings wäre es zu einfach, naiv und gleichsam unfair, jedem Streifen „basierend auf wahren Begebenheiten“ wirtschaftliches oder unehrliches Kalkül zu unterstellen. Manchmal ist der Kontext schlicht die Konsequenz der Vision des Filmemachers. Und welch anziehende Magie und betörende Strahlkraft daraus emporsteigen kann, zeigt sich u.a. dann, wenn ein Regiekaliber wie David Fincher Hand und Herz anlegt. 2007 erschien dessen periodisches Thriller-Drama Zodiac um die Jagd nach dem titelgebenden Zodiac-Killer, der Nordkalifornien in den späten 60er und 70er in Angst und Schrecken versetzte. Der Film ist ein geradezu immenses Schwergewicht an Recherchearbeit und atmosphärischer Dichte. David, der in seiner Kindheit selbst in der Gegend und dem Eindruck der Morde aufwuchs, gelingt es virtuos, diesen Zeitabschnitt greifbar werden zu lassen. Er dringt tief ins gesellschaftliche, kollektive Bewusstsein ein, behandelt den Umgang mit Informationen, und schafft somit ein über die Ära hinausgehendes Filmod historisch dokumentierter Geschichte.

SLEAZE + Based on...
Es geht auch authentischer… – Zodiac

Das führt unweigerlich zu dem Schluss, dass das Siegel „Based on a true story“ und ähnliche schlicht ein weiteres, sich im Optimalfall aus der Folgerichtigkeit ergebendes Filmelement im Schaffensprozess darstellt. Ein erzwungener Einsatz, etwa wegen rein kommerzieller Interessen, entblößt sich in seiner Plumpheit für gewöhnlich ohnehin rasch und zerfällt in sich als poröses Lügenkonstrukt.

Vom kreativen Potenzial gezielter Lüge

Ohne Zweifel liegt dem Stempel „Wahre Geschichte“ ein extrem virales Potenzial inne, das durch bewusste Irreführung das Publikum geschickt manipulieren und den betreffenden Film mit zusätzlicher Energie für eine mythologische Dimension speisen kann. Eines der populärsten Beispiele in der jüngeren Filmgeschichte stellt sicherlich der Found-Footage-Horror The Blair Witch Project aus dem Jahre 1999 dar. Dieser erzählt vom Verschwinden dreier Filmstudenten, die in die Wälder Marylands fahren, um eine Dokumentation über die titelgebende Blair-Hexe zu drehen. Die offizielle Internetseite kreierte damals durch falsche Polizeireporte, gefakten Nachrichten-Interviews und Kinderfotos der Schauspieler einen realistisch anmutenden Mythos. Dieser gewann zusätzliche Anziehungskraft durch das Verteilen von Suchblättern, auf denen die drei „vermissten“ Hauptdarsteller zu sehen waren, während der Vorführungen. Die Filmdatenbank IMDb listete die Akteure während des ersten Jahres der Verfügbarkeit des Films als „vermisst, vermutlich tot“. Vor dem Kinostart erschien zusätzlich die Curse of the Blair Witch betitelte Mockumentary (ein heutzutage populäres Genre) um die vermeintlich wahren Hintergründe der Hexe.

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In jeder Hinsicht clever umgesetzt – Blair Witch Project

Es zeigt sich also, dass „wahre“ Stoffe letztlich auch das Filmmedium selbst widerspiegeln. Es kann ebenso kreativ ge- wie dreist ausgenutzt werden. Und final liegt die Verantwortung ebenso bei uns. Nicht nur, was die Auseinandersetzung mit Informationen betrifft. Sondern auch dahingehend, wie wir Filme wahrnehmen. Das Medium selbst ist, von der dringlichen Vision eines Schöpfers getragen, in sich eine Abstraktion der Wirklichkeit, ein Funke dessen, was da draußen ist, ob mit oder ohne faktischem Hintergrund. Es als diese zu verstehen und, viel wichtiger, zu erleben, dürfte auch den fruchtlosesten „Fakten-Filmen“ endlich den faulen Zahn ziehen und gleichzeitig den aus Visionen geborenen Filmen mit historischer Wahrheit die Anerkennung zugestehen, die sie verdienen.

Alex

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