Die Unglaublichen 2 – Konform bis zur Unglaublichkeit

Die Unglaublichen 2 – Konform bis zur Unglaublichkeit

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SLEAZE + Die Unglaublichen 2

Disney macht ernst. Im Juli feuerte der Mäusekonzern Guardians of the Galaxy-Regisseur James Gunn, nachdem alte, kontroverse Tweets von ihm auftauchten. Eigentlich hätte der 52-jährige Filmemacher auch den ursprünglich für 2020 eingeplanten dritten Teil in Szene setzen sollen.

SLEAZE + Die Unglaublichen 2
Unfreiwillig gefangen im Disney-Korsett?

Doch was hat die Aufregung um den Marvel-Streifen und dem vom Hofe Gejagten eigentlich mit einer Besprechung zu Die Unglaublichen 2 zu tun, der Monate nach dem US-Start nun auch in den deutschen Kinos anläuft? Beide Ereignisse zeugen von einer Bankrotterklärung an die Kreativität, in der im Zuge eines stets „familienfreundlichen“ Images Fehltritte à la James Gunn oder künstlerische „Ausreißer“ offenbar unerwünscht sind.

Kein Herz für Ausreißer

Man stelle sich folgendes Szenario vor: Du erzählst von Helden, die sich mit aller Kraft den dunklen Kräften dieser Welt widersetzen. Es geht um Familie, den Zusammenhalt und damit konsequenterweise auch ums Vergeben. Wir machen „Fehler“, suchen unseren Platz in der Welt, wenngleich die Mittel zuweilen verzweifelt, lächerlich, billig wirken können.

Das Scheitern an sich und der Welt scheint mir eine nicht zwangsläufige, wohl aber folgerichtige Konsequenz in der Auflehnung gegen Uniformität und indoktriniertes Denken zu sein. Es möge einem verziehen sein. Doch lies einmal, was Alan Horn, Vorstandsvorsitzender bei Disney, zu James‘ Rauswurf zu sagen hatte (via The Hollywood Reporter):

Die verstörende Haltung und Äußerungen, die in James Gunns Twitter-Feed entdeckt wurden, sind nicht zu verteidigen und passen nicht zu den Werten unseres Studios, und wir haben unsere Geschäftsbeziehung mit ihm beendet.

Gefangen in der Komfortzone

Zugegeben: Er, der sich eigenen Aussagen nach zu Beginn seiner Karriere als Provokateur verstand, machte Witze über Vergewaltigung und Pädophilie. Ein heikles Thema, aber was ist das heute nicht? Doch ohne vorige Aussprache seinen Mitarbeiter, womöglich Freund, unmittelbar vor die Tür setzen? Seine Haltung, basierend auf uralten Aussagen, die bis ins Jahr 2008 zurückreichen, verstörend nennen?

Nein, bei Disney ist kein Platz für Ausreißer. Da verwundert es nicht, dass die Animationsschmiede Pixar, die seit 2006 in vollständiger Hand von Micky Maus & Co. ist, mit Die Unglaublichen 2 abermals eine verpuffende Erzählvariation des Bekannten abliefern.

Der Streifen steht in der Tradition des Geschäftskredos einer „familiären Massenkonformität“. In dieser Komfortzone hat nicht nur der Ex-Guardians-Regisseur keinen Platz, sondern ebenso wenig die kreative Entfaltung des so ideenreichen Animationsstudios aus Emeryville.

Pixar begeistert mit dem Kurzfilm vor Die Unglaublichen 2

Es ist bezeichnend, wenn der für Pixar traditionell vor dem Hauptfilm gezeigte Kurzfilm, ohne diese wunderbare Filmform kleinzureden, deutlich lauter und eindringlicher nachhallt. Beim filmischen, vermeintlich kleinen Compagnon handelt es sich in diesem Fall um „Bao“, der von einer gealterten und einsamen, chinesisch-kanadischen Mutter erzählt, die durch einen zum Leben erwachenden Baozi, eine Art Teigtasche, eine erneute Chance zur Mutterschaft erhält. Innerhalb seiner acht Minuten erzählt er schwungvoll vom Gewicht des Alleinseins und der Wucht familiärer Beziehungen. Von einer solchen Wucht ist in Die Unglaublichen 2 für mich nichts zu spüren gewesen.

Die Geschichte um die Superhelden-Familie Parr setzt an, wo der Erstling 2004 aufhörte: In einer anfänglichen Sequenz, die frappierend an das effekthascherische Superhelden-Kino der Moderne erinnert, stellen sie sich mit vereinten Kräften dem Tunnelgräber entgegen.

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Kontraste: romantischer Abendhimmel vs. Ermüdungsspektakel

Doch dieser bildet nur den Auftakt des darauf Folgenden, indem es die Parrs mit einer verschwörerischen Bedrohung rund um den hypnotischen Screenslaver sowie der Frage nach der Legitimität von Superhelden zu tun bekommen. Während sich Vater Bob aka Mr. Incredible (im Original von Craig T. Nelson gesprochen) daheim um die Erziehung der Kinder kümmert, nimmt sich seine Frau Helen / Elastigirl (Holly Hunter) den Gefahren der Welt an.

Disneys widersprüchliche Familienpropaganda

Nun hat sich die Technologie in den vergangenen 14 Jahren gehörig weiterentwickelt und nie erstrahlten die Anzüge der Unglaublichen in einem kräftigeren, betörenderen Rot. Die Licht- und Farbengewalt sind ein Wunder der modernen Computermöglichkeiten. Doch unter der äußeren Hülle kommt das enge Kreativkorsett zum Vorschein, aus dem sich Mr. Incredible & Co. nicht befreien können.

Der alte Handlungsbogen ist von Anfang an auf das unausweichliche Ziel ausgerichtet und rast genau zu dem von ihm angepeilten Punkt zu. Ohne Überraschung, Witz und Mut. Ein wenig mehr Spektakel hier, ein paar mehr Charaktere da und überhaupt eine Prise mehr Krach und Kawumm und voilà: Ein Nachfolger ward geboren.

Es geht mir nicht darum, die Arbeit der Beteiligten, die sicher sehr viel Herz in ihr Projekt gesteckt haben, klein zu machen. Ihnen gebührt aller Respekt. Nein, es ist die Konformität des Erzählens, die in Die Unglaublichen 2 besonders vor dem Hintergrund des umsatzeffektiven „Familienbildes“ Disneys in unglaubliche Höhen (oder vielmehr Tiefen) emporsteigt bzw. abstürzt.

Denn die familienpropagandistische Harmonie, die James Gunn zum einen den Kopf kostete, ist zum anderen ein essenzieller, erzählerischer Bestandteil des Unglaublichen-Nachfolgers und vieler anderer Filme aus Disney-Hause.

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Auch Mr. Incredible weiß nicht, wie ihm geschieht

Das mag nun ein jeder finden, wie er möchte, doch ich ziehe das Unerwartbare dem zu Erwarteten vor. In diesem Kontext heißt es vielleicht noch besser: Das Unglaubliche schlägt das Glaubhafte. Davon sind die Unglaublichen aber auch in ihrem zweiten Teil unglaublich weit weg. Es mieft gewaltig im verstaubten, aber umsatzstarken Disney-Stall, der keine schwarzen Schafe…Mäuse!…wünscht.

Alex

Titel: Die Unglaublichen 2
Heimkinostart: 27.09.2018
Dauer: 118 Minuten
Genre: Animation, Komödie, Action, Abenteuer, Science Fiction
Produktionsland: USA
Filmverleih: Disney

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