Die Outlaw-Ballade des 21. Jahrhunderts: Queen & Slim

Die Outlaw-Ballade des 21. Jahrhunderts: Queen & Slim

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Juli 2014: Der 43-jährige Afroamerikaner Eric Garner stirbt bei einem Polizeieinsatz in New York an den Folgen eines der Polizei eigentlich verbotenen Würgegriffs. Angeblich hätte er illegal Zigaretten verkauft. Seine letzten Worte waren „I can’t breath“. Als der Asthmatiker regungslos auf dem Boden liegt, unternahm keiner der zahlreichen anwesenden Polizisten einen Wiederbelebungsversuch.

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Immer der gleiche eklige Mist!

Im August desselben Jahres wird der 18-jährige Michael Brown mit sechs Kugeln erschossen. Er war ebenfalls Afroamerikaner, und ebenfalls starb er grundlos. Drei Monate später wird ein 12-jähriger von einem Polizisten erschossen, weil er eine „täuschend echte“ Spielzeugpistole in Hand hatte. Auch er war schwarz. Und im Dezember stirbt Rumain Brisbon bei einer Polizeikontrolle, als er in seine Gürteltasche greift, um an seine Medizin zu kommen. Vier Fälle von Polizeigewalt in einem Jahr.

Polizeigewalt ist scheiße. Rassistisch motivierte Polizeigewalt ist doppelt scheiße. Die Ausrede, dass man durch seine Vorurteile denkt, dass man “bedroht wird”, ist schon eine merkwürdige Logik. Erst recht aber sollte niemand die durch die Polizeimarke verliehene Macht für eine hirnrissige Ideologie missbrauchen.

Leider passiert beides aber offensichtlich ziemlich oft. Und leider bringt die Polizeimarke noch eine andere Sache mit sich: das Führen einer Waffe. Oft ist das absolut keine gute Kombination. Diese gefährliche Kombi ist der Ausgangspunkt von Melina Matsoukas Regie-Debüt.

Aus Versehen Copkiller

Aber eins nach dem anderem. Im Zentrum des Films stehen die beiden titelgebenden Protagonisten, Queen und Slim. Die beiden treffen sich zum ersten Mal zu Beginn einer schicksalsträchtigen Nacht in einem Diner für ein Tinder-Date. Es läuft eher so mittelmäßig, beide könnten kaum unterschiedlicher sein: Slim ist Schuhverkäufer, halbwegs braver Christ, Familienmensch und im Grunde einer von der positiven Sorte. Queen hingegen ist Anwältin, hat zu viel gesehen von der Welt und eher eher vom Kaliber: „Ich lass nichts an mich ran.“

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Vor Vorteilen wohl nie gefeit: (männliche) Afroamerikaner

Und wie man es von den meisten Tinder-Dates kennt, läuft das ganze irgendwie ins Nichts hinaus. Slim fährt sein Date nach Hause, und es ist wohl beiden klar, dass es vermutlich kein zweites Treffen geben wird. Aber dann funkt die eingangs erwähnte gefährliche Kombination dazwischen.
Die beiden wegen irgendeinem Käse von einem rassistischen Polizisten angehalten, die Lage eskaliert und Queen wird angeschossen. Slim rangelt mit dem schießwütigen Cop, wobei dieser dummerweise durch die eigene Kanone getötet wurde. Ein noch frustrierender Ausgang für ein Date als alleine nach Hause zu gehen.

Was danach folgt, ist das klassische Bonnie und Clyde-Szenario: Die beiden flüchten vor der Polizei durch die amerikanischen Südstaaten. Das Ziel ist Kuba. Was sie aber von dem legendären Gangster-Pärchen unterscheidet: Sie haben eigentlich überhaupt keinen Bock darauf, Outlaws zu sein. Wenn es darum geht, Geld oder einen Fluchtwagen aufzutreiben, sind sie doch eher zögerlich und ballern nicht wild um sich.

Während sie also durch den düsteren Süden ziehen und sich selbstverständlich etwas näher kommen (Überraschung), bekommen sie mehr Zuspruch als erwartet, denn die afroamerikanische Community sieht die beiden als eine Art Galionsfigur des anti-rassistischen Aufstands. Und so kommt es, wie es kommen muss… schon bald zu Unruhen. Und all das bloß, weil Slim nicht geblinkt hat…

Roadmovie mit Message

Queen & Slim macht vieles richtig, aber fast genauso viel falsch. Richtig war zum Beispiel das Schauspiel. Die beiden Hauptdarsteller sind gut gecastet, der Brite Daniel Kaluuya (Get Out) passt mit seinen großen treuen Augen gut in die ihm zugeteilte Rolle und die Newcomerin Jodie Turner-Smith macht auch keine schlechte Figur. In Nebenrollen schauen sogar Flea von den Red Hot Chilli Peppers und Chloe Sevigny kurz vorbei.

Außerdem zeigt der Film durchaus einige wichtige Aspekte der afroamerikanischen Identität. An manchen Stellen wirkt das etwas aufgesetzt, aber oft bekommt man ein Gefühl dafür, wie die Community durch Unterdrückung, Ausbeutung und Ausgrenzung ihre eigene Kultur entwickelt – und was diese für das Individuum bedeutet.

SLEAZE + Queen & Slim
Outlaws wider Willen: Slim & Queen

Gut ist hierbei, dass es Autorin Lena Waithe gelingt, die man bisher hauptsächlich als Schauspielerin in Master of None kennt, eine solche Thematik aufzugreifen, ohne gleich die Moralkeule zu schwenken. Ab und zu wackelt sie aber etwas damit.

Zu cool?

Am wichtigsten scheint dem Film aber sein eigener Style zu sein. Da merkt man eindeutig, das Regisseurin Melina Matsoukas bisher mit Musikvideos ihre Brötchen verdiente. Alles ist überstilisiert, jede Kamerafahrt ist gewollt „anders“. Zum Teil wirkt es, als hätte ein Filmstudent eine Liste mit allen Kunstgriffen der Filmgeschichte geschrieben, und diese wurde nach und nach abgearbeitet.

Das funktioniert in manchen Szenen hervorragend. In vielen anderen ist es aber einfach zu viel. Wenn man die dritte Sequenz mit einer statisch gefilmten Autofahrt durch die Nacht sieht, die mit bedeutungsschwangerem Dialog und sphärischer Musik unterlegt ist, ist man mehr gelangweilt als beeindruckt. Und so gestaltet sich leider der Großteil des Films.

Aber das ist verkraftbar. Queen & Slim ist nicht unbedingt ein Film, über den man noch lange nachdenkt, aber es ist definitiv auch kein Film, den man sofort vergisst. Wer die übertriebene Coolness ignorieren kann, bekommt einen schicken Genre-Film mit einer wichtigen Botschaft und einer ordentlichen Portion Unterhaltungswert. Eine Gangsterballade, die gut ins 21. Jahrhundert passt.SLEAZE.queen-and-slim

Simon

Titel: Queen & Slim
Veröffentlichung: 21.05.2020

Laufzeit: 131 Minuten

Sprachen: Deutsch, Englisch

Regie: Melina Matsoukas

Hauptdarsteller: Daniel Kaluuya, Jodie Turner-Smith, Bokeem Woodbine

Studio: Universal Pictures Germany GmbH

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