Die Guten, die Bösen – und die Maori

Die Guten, die Bösen – und die Maori

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Das gefallen Schachgenie Genesis Potini (Cliff Curtis)

So eng das neuseeländische Kino auch mit Peter Jackson und den Welterfolgen seiner Mittelerde-Verfilmungen rund um J.R.R. Tolkiens Der Herr der Ringe und Der Hobbit verbunden sein mag, so vielfältig ist die Filmszene hinter dem Vorhang von internationalem Massenhype und Blitzlichtstakkato. Regisseur James Napier Robertson erzählt in The Dark Horse (dt. Titel: Das Talent des Genesis Potini) von einer Based on a true story-Geschichte, irgendwo angesiedelt zwischen Milieustudie, menschlichem Drama und Heldennarrativ.

Dabei stellt der Protagonist nicht jene Heroenfigur massenmedial geprägter Vorstellungen dar. Genesis Potini ist ein zutiefst mitfühlender, liebenswerter Hüne, der in einem ständigen Kampf mit sich steht – und zuweilen gegen die Räder der Windmühlen einer verkrusteten Gesellschaftsnorm. Das von manischer Depression gezeichnete Schachgenie ist noch immer ein Meister seines Spiels, doch wirft James seine Hauptfigur in Umstände, die eher einem kurz vor der Eruption stehenden sozialen Vulkan gleichen. Ein schwieriges, aber enges Verhältnis pflegt er bald zu seinem Neffen Mana, der als emotionaler Anker in die Geschichte geworfen wird und die persönlichen wie äußeren Konfliktherde verdichtet. Schließlich droht der Junge sich und sein Leben im Dienste einer nihilistischen Biker-Gang wegzuwerfen.SLEAZE+thedarkhorse2

The Dark Horse ist trotz seines sportlichen Hintergrunds kein Film über Schach. Das so genannte Spiel der Könige übernimmt vielmehr stellvertretend die Rolle bzw. das Sinnbild einer erlösenden oder zumindest Hoffnung spendenden Katharsis, die es zu erreichen und umzusetzen gilt. Als gravitatives Epizentrum kreisen seine Figuren um dieses herum und geraten zum Teil auf ferne Bahnen, auf denen James vor allem von Tristesse und bitterer Hoffnungslosigkeit erzählt. Trost und Mut finden sie im Schachclub „Eastern Knights“, der von Genesis und seinem Kumpel Noble initiiert wurde, um vernachlässigten oder verwaisten Kindern und Jugendlichen eine Aussicht oder wenigstens Ablenkung aus ihrem nichtigen Alltag zu ermöglichen. Mit der Aussicht der Teilnahme auf ein großes Schachturnier in Auckland nimmt sich Genesis der „Außenseiter“ an.

Der Zuschauer weicht dem Hauptakteur dabei nicht von der Seite. Der Regisseur setzt fast ausschließlich auf kontinuierliche Nähe, wodurch der Film einen Hauch Dokumentarisches erfährt. Er verzichtet auf ruhige und bis ins kleinste Detail überlegte Bildkompositionen, sondern bewegt sich stets mit dem Geschehen und ist dabei auch dem Einsatz künstlichen Lichts abgeneigt. Mitunter findet man sich so auch in einem spärlich beleuchteten Raum wieder, der höchstens noch die Schemen seiner in ihm befindlichen Figuren offenbart. Aus diesem cinematischen Realismus zieht der Film eine naturalistische und raue Schönheit, die in einem außerordentlich symbiotischem Verhältnis mit ihrem schwierigen Setting steht. Der Neuseeländer interessiert sich insbesondere für die Offenlegung der nackten Emotionen und ihre oft ambivalenten Windungen. Deren Schroffheit findet Ausdruck in der undekorierten Inszenierung, die erfreulicherweise auch nicht in die Falle des Pathos tappt, sondern ihrer Dramaturgie vielmehr mit ungeschliffener, aufrichtiger Ehrlichkeit denn glänzend manipulativer Emotionalisierung begegnet.

SLEAZE+thedarkhorse3Entscheidend am Erfolg der Umsetzung dieses Vorgehens ist hier das Darsteller-Ensemble, das ausdrucksstark von James‘ Landsmann Cliff Curtis angeführt wird. Der auch international regelmäßig in Erscheinung tretende Neuseeländer (z.B. Sunshine von Danny Boyle) mimt seine Hauptfigur mit solch facettenreicher Intensität, indem er stets zwischen nervöser Anspannung, tiefer Traurigkeit und hemmungslosem Glück wandelt. Seine oft humorvolle Darstellung findet ihren Gegenpart in Momenten aufrichtiger zwischenmenschlicher Intimität, wobei dem größten Part hier Schauspielkollege James Rolleston zukommt, der als Gens Neffe Mana zu sehen ist und nicht weniger überzeugend die Widersprüche seines Charakters offenzulegen weiß. Daneben findet der Film seine berührenden Höhepunkte vor allem im Zusammenspiel von Curtis und den zahlreichen Kinder- bzw. Jugenddarstellern, zwischen denen sich schnell eine herzlich-ungeschönte Dynamik entwickelt, sowie die angespannten Konfrontationen mit seinem Filmbruder Ariki, in seinem Filmdebüt vom Straßenmusiker Wayne Hapi verkörpert, der darauf erpicht ist, seinen Sohn Mana in die vulgäre, lebensverachtende Biker-Gang zu integrieren. Hier treffen Nihilismus und Resignation auf Herzlichkeit und Obsession, was eine fortwährend knisternde Spannungskonzentration nach sich zieht.

Interessanterweise gesteht James seinem Film einen leicht spirituell berührten Ansatz zu. Genesis schmückt seine Trainingseinheiten mit der Mythologie der Maori, Neuseelands indigenem Volk. Auf diese Folklore wird sich wiederkehrend bezogen, was sie schnell als Symbol des Vorhabens Genesis‘ manifestiert, „seinen“ Kindern und auch sich selbst neuen Mut und eine hoffnungsvolle Zukunft zu geben. In einer intensiven Parallelmontage etwa schafft es der Regisseur durch den Vortrag einer altertümlichen Geschichte im Zusammenspiel passender Bilder den Kern der Geschehnisse parabelhaft auf den Punkt zu bringen. Hier beweist James Robertson neben einer reinen emotionalen auch inszenatorische Klasse, die der filterlosen Regie nicht nur entblößtes Gefühl, sondern auch Virtuosität verleiht. Wenngleich das eine mit dem anderen gewiss stets auf verschiedenste Arten verwoben ist. Und es ist der (erneute) Beweis dafür, dass in neuseeländischen Produktionsstätten nicht nur mächtige Ringe geschmiedet oder auenländische Kräuter geraucht werden, sondern eine faszinierende Filmwelt außerhalb Mittelerdes existiert.

Alex Warren

Titel: Das Talent des Genesis Potini (OT: The Dark Horse)
Regie: James Napier Robertson
Dauer: 124 Min.
VÖ: 16.06.2016 (dt. Kinostart)
Verleih: Koch Media

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