Die Grenze von Raum und Zeit

Die Grenze von Raum und Zeit

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Im Science-Fiction-Film Mission ISRA 88 – Das Ende des Universums fliegen der aus Starship Troopers bekannte Caspar Van Dien (Rico!) und Sean Maher als Astronauten ans Ende des Universums. Der Film spielt, klar, in einer Zukunft, in der solche Reisen möglich sind. Was hoffen sie dort zu finden? Nun ja, falls unser Universum nicht schon immer bestand, könnte man, fände man einen Rand, z.B. feststellen, wo es entstanden ist! Doch dazu später mehr. ISRA 88 ist ein „Straight-to-DVD“-Release, und das bedeutet meist nichts Gutes. Solche Filme waren entweder nicht gut genug, um es ins Kino zu schaffen, oder floppten bereits in einem anderen Kinomarkt wie den USA und kommen daher bei uns von Anfang an nur auf DVD raus. Im Falle von ISRA 88 war das Ganze wohl von Anfang an als klassisches Low-Budget-B-Movie angelegt.

Ein retro Sci-Fi-Film?

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Ein Meilenstein des Set-Designs

Denn richtig gut sieht in ISRA 88 eigentlich nur eins aus: Die Außenaufnahmen des Raumschiffes der beiden Astronauten auf ihrem Flug durchs All. Irgendwo logisch, da diese Einstellungen auch am Computer und somit günstiger produziert werden konnten. Innen sieht allerdings wenig „raumschiffig“ aus. Der ganze Film ist sowieso ein Kammerspiel: Man sieht hauptsächlich die beiden Astronauten auf ihrer langen, langen Reise innerhalb des Schiffes. Umso wichtiger wäre hier ein gelungenes Set-Design. Doch dieses Schiff wirkt wie eine schnell zusammengezimmerte Kulisse.

Es ist schon erstaunlich, wenn man zu den Sternen und darüber hinaus fliegen kann, dass dann die Uhren an Bord aussehen wie diese altmodischen Radiowecker, bei denen die Zahlen immer Ziffer für Ziffer weiterspringen, indem sich eine Art Karte weiterklappt. Digitaluhr? Fehlanzeige. Möchte man mal ins Weltall hinausschauen, benutzt man eine Art Periskop wie auf einem U-Boot. Vorteil: Die eine Einstellung zeigt den Astronauten, wie er durchs Periskop guckt, die nächste zeigt, was er sieht. So muss man nicht das Weltall in ein Fenster hinter den Schauspielern kopieren, denn das ist technisch aufwändig und damit wiederum teuer.
Auch der Fernseher, auf dem sich die Astronauten zuweilen alte Sendungen reinziehen, stammt maximal aus den 80er Jahren, so alt, schwarz-weiß und winzig klein ist der Kasten. Auch die Bordküche besteht nicht etwa aus futuristischem Material, sondern die Holzklappfächer (!) sehen aus wie straight von Ikea und sind es höchstwahrscheinlich auch. Doch das Beste sind die Computer: Eine Tastatur wie bei einem PC vor fünf bis zehn Jahren? Klar doch. Winzig kleine Bildschirme, auf denen DOS-mäßige Ausgaben erscheinen? Auch das würde zu einem retro Science-Fiction-Film passen, doch dieser möchte ISRA 88 eigentlich gar nicht sein – oder müsste, um zu einem wahren Nostalgie-Streifen zu werden, eben die Außenaufnahmen anders aussehen lassen, beispielsweise auch mit kleinen realen Modellen hergestellt wie damals bei Star Wars oder Raumschiff Enterprise.

So ist der Kontrast zwischen Innen- und Außenaufnahmen schlicht zu groß. Andere Einträge ins Genre trumpfen dagegen auf mit neuartigen Mensch-Maschine-Interfaces, Hologramm-Bildschirmen, die frei im Raum stehen, oder sogar Bordcomputern, die ein eigener Charakter sind, eine Stimme haben und mit den Astronauten an Bord sprechen (2001 – A Space Odyssey). Hier ist Science-Fiction weitergedachte „Zukunftsmusik“ und dann in seinem wahren Element.

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Wie zuhause: Kampf um die Fernbedienung

Klaustrophobie an Bord

Dafür punktet ISRA 88 jedoch mit einer wahnsinnig ausgefeilten Story, die alle Ausstattungsfehler wieder wettmacht, oder? (Denn schließlich braucht man für eine gute Story nicht viel Geld, sondern nur viel Hirn.) Bedingt! Die Grundidee bzw. Prämisse des Films von einer Reise zur (nach derzeitigem Wissensstand) allerletzten Grenze des menschlichen Entdeckerdranges, dem Ende von allem, ist super und frisch. Aber das ist ja eher der Aufhänger des Films. Letztlich spielen die überwiegenden Szenen an Bord und beschäftigen sich mit der zwischenmenschlichen Dynamik der Astronauten. Die beiden haben nämlich Lagerkoller bzw. die U-Boot-Krankheit: Sie sind jahrelang zu zweit in einem winzigen Raum gefangen. Noch dazu sind es zwei sehr unterschiedliche Charaktere: Caspar ist Soldat. Wenn morgens der Wecker klingelt, springt er aus dem Bett und macht erst mal Liegestütze. Danach geht’s los: Ein Protokoll will abgearbeitet werden, eine Checkliste durchgegangen. Der Typ ist richtig gestresst und kann nie locker lassen, spult immer weiter sein Programm ab.

Das ist – als normaler Mensch – schwer zu ertragen, und so kippt sich Wissenschaftsoffizier Sean, je länger die Reise geht, einen Schnaps nach dem anderen rein. Eigentlich fing auch er mal als adretter junger Offizier an, doch von seiner Anlage her ist er eher ein nachdenklicher Charakter und driftet, Reisejahr für Reisejahr, weiter ins Trübsinnige ab. So ist dicke Luft an Bord vorprogrammiert. Zur Mannschaftstimmung passt auch das Missionsziel, denn es steht unter Sinnlosigkeitsverdacht. Ihre Mission ist es zu fliegen, bis man keine Sterne mehr sieht. Das bringt der Film auch schön rüber: Später in der Mission sieht man „die Sterne“ nur noch „im Rückspiegel“ als kleinen Lichthaufen, alles andere drumherum ist Dunkelheit. Doch was, wenn sich das Universum schneller ausbreitet, als das eigene Schiff fliegen kann? Dann kommt man nie an.

Fragen an die Unendlichkeit

sleaze-isra-883Doch sie kommen mal an! Über dieses Herzstück des Films möchte ich nicht zu viel verraten, schau’s dir selbst an. Aber mal so ganz allgemein gesprochen: In ISRA 88 scheinen zwei Erklärungsansätze zu konkurrieren für die Existenz (und damit auch Grenze) dieses Ortes, an dem wir leben, nämlich eben des Universums: Gott (oder ein anderes „höheres“ Wesen) sowie die Physik. Denn es sind ja noch so einige Fragen offen: Gab es das Universum schon immer? Falls nicht: Wo und wie und warum ist es entstanden? Huhu, mir wird schwindlig! Von unserem heutigen raumzeitlichen Standpunkt aus und mit unserer derzeitigen Technik können wir hierüber nicht wirklich informiert Auskunft geben. Doch die Vermutungen und Theorien überschlagen sich: Hat etwa Gott den Urknall „angestoßen“, und gibt es diese Wesenheit dennoch, auch gar nicht etwa im Widerspruch zu Erklärungen der Physik? Oder ist das Universum in einer Art hochenergetischen Suppe entstanden eben durch einen Urknall und breitet sich seitdem weiter aus? So sehen es die Physiker wie beispielsweise der Medien-Professor Harald Lesch (Alpha Centauri), der unter anderem vermutet, dass es zehn hoch 49 Paralleluniversen geben könnte. Oder aber, schon ein wenig esoterischer, „teilt“ sich die Realität gar bei jeder kleinsten Wahl bzw. Entscheidung in zwei Paralleluniversen, in denen jede Möglichkeitslinie weiter besteht? Ich setz mich mal lieber hin.

Trotzdem kein guter Film

Diese Fragen sind – zumindest für Nerds – hochspannend. Aber oft genug kommen sie in ISRA 88 nicht vor. Die Reise an die Grenze drückt sich im Film durch Timeloops und unsichere Realitäten aus, doch die Storys an Bord langweilen eher. Wer dann noch so viel Potenzial über die einfallslose Bord-Inneneinrichtung verschenkt, nicht mal auf anderen „Nerd“-Gebieten punktet (man könnte z.B. den Schiffsantrieb mehr thematisieren, der Asteroiden anzusaugen scheint) und auch noch so offensichtliche Sci-Fi-Sakrilege begeht wie das Interview mit der Erde, bei dem Fragen und Antworten in Echtzeit aufeinander folgen (Merke: Bereits zum Mars würde ein Dialog bestehend aus einer Frage und einer Antwort sechs Minuten dauern.)… Nimmt man das alles zusammen, hat man einfach keinen guten Film – nicht mal einen, den man getrost Nerds empfehlen kann. Naja, vielleicht noch den absoluten Super-Hardcore-Nerds, aber sonst niemandem. Schade!

Robert

Titel: Mission ISRA 88 – Das Ende des Universums
Regie: Thomas Zellen
Laufzeit: 120 Min.
VÖ: 19.09.2016 (DVD, Blu-ray)
Verleih: KSM

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