Die Edlen zwischen den Harten

Die Edlen zwischen den Harten

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Entspannt. Das war das Motto des Abends. Passt nicht wirklich zu dieser Musik, könnte man meinen. Letztens fand im Huxley‘s in Berlin ein Konzert der Metalcore-Band Bring Me The Horizon statt. Als Support-Act hatten sie neben Beartooth auch PVRIS dabei. Der Name wird genauso ausgesprochen wie Paris, nur gab es rechtliche Probleme mit einem anderen Musiker, also wurde das A einfach auf den Kopf gestellt.

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Unsere Maurin ergänzt PVRIS perfekt!

Ich habe mich vor der Show mit den drei Amerikanern in ihrer Garderobe getroffen. Als ich reinkam, war Sängerin Lynn noch dabei sich zu schminken, während Bassist Brian nebenan am Tischkicker zockte und Gitarrist Alex die letzten Minuten vor dem Konzert schon auf der Couch verbrachte. So entspannt sind PVRIS vor einer Show, bei der Moshpits garantiert sind und sie das Publikum unterhalten müssen, nachdem Beartooth mit Hard- und Metalcore schon richtig Feuer gemacht haben und das, obwohl sie ganz andere Musik machen als ihre beiden Mitstreiter-Bands. Mit ihrer speziellen Mischung aus Pop, Rock und Elektro haben sie es irgendwie geschafft, die Rock- und Metalfans in ihren Bann zu ziehen. Nach diesem Gespräch und vor allem dem Konzert fiel es mir auf jeden Fall leichter nachzuvollziehen, was die Faszination von PVRIS ausmacht.

Könntet ihr euch einmal gegenseitig vorstellen und etwas nennen, dass ihr sehr an euren Bandkollegen schätzt und etwas, dass ihr eher nervig findet.

Lynn: Also Brian ist eigentlich immer gut drauf und er sorgt immer für gute Stimmung.
Alex: Ich hab nichts Nettes zu sagen. Nein, Lyndsay macht immer alles sauber. Sie sorgt dafür, dass alles immer ordentlich und organisiert ist.
Lynn: Toll, bin ich also kein netter Mensch?
Brian: Lynn ist einfach ein wunderbarer Mensch.
Lynn: Ach, halt den Mund.
Brian: Sie ist großartig, sie ist lustig. Sie ist so liebenswürdig und so feinfühlig.
Lynn: Okay, ich gehe raus.
Brian: Sie ist einfach wie eine kleine Blume.
Lynn: Brian weiß nie, wovon er redet.
Brian: Ich war einfach nur nett.
Lynn: Nein, warst du nicht.
Brian: Doch, klar.

Das klingt schon so, als wäre es für euch nicht immer so leicht, euch zu einigen. Fällt es euch schwer, Entscheidungen gemeinsam zu treffen?

Alex: Wir sind uns natürlich immer alle einig.
Brian: Ja, wir sind alle auf der gleichen Wellenlänge. Hat man ja eben gehört.

Ihr seid schon auf Tour gewesen mit wirklich erfolgreichen Bands wie Mayday Parade, State Champs, Sleeping with Sirens und sogar auf der Warped Tour in den USA. Wart ihr schon mal richtig eingeschüchtert von vorneherein oder aufgeregt, jemand Bestimmtes zu treffen?

Brian: So wirklich nervös, jemanden kennenzulernen nicht. Aber wahrscheinlich waren wir von den großen Bühnen eingeschüchtert.
Lynn: Ich war definitiv nervös am ersten Tag der Warped Tour. Wir sollten eigentlich auf der kleinen Bühne auftreten und erst am Morgen des Auftritts wurde uns gesagt, dass wir jetzt doch auf der Hauptbühne spielen und unseren Kram schnell rüberbringen sollen. Und wir dachten nur: Ach, du Scheiße. Also, überhaupt bei der Warped Tour dabei zu sein und dann noch Hauptbühne.

Was kann man denn von den großen Bands dort lernen?

Lynn: Wir lernen auf jeder Tour extrem viel.
Alex: Ja, du lernst einfach durch die Erfahrungen.

Dann lasst ihr euch nicht direkt Tipps geben, sondern lernt beim Zuschauen und selber spielen?

Lynn: Ja, man sollte immer aufmerksam sein und alles aufsaugen. Niemand hat uns geholfen am Anfang und uns gesagt, das und das müsst ihr wissen. Es ist wahrscheinlich auch besser, wenn man sich alles selbst beibringt. Man muss alle Möglichkeiten mitnehmen. Einfach wie ein Schwamm sein und alles aufsaugen.

Ihr seid jetzt schon über einen Monat mit Bring Me The Horizon auf Tour. Wir seid ihr aufgenommen worden von ihren Fans?

Alex: Sehr gut, sie begrüßen uns mit offenen Armen und sind wirklich nett zu uns. Ich habe auch das Gefühl, wir haben viele gemeinsame Fans.

Das ist schon überraschend. Eure Musik ist ja wirklich komplett anders, auch im Vergleich zu anderen Rockbands.

Lynn: Ja, das stimmt schon, aber gleichzeitig gibt es auch manchmal viele Gemeinsamkeiten. Besonders die neuen Sachen von Bring Me The Horizon sind auch elektronisch und ich glaube, ihr Publikum hat das auch akzeptiert. Deshalb passt das auch ein bisschen zu unserem Sound.

Trotzdem unterscheidet ihr euch ja stark von anderen Bands, mit denen ihr oft in Verbindung gebracht werdet. Denkt ihr, dass das Rock- und Metal-Genre oder die Bands selbst nicht offen genug oder zu engstirnig sind, um andere Einflüsse zuzulassen und Neues auszuprobieren?

Lynn: Ich weiß nicht so genau, weil ich will niemanden schlecht machen oder etwas Negatives sagen, aber ich glaube, viele haben Angst, über den Tellerrand zu schauen. Sie wissen, was für sie funktioniert und was die Leute mögen. Sie wissen auch, was einfach ist und sich verkauft. Deshalb glaube ich, viele bleiben einfach bei dem, was sie machen. Aber wir sind so, dass wir uns niemals einschränken wollen und denken, dass man immer über den Tellerrand schauen muss und machen kann, was man will. Ich glaube nicht, dass viele Künstler genauso denken. Viele denken auch so wie wir, aber manche nicht. Ich würde wahrscheinlich nicht direkt engstirnig sagen, aber vielleicht haben sie Angst, ein Risiko einzugehen.

Und das, obwohl das Publikum ja sehr offen für vieles zu sein scheint.

Lynn: Ja, die nehmen neue Sachen wirklich super auf und ich glaube, vielen Bands ist das nicht wirklich klar.

Ihr habt schon auf riesigen Bühnen gespielt wie auf der Warped Tour und heute spielt ihr im Vergleich dazu in einem relativ kleinen Saal. Was ist euch denn lieber?

Brian: Beides hat etwas. Es gibt Shows, die sind sehr intim in kleinen Clubs und bei größeren Bühnen hast du das Gefühl, du kannst mehr geben an das Publikum.

Was sind die negativen Sachen?

Lynn: Ja, da gibt es auch ein paar Dinge. In kleineren Clubs ist der Sound meistens schlechter. Beides ist einfach komplett anders.

Mit welchem Gefühl soll das Publikum heute Nacht nach Hause gehen, nachdem ihr gespielt habt?

Brian: Hoffentlich hauen wir sie um.
Alex: Ja, sie sollen tanzend und lachend nach Hause.
Lynn: Ich hoffe, die Leute fühlen sich auch anders. Sie sollen sich sicher fühlen und einfach eine besondere Erfahrung gemacht haben.

Was seht ihr denn am liebsten, wenn ihr auf der Bühne seid? Ist es euch lieber, wenn es Moshpits gibt oder die Leute euch anschauen und mitsingen?

Lynn: Alles! So lange Energie dahinter steckt.
Alex: Und die Leute Spaß haben.
Brian: Ob sie springen oder rumsitzen und uns anstarren ist egal, solange sie es genießen.
Alex: Wenn man die Leute anschaut und ihr Gesichtsausdruck nicht leer ist, dann kannst du es sehen.
Lynn: Aber wenn ich mir Leute im Publikum raussuche und sie angucke, also eine Grimasse ziehe oder sie anlächle, dann holen sie ihre Handys raus und nehmen das auf. Das verwirrt mich immer. Also manchmal kann man nicht sagen, was sie denken. Den Fehler habe ich nämlich auch schon mal gemacht, dass ich dachte, wenn sie so abwesend schauen, haben sie keinen Spaß. Aber manche Leute genießen einfach aufSLEAZE.PVRIS.Albumcover diese Weise

Euer Album „White Noise“ kam vor gut einem Jahr raus und die Texte handeln oft von Geistern und Dämonen. Glaubt ihr an Übernatürliches oder Schicksal?

Lynn: Wir glauben an alles. Ich glaube auch, dass alles zusammenhängt, also Schicksal, Glaube und Humanismus. Wir sind einfach wirklich offen für alles.

Der Name eures Albums „White Noise“ ist auch sehr interessant, bezogen auf den dunklen Sound und die teilweise düsteren Texte. Was fasziniert PVRIS so an Gegensätzen und Kontrasten?

Lynn: Für mich ist es so, dass ich die Kombination mag und dunkel und hell zusammen hat etwas Schönes, egal ob lyrisch oder visuell. Eine Balance dazwischen zu finden ist wichtig. Es ist einfach wichtig, das Dunkle zu akzeptieren, aber auch das Helle. Ich habe das Gefühl, das hört man auch bei unserer Musik.

Lynn, einer deiner Lieblingskünstlerinnen ist Caitlin Hackett. Haben auch andere Kunstformen wie Malen und Zeichnen Einfluss auf eure Musik?

Lynn: Ich glaube, da gibt es nichts wirklich Bestimmtes. Aber ich habe viele Sachen gesehen aus dem 18. Jahrhundert und im Avantgarde-Stil. Es sind nicht direkt die Künstler, sondern visuelle Dinge und Themen, die inspirieren. Es sind die Ideen, das Visuelle und das Gefühl, dass sie vermitteln, die wir vielleicht auch versuchen, in unsere Musik einzubauen.

Für das Publikum seid ihr sehr schnell erfolgreich geworden in England und Amerika. Ging es für euch auch so schnell oder habt ihr bereits jahrelange Arbeit in die Band reingesteckt?

Lynn: Es fühlt sich schnell und lang gleichzeitig an.
Alex: Ja, auch wenn man darüber nachdenkt kann es beides sein. Wenn man zurückblickt, denkt man, das ging wirklich schnell, aber gleichzeitig haben wir auch mehrere Jahre daran gearbeitet, was wir machen wollen. Es ist einfach verrückt, wie sich alles so plötzlich entwickelt hat.
Lynn: Es ist einfach so viel Arbeit hinter den Kulissen, die die Leute draußen nicht mitkriegen. Aber trotzdem hatten wir einfach total viele Möglichkeiten sehr schnell hintereinander. Also es ging schon schnell, aber auf der anderen Seite haben wir wirklich viel Arbeit reingesteckt.

Nächstes Jahr geht ihr auf Tour mit Fall Out Boy. Wie hat sich das ergeben?

Lynn: Das war einfach totaler Zufall. Wir haben unsere Tour gestartet mit Bring Me The Horizon und einer unserer Manager war da und hat mir erzählt, dass Fall Out Boy uns gerne auf ihre Tour mitnehmen wollen. Er war schon richtig beunruhigt, weil ich es nicht geglaubt habe. Dann hat er es Brian erzählt und er hat einfach gelacht.
Brian: Einfach, weil ich es für so unwahrscheinlich hielt.SLEAZE.PVRIS.Foto2
Alex:
Ich hab auch gelacht, weil Brian hat es mir erzählt und er gelacht hat. Obwohl nein, zuerst hat er mich raten lassen. Aber das hätte ich nie erraten können.
Brian: Dann mussten wir nochmal kurz weg und auf der Rückfahrt zum Club lief Fall Out Boy im Radio.
Lynn: Ja das war wirklich lustig. Aber die Tour kam wirklich aus dem Nichts. Normalerweise ist das ein ewiger Prozess, der lange dauert, aber sie haben uns einfach direkt gefragt.

Dann steht nächstes Jahr auch eure eigene Tour an. Was ändert sich, wenn ihr nicht nur die Vorband seid?

Alex: Es wird eine gute Show!
Lynn: Es wird ein Abend designt von uns. Es ist wirklich viel persönlicher, als wenn wir vor einer anderen Band spielen. Wir investieren viel Zeit und die Produktion wird gut. Ich will aber nicht zu viel verraten, es wird hoffentlich eine besondere Erfahrung.

Gibt es denn dann auch neue Lieder oder vielleicht sogar ein neues Album?

Alex: Vielleicht, man weiß ja nie.
Brian: Es ist möglich.
Lynn: Im Moment ist der Fokus natürlich „White Noise“, aber wir arbeiten immer an neuen Sachen.

Gibt es noch etwas, dass die Leute, die euch noch nicht kennen, unbedingt über euch wissen sollten?

Brian: Ja wir sind PVRIS und haben ein Album, das heißt „White Noise“. Es kam letztes Jahr raus. Und wenn das jemand hören möchte, kann er das gerne tun.
Lynn: Wir sind manchmal einfach Klugscheißer und sagen, findet das selber raus.
Brian: Ja, ich bin ein ganz ernster Klugscheißer.

Um an diese letzten Worte anzuschließen, kann ich nur sagen, dass du dir PVRIS wirklich mal genauer anschauen und anhören solltest. Besonders Frontfrau Lynn hatte schon in diesem kleinen Raum wirklich eine besondere Ausstrahlung, was sich bei der Show im Anschluss nur bestätigt hat.

Maurin

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