Die betörende Zärtlichkeit der Affen

Die betörende Zärtlichkeit der Affen

TEILEN

Gänsehaut erschüttert den ganzen Körper, die erste Träne bahnt sich den Weg übers glatt rasierte Gesicht. Nach nur wenigen Minuten setzt Planet der Affen: Survival eine emotionale Kaskade in Gang, die uns durch die insgesamt knapp zweieinhalb Stunden des Trilogie-Abschluss treibt.
Nach den Ereignissen in Planet der Affen: Prevolution (2011) und Planet der Affen: Revolution (2014) scheint der Krieg zwischen Mensch und Affe unausweichlich. War for the Planet of the Apes heißt denn auch der weitaus treffendere Originaltitel des Films. Es geht um nichts weniger als den Ausweg vor einem drohenden Holocaust, mit dem sich die von Caesar angeführte Affen-Gesellschaft konfrontiert sieht.
Regisseur Matt Reeves zeigt mit seinem 150 Millionen US-Dollar schweren Werk eindrucksvoll, das Großproduktionen mehr sein können als ein Sammelsurium an belangloser Klopperei und zur Schau gestellter Dümmlichkeiten. Er gesteht dem Blockbuster als solchen eine von äffelnder Menschlichkeit beseelte Tiefe zu, die betört und aus der Fassung bringt.

SLEAZE + Planet der Affen: Survival
Caesar scheint wütend.

Das Herz der Affen

„Affen wollen keinen Krieg“, verkündet Caesar gegenüber einer Gruppe überlebender Menschen noch inbrünstig im Vorgänger Planet der Affen: Revolution. Ironischerweise hat sich unsere Spezies selbst erst in den verzweifelten Überlebenskampf katapultiert, nachdem sich unsere haarigen Verwandten in Planet der Affen: Prevolution vom selbstgeschaffenen Versuchskaninchen zum selbstbestimmten Volk aufgeschwungen haben und ein in Form eines für den Homo sapiens tödlichen Virus entstandenes Nebenprodukt große Teile der menschlichen Zivilisation niedergerafft hat.
Nachdem Rupert Wyatt im ersten Teil der Reboot-Trilogie noch die Ursprünge des Konfliktes in den Mittelpunkt stellte, nahm sich Matt Reeves bereits in Revolution den Umgang mit dem apokalyptischen Status quo an. Zusehens verschärfte er die angespannte Situation zwischen den Parteien, die nun in Planet der Affen: Survival ohne Ausweg scheint. Denn ein von Woody Harrelson zwischen Wahnsinn und Kaputtheit verkörperter, mit eiserner Hand führender Colonel erklärt die totale Vernichtung der Affen zum Heiligen Krieg. Währenddessen plant Caesar mit seinen Gefährten die Wanderung an einen sicheren Ort. Doch als einige Familienmitglieder während eines nächtlichen Angriffs niedergemetzelt werden, wird der Prinzipien-treue Führer selbst mit Hass, Rache und somit seinen dunkelsten Niederungen konfrontiert.

SLEAZE + Planet der Affen: Survival
Colonel Woody duldelt keine andere Primarten-Art neben sich…

Matts Film bewegt sich dabei irgendwo im Genre-Nebel zwischen Kriegsdrama und Rachestory, wobei die Darstellung der Affen-Zivilisation als große, reflektierende Projektionsfläche unseres eigenen Daseins fungiert. Im Grunde, und das zeigte der US-Amerikaner schon in Revolution, stellt er uns mit Caesars Gemeinschaft eine ungemein funktionstüchtige, auf Familie, respektvollen Zusammenhalt und emotionale Bündnisse geschmiedete Gesellschaft dar, die so weit von der angstgeleiteten Hyperhysterie der Menschen entfernt ist und auf dem Kredo gründet, dass keiner seinesgleichen je getötet werden darf. Jede Berührung, jeder Blick, jeder Laut und jedes Wort zeugen von tiefer, verständnisvoller Verbundenheit. Dinge, die auch uns im Grunde naturgegeben, aber im Alltag durch Automatisierungs- und Egozentrikprozesse völlig abhanden gekommen sind. Wir wissen nicht miteinander umzugehen. Vielleicht hat es der moderne, abgelenkte Mensch nie gewusst. Mindestens aber verlernt. Umso weitgreifender umgarnen die für jedermann verständlichen, oftmals unausgesprochenen Gesten der Affen unser Herz. Matts Survival zeugt von einer feinfühligen, zärtlichen Nähe, die zu Tränen rührt.

Ape-Ocalypse Now

Zu Beginn des Films werden wir Zeuge eines auf den Punkt effektiv inszenierten Angriffs auf Caesars Zuhause, bei dem zudem klar wird, dass sich Artgenossen inzwischen der brutalen Auslöschungsdoktrin des Colonels angeschlossen haben. Als Caesar danach durch sein vom Kampf gezeichnetes Heim geht, ist es, als durchwatete man die Schützengräben historischer Kriege. Großes Lob gilt hier der technisch überragenden Umsetzung. Andy Serkis, der für Peter Jackson einst schon King Kong und Gollum Leben einhauchte, schlüpfte auch diesmal via fotorealistischem Motion-Capturing-Verfahren in die Rolle des Affenanführers. Inzwischen ist auch Caesar selbst zunehmend vom ständigen Kampf gezeichnet und erinnert nicht nur wegen seines inzwischen mit grauen Härchen versehenen Bartes an einen Abraham Lincoln, der mit der Last des (Bürger-)Krieges auf seinen Schultern über die von zahlreichen Körpern gezeichneten Schlachtfelder streift. In seinem von feuchten Augen und grimmigem Blick dominierten Gesicht blicken wir in die ganze Dimension dieses scheußlichen Konfliktes. Die Zeit des Kampfes ist endgültig gekommen.

Nachdem er sich nach dem späteren Massaker an seiner Familie gemeinsam mit wenigen Verbündeten auf Rachemission begibt und die Festung des Colonels erreicht, wird klar, dass es seinesgleichen auf ihrer Flucht nicht ins erhoffte Paradies geschafft hat: Von den Menschen gefangen, missbraucht sie Woody Harrelsons Figur nun als sklavische Arbeitskräfte, um eine schützende Mauer zu bauen. Unter Schneefall, Kälte und ohne Nahrung sehen sie sich dem ständig lauernden Tod ausgesetzt. Caesar avanciert im Folgenden zu einer Art Erlöserfigur, dem Befreier, der das Volk ins gelobte Land führen will, wie einst Moses die Israeliten aus Ägypten. Matt überspannt dieses religiöse Motiv allerdings niemals, zumal der Mensch als antagonistische Kraft nicht einfach nur ein Hort des Bösen darstellt. Woodys Colonel ist in Planet der Affen: Survival, so viel sei verraten, zwar ein Monolith des Wahnsinns. Aber wahnsinnig des Schmerzes und der Familie wegen. Das verbindet ihn schließlich tief verborgen mit den Affen. Er ist eine Art moderner Colonel Kurtz (Marlon Brando) aus Apocalypse Now, auf den der Film tatsächlich wortwörtlich anspielt: „Ape-Ocalpyse Now“ ziert eine Wand innerhalb des furchtbar dreckigen Lagers. In Form eines kleinen, stummen Mädchens eröffnet Matt Caesar sogar früh die letzte Möglichkeit, doch noch etwas Gutes im Feindbild zu sehen.

SLEAZE + Planet der Affen: Survival
Ab und zu denken macht Sinn.

Der Regisseur selbst zementiert mit Planet der Affen: Survival dabei eindrucksvoll seinen Status als einen der talentiertesten, aufregendsten Big-Budget-Filmemacher unserer Zeit. Seine Regie wie Erzählung sind von einer Konsequenz, in der Pathos nicht zum Brechen, sondern zum Bejubeln anregt. Er findet einen Rhythmus, der gekonnt zwischen Kontrasten à la romantisch-tragischer Sterbeszene inklusive Blumen-Ansteck-Moment und Impressionen einer Kreuzigung balanciert. Sein Ton ist ein dunkler wie hoffnungsvoller, zwischen Ausweglosigkeit und Opferbereitschaft schwingender, der auch zutiefst zynische Momente nicht scheut. Stell dir vor, du müsstest dem Tode nahe unter den Klängen der US-Hymne den Zwangsdienst in der feuchten Eiseskälte antreten, der aus dem Schleppen kaum zu stemmender Gesteinsbrocken besteht. Michael Giacchinos (Alles steht Kopf) erneute musikalische Komposition fungiert während dieser filmischen Reise als verlässlicher, einfühlsamer Gefährte und folgt mit brodelnden Kriegstrommeln, zarten Klavierklängen und elegischen Bläsern treu diesem Weg. Dass Matt dabei nicht nur zusätzlich ikonische Action-Momente auf die Leinwand zaubert, sondern noch der Versuch auflockernder Komik erfolgreich gelingt, offenbart viel über das weitreichende Einfühlungsvermögen des Regisseurs, der zuvor u.a. den Found-Footage-Katastrophenfilm Cloverfield (2008) und das romantische Vampir-Drama-Remake Let Me In (2010) drehte sowie für den neuen Solo-Film um DCs Batman verantwortlich zeichnen wird.

Planet der Affen: Survival sticht so aus der Suppe Fabriken-ähnlicher Großproduktionen nicht nur klar heraus, sondern beschert Hollywood einen strahlend leuchtenden Beweis dafür, wie ein 150-Millionen-Budget sinnlich und intelligent genutzt werden kann. Der Film ist ein Denkmal der Zärtlichkeit, Existenz und Reinheit. Eine auf die Leinwand projizierte und sich ins Herz brennende Vision des Kinos, was im Übrigen für die gesamte Trilogie gilt. Voller Spannung, Weisheit und Herz schreitet dieser Planet der Affen auf dem Pfad seiner Vorgänger weiter und führt uns erneut in die atemberaubenden Seelenhöhen der Kinomagie. Ein Triumph des Kinos voller düsterer, strahlender Schönheit. Ein ungebändigtes Meisterwerk der womöglich herausragendsten Filmreihe der Moderne.

Alex

Titel: Planet der Affen: Survival
Kinostart: 03.08.2017
Dauer: 140 Minuten
Genre: Action, Abenteuer, Drama, Sci-Fi, Thriller
Produktionsland: USA, Kanada, Neuseeland
Filmverleih: 20th Century Fox

KEINE KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT