Die Abriss-Birne: das Desertfest 2019

Die Abriss-Birne: das Desertfest 2019

TEILEN

Schwarzes Leder. Lange Mähnen. Müde Gesichter. Schnauzbärte, absurde Mengen Bier und fieser Rock ’n’ Roll. Wenn man das um sich herum vorfindet, kann das im Grunde eigentlich nur zwei Sachen bedeuten.

SLEAZE + Abriss-Desertfest 2019
Hallas lässt erhallen!

Entweder man ist mithilfe eines Lochs im Raum-Zeit-Kontinuums irgendwie zurück in die 70er Jahre gereist, oder aber – und das ist nun doch etwas wahrscheinlicher – man ist dank des öffentlichen Nahverkehrs auf das gute alte Desertfest nach Alt-Treptow in Berlin gereist.

Da interdimensionales Reisen allerdings bekanntlich erhebliche Schäden an der Gesundheit verursachen, ist man vermutlich mit letzterem doch etwas besser beraten (obwohl, das viele Bier…aaah sei’s drum!).

Und alle, die unserem Rat auch dieses Jahr gefolgt sind, werden es definitiv nicht bereut haben. Denn nach diesen drei Tagen voller Dauerparty und musikalischem Overkill bleibt einem nur noch eins zu sagen: Wow, war das ein Abriss!

SLEAZE + Abriss-Desertfest 2019
Half beim Abriss: Jesus aka Kikagaku Moyo

Oder zumindest so etwas in der Richtung. Wo man letztes Jahr hier und dort vielleicht noch ein klitzekleines bisschen meckern konnte, wie etwa bei dem saublöden Token-System oder dem teils recht schwachen Sound, konnte man nach der diesjährigen Edition wirklich absolut nichts melden. Außer eben: „Wow, war das ein Abriss!“

Die Arena wurde endlich angemessen genutzt!

Statt zwei Bühnen in der großen Halle gab es jetzt dort nur noch die Mainstage, was definitiv zum Vorteil war, denn so wurde der Merch- und Bar-Bereich erheblich vergrößert. Sogar ein kleiner Biergarten hatte Platz.

Als zweite Stage durfte der altehrwürdige Spreedampfer Hoppetosse herhalten, der vor der Arena seit Jahren eine feste eigenständige Größe als Event-Location ist.

So konnte man direkt an der frischen Luft den Bands lauschen, was definitiv besser ist als den ganzen Tag in der dunklen Halle zu verbringen. Einziges Problem hierbei war nur die frische Luft selbst. Die war nämlich tatsächlich ziemlich frisch. Wenn man den Klimawandel mal gebrauchen kann, ist er nicht da. Typisch.

Abriss 1: Der Irrsinn geht los

Aber alles halb so wild, es gab ja genug Bands, die auch die verfrorenste Frostbeule aufheizen konnte. Den Startschuss fürs Festival gab sogar der Teufel höchstpersönlich. The Devil and The Almighty Blues lockten schon am frühen Nachmittag die ersten Gäste in die Arena. Solider Bluesrock mit einer schönen psychedelischen Note. Durchaus schmackhaft.

Richtig interessant wurde es allerdings erst danach, mit dem Einweihen der Bootsbühne durch die Legende selbst. Wino, Doom-Urgestein der Extraklasse, durfte dort nämlich mit seinem Akustik Programm auftreten. Nur mit der Gitarre und seiner gewaltigen Stimme bewaffnet, zeigte der Metal-Gott, dass man nicht immer verzerrte E-Gitarren braucht, um heavy Heavy zu spielen.

Und das Ganze dann auch noch auf einem Boot, das war schon etwas Besonderes. Ein Blick in die Runde der Anwesenden bestätigte das: Hippies wie Metalheads, einträchtig nebeneinander, voll im Bann der düsteren Akkorde.

Das nächste Highlight, vor dem Headliner-Gewitter, das noch folgen soll, spielen Earthless. Die Jungs lieferten einen durchaus vertretbaren Jam ab, der leider schon viel zu schnell zu Ende war.

SLEAZE + Abriss-Desertfest 2019
What the Hallas?

Macht nichts, denn nach einer kurzen Umbauphase, die am besten mit einem leckeren Burger aus der Fressmeile überbrückt wird, spielen Witch. Und man, haben die abgeliefert. Riffs so fuzzy, dass man sie schon fast durch die Luft schwirren sehen kann. Die Stonermetaller haben eine dermaßen gute Laune beim Spielen, dass es einfach eine Freude ist, ihnen zuzusehen. Allerspätestens, als sie zum Finale ihren Gassenhauer „Seer“ zockten, ist die Masse am Kochen.

Schön aufgeheizt und mit Bock auf mehr stürzt der gemeine Besucher erst einmal in Richtung Bar, um sich noch schnell das ein oder andere Kaltgetränk in den alten Gierschlund zu schütten, bevor es dann auch schon wieder weitergeht mit dem ganzen Wahnsinn.

Denn als nächstes sind schließlich All them Witches an der Reihe, eine der Bands, die in den letzten Jahren zu regelrechten Szenegrößen geworden sind. Bluesiger Stonerrock, leicht verträglich, aber definitiv groovy genug, um ein bisschen mit den Hüften zu wackeln.

Dagegen sind Colour Haze, die als Letztes spielten, schon fast ein Gegenprogramm. Ein psychedelischer, ewig währender Jam. Ein wahres Fest für Musiknerds.

Abriss 2: Der Irrsinn geht weiter

Die wohl beste Band des Festivals betrat dann Samstagnachmittag die Bühne. Hällas. Eine unglaubliche Band. Gekleidet in Fantasieklamotten und Makeup, spielen die Schweden einen ziemlich eigentümlichen Rock irgendwo zwischen Wishbone Ash, Rainbow und dem Herrn der Ringe.

Was jetzt erstmal ziemlich abenteuerlich klingt, kann aber definitiv überzeugen. Nur schade, dass die Retrorocker schon so früh am Festivaltag ihr Set spielten. Wäre durchaus was für den Abend gewesen.

Weitere Leckerbissen folgten in Form von The Shrine, die in etwa wie die Ramones auf Speed klingen, und die griechischen Naxatras, die eine schöne Stonerrock-Meditation hinlegen, welche sich durchaus in Form von herrlich duftenden Dampfwölkchen aus dem Publikum manifestierten.

SLEAZE + Abriss-Desertfest 2019
The Shrine am schrein.

Draußen war derweil die Party in voller Stimmung. Sogar Karaoke gibt es für die, die meinen, es besser zu können als die Profis auf der Bühne. Allerdings hielt sich die Motivation der Menschentraube um die Maschine herum etwas in Grenzen, und so musste hauptsächlich der DJ selbst herhalten, was der Knabe auch tapfer durchhielt.

Nach den japanischen Kikagaku Moyo, die sogar eine Sitar im Gepäck hatten, war dann auch endlich der Moment gekommen, auf den alle gewartet haben: Fu Manchu rockten die Bühne.

Die kalifornischen Stonerlegenden fegten durch die Halle wie ein gottverdammter Hurricane. Eine unfassbare Stimmung im Publikum, das Pit verwandelte sich schnell in eine Art Desertschlacht, es war das reinste Massaker. Absolut irre. Wer nach diesem Konzert nicht völlig verschwitzt und verstaucht gewesen ist, war nicht wirklich da.

Abriss 3: Der Irrsinn geht zu Ende

Den Abriss vom Vortag konnte man den meisten Besuchern am Sonntag definitiv ansehen. Ein guter Teil der Anwesenden musste entweder mit einem fiesen Kater kämpfen oder einem stechenden Schmerz in der Leistengegend. Was aber trotzdem niemanden davon abhielt, auch am letzten Tag noch einmal so richtig los zu machen.

Auch musikalisch wurde wieder richtig was geboten. Blackwater Holylight, eine Frauenband aus Portland, zeigten zum Beispiel auf der Hoppetosse ihr Können. Düstere Klanglandschaften mit perfekt eingesetztem Synthesizer-Klängen und einem treibenden Rhythmus, der einen direkt ins Land der Träume entführt.

Währenddessen fetzten innen Electric Citizen ordentlich ab. Frontfrau Laura hat ihre Hausaufgaben wirklich gut gemacht, jeder Move sieht irre cool aus und die Truppe strotzt nur so von Bühnenpräsenz.

SLEAZE + Abriss-Desertfest 2019
Fu vor psychedelischem Manchu.

Am Sonntag gab es auch endlich mal etwas Doom in Form von The Skull auf die Ohren. Die Supergroup um den ehemaligen Trouble-Sänger Eric Wagner servierten eine köstliche Riff-Suppe mit dem ein oder anderen leckeren Solo. Am besten war aber natürlich ihr Encore, bei dem sie den Trouble-Klassiker „The Tempter“ zum Besten gaben.

Om durften dem Festival dann schließlich den Sarg zunageln. Al Cisneros Bass- und Schlagzeug-Wahnsinn dürfte auch wirklich ein würdiger Abschluss gewesen sein. Die vor orientalischen Klängen nur so strotzende Mucke ist wirklich etwas ganz besonders, und nach dem Konzert schwebte man geradezu aus der Halle.

Das könnte allerdings auch an der Menge der bewusstseinserweiternden Substanzen gelegen haben, die vor der Bühne ihre Runden machten.

SLEAZE + Abriss-Desertfest 2019
Ich in Trance – oder so ähnlich!

Es waren also wieder mal drei absolut fantastische Tage in der Wüste. Das Desertfest ist und bleibt einfach eins der besten Festivals in der Szene. Es bleiben praktisch keine Wünsche mehr übrig. Bis auf eins! Wieso ist das nur einmal im Jahr!?!?!

Text: Simon Ludwig
Fotos: Joey Lass

KEINE KOMMENTARE

Kommentar verfassen