Des Dämons betörender Zauber

Des Dämons betörender Zauber

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Bildstark in Szene gesetzt: Elle Fanning als Jungmodel Jesse

SLEAZE+Betörend, jung, geheimnisvoll: Elle Fannings Jesse
Betörend, jung, geheimnisvoll: Elle Fannings Jesse

Manch ein Film macht es dem Zuschauer weniger leicht als andere und wirft ihn in ein tobendes Meer an Gefühlen. Was soll ich von dem Film halten? Ähnlich erging es mir während der Pressevorführung zu Nicolas Winding Refns neustem Werk The Neon Demon, der auf dem diesjährigen Filmfestival in Cannes seine Uraufführung hatte und kontroverse Reaktionen auslöste. Damit folgt er NWRs, wie der Däne inzwischen immer häufiger bezeichnet wird, Rachefantasie Only God Forgives aus dem Jahre 2013, der sich im südfranzösischen Mittelmeerort manchen Buhrufen ausgesetzt sah. Doch der Drive-Regisseur schert sich nicht darum, einen Konsens zu finden. Auf der Pressekonferenz seiner schillernden Horrorvision der Modelwelt betonte er seine Kompromisslosigkeit auf die Frage, ob die gemischten Kritiken seinen Tag verderben würden: „Wenn ich nicht spalte, was machen wir hier? […] In der Kunst geht es nicht um gute oder schlechte Typen. Im Film als eine Kunstform geht es um eine Erfahrung. Kreativität handelt von Reaktionen und Reaktionen sind das Wesen einer Erfahrung. Das Wesen einer Erfahrung pflanzt Gedanken. Wenn du nicht reagierst, was tust du dann hier? Warum würdest du deine Zeit hier verschwenden?“ Und einige Augenblicke weiter: „Gehe im Leben oder sonstwo keine Kompromisse ein, denn das (diese Kompromisslosigkeit, Anm. d. Autors) ist es, wo du Leben spürst.“ Wumms, das hat gesessen. Und eben diese Attitüde ist es auch, die aus jeder Einstellung seines Neon Demon ein Werk ungebannter Schönheit und Unbeugsamkeit macht und mich so letztlich mit einem euphorischen Hochgefühl aus dem Kinosaal entließ.

Dabei mag man sich beispielsweise früh an der zelebrierten Holzschnittartigkeit seiner Figuren stören können. Doch löst man sich von solcherlei Eindrücken, entdeckt man hinter dieser scheinbaren Einfachheit eine geradezu urtümliche Wucht, welche die Einfachheit als Höhen antiker Motive erleuchtet. Denn die Geschichte um die junge Jesse (Elle Fanning), die nach L.A. kommt, um in der Modelwelt der Westküstenmetropole Fuß zu fassen, steckt voller mythologischer Motive: In einer grandios gefilmten Laufstegsequenz etwa findet nicht

SLEAZE+Elle Fanning und Nicolas Winding Refns betörendes Farbenspiel
Elle Fanning in Nicolas Winding Refns betörendem Farbenspiel

weniger statt als die Freisetzung des in sich selbst verliebten Narziss – der Dämon ist erwacht unter den Einflüssen eines kontrastreichen, intensiven Farbenspiels. Jesse ist es auch, die mit ihrer jovial-unschuldigen, natürlichen Schönheit die Götter dieser illusorischen, aber doch sehr präsenten Welt betört und ihre neidvollen, missgünstigen Bewohner in den Wahnsinn treibt. Es ist ein Business, das zwischen Tod und Schönheit balanciert und eines, das seine Produkte jederzeit wegwerfen und wieder hochwürgen kann. Der Regisseur verpackt all das (und manches mehr) in kraftvoll aufgeladene Bilder voller metaphorischer Bedeutung und brutaler, abstoßender Eleganz. Seine Kamerafahrten und -einstellungen gehören mit zum Energiegeladensten, was dieses Jahr bis dato zu sehen war. Er ordnet seine Figuren filmisch geschickt an und wirft sie in die Abgründe der wahnhaft auf Schönheit zentrierten Welt, der auch immer eine bedrohende Vergänglichkeit anhängt.

Wie vergänglich dieser Kosmos bzw. die in ihm Glücksuchenden sind, zeigt sich etwa, als die „Neue“ mit ihren „Kolleginnen“ durch einen Club wandelt, der bald nur noch von rotem, zuckenden Licht erhellt und verdunkelt wird. Die Menschen werden hier zu geisterhaften Schemen und können jederzeit wieder auftauchen oder verschwinden. Ohnehin ist es ein unheimliches, kaltes Universum, in dem sich seine Bewohner verkaufen. Das drückt NWR vor allem anfangs immer wieder auch durch eine Omnipräsenz an Spiegeln aus, durch die schon früh eine narzisstische Egomanie und zwischenmenschliche Distanz offenbar wird. Von symbolisch geladenen Bildern solcher Strahlkraft finden sich eine Menge. Der Film verweigert sich in diesem meditativen Bilderrausch einer abzuarbeitenden Formalität: Die Geschichte ist simpel, aber voller visueller und damit auch erzählerischer Energie. Dazu gesellt sich der pulsierende, sphärische Soundtrack Cliff Martinez‘, der zuweilen an Kompositionen Giorgio Moroders (Scarface, 1983) erinnert und sich wirkungsvoll mit den Bildern vereinigt. Für Cliff, den ehemaligen Schlagzeuger der Red Hot Chili Peppers, ist es bereits die dritte unmittelbare Zusammenarbeit mit dem Dänen, für den er bereits die nicht minder intensiven Soundtracks zum Neo-Noir-Drama Drive sowie den Rachetraum Only God Forgives kreierte. Zudem schuf er den Score zu Liv Corfixens dokumentarischem Drama My Life Directed by Nicolas Winding Refn, in dem sie als Frau des Regisseurs den Prozess der Arbeit an seinem Film Only God Forgives filmisch festhielt.

SLEAZE+Schönheitsprodukte vor paradiesischer Kulisse
Schönheitsprodukte vor paradiesischer Kulisse

Dass NWR mit Elle Fanning eine solch junge, mysteriöse und unschuldig anmutende Schauspielerin besetzte, die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten erst 16 war (wie ihre Filmfigur), kann als Coup bezeichnet werden. Sie drückt exakt den schmalen Grat zwischen naiver, fast schon idealistisch erscheinender Jugend aus und verbirgt doch ein in der Tiefe lauerndes Ungetüm, das nur auf den richten Moment wartet, um hervorzubrechen. Und so steht auch sie für die mehrschichtige, parabelhafte Erzählung eines unkonventionellen Films, der einzig dem Kredo seines Schöpfers folgt und damit eine Größe erreicht, die so viel kraftvoller ist als die strukturell-perfektionierten, glattgebügelten Werke, welche zwar zugänglicher erscheinen, aber letztlich dennoch oder gerade deshalb kaum imstande sind, ein nachwirkendes Echo zu erzeugen. Kurz gefasst: „Fuck the establishment.“ (Nicolas Winding Refn auf der Pressekonferenz in Cannes zu The Neon Demon).

Alex Warren

Titel: The Neon Demon
Regie: Nicolas Winding Refn
Laufzeit: 117 Min.
VÖ: 23.06.2016 (dt. Kinostart)
Verleih: Koch Media

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