Der WFF-Festivalbericht – volle Kraft voraus!

Der WFF-Festivalbericht – volle Kraft voraus!

Wo ein Vorbericht lauert kann ein Nachbericht nicht weit sein... Knapp drei Wochen sind nun seit dem sleazigsten Rock-am-Ring-Wochenende der noch jungen Menschheitsgeschichte vergangen. Da die Festivalenergietanks mittlerweile wieder reichlich gefüllt waren, mussten neue Livemusik-, Bierdosen- und Zeltplatzreize geschaffen werden. Die beste Adresse hierfür? Natürlich, das "With Full Force" im sachsen-anhaltischen Gräfenhainichen.

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Wir schreiben den 21. Juni 2017 und die Uhr zeigt Punkt 20:53 Uhr. Mein auf Amüsement-gebürstetes Gemüt und ich sind soeben sicher auf dem härtesten Acker Deutschlands gelandet. Auch wenn die Fahrt-bedingte Müdigkeit an meinen Lidern zog, war ich startklar für 3½ Ulktage und -nächte voller Musik, schlafloser Stunden und angetrunkener Gespräche über Gott und… mein Zelt. With Full Force – dann zeig mal, was du dieses Jahr so drauf hast!

Die Dauer der Fahrt nach Gräfenhainichen gestaltete sich mit knapp zwei Stunden als erfreulich überschaubar. Die Wartezeit im KFZ vor sowie direkt auf dem WFF-Festivalgelände glänzte daraufhin sogar mit völliger Abwesenheit, was den Gute-Laune-Pegel weiter steigen ließ. Der internationale Bergfesttag sowie die weit fortgeschrittene Stunde machten sich bemerkbar. Eine späte Anreise hat also tatsächlich positive Aspekte – gut zu wissen.

SLEAZE + WFF 2017
Der Impericon Hardbowl auf dem WFF 2017

Weniger erfreulich war dabei nur, dass sich der Großteil meines Camps zu diesem Zeitpunkt bereits in Sphären befand, in denen ein Nachzügler wie ich – mit trockener Kehle und jungfräulicher Leber – im Leben nicht hätte nachfolgen können.
Da wurde sich auf Planeten gebeamt, auf denen mit zittriger Hand der große König Ethanol IV. regierte und aller halbe Stunde ketzerische Rum- und Vodkaflaschen zur Belustigung des Volkes köpfte. Also, auf gut deutsch: Alle waren voll wie die Haubitzen!
Aber gut, da die ersten Teilnehmer aus unserer Runde den Zeltplatz bereits seit halb 12 unsicher machen, war damit zu rechnen, dass die Stimmung in den Abendstunden den Siedepunkt erreichen wird. Wie soll man die lange Zeit auf einem Metalfestival auch sonst rumbekommen, wenn nicht mit Flunkyball und WFF-Schnapsjenga?

With Full Force ist nur einmal im Jahr…

Während man selbst also noch nicht einmal einen geeigneten Platz für sein Zelt gefunden geschweige denn das selbige aufgebaut hat, sind alle bekannten Gesichter um einen herum „gut drauf“. Um sozialen Anschluss zu finden, würde in diesem Moment nur ein Flasche Captain oder einige Gläschen Absinth Abhilfe schaffen. Da sich aber gerade kein Trichter in greifbarer Nähe befand und ich dies meiner noch taufrischen Leber kurz nach der Ankunft nicht sofort antun wollte (außerdem bin ich ja zum Arbeiten hier – #sleazemichtot), wurde sich der restliche Abend mit Radler – dem Baggerfahrergetränk Nummer 1 – vergnügt.

Ein interessantes Detail bei der Fahrt auf das Campinggelände war dabei, dass die Kontrollen im Vergleich mit den letzten WFF-Jahren scheinbar etwas nachgelassen haben. Meine Wenigkeit wurde ohne weitere Frachtinspektion durchgewunken, nachdem ich die Frage Ob ich denn Glasflaschen dabei hätte kurz und knapp verneinte. Einige andere Vehikellenker aus unserem Camp hatten teilweise noch kürzere Dialoge mit den Männern und Frauen der Security.

SLEAZE + WFF 2017
So sieht die ehemalige „Tent Stage“ von innen aus.

Zurück zum Tagesgeschäft

Dann brach aber auch schon unvermittelt der Donnerstag um die Ecke. Und begonnen wurde dieser mit einem kritischen Blick auf den Wetterradar. Laut diesem näherte sich nämlich eine Gewitterfront, welche in den späten Nachmittagsstunden das WFF erreichen sollte. Gut, dann überprüfen wir noch einmal die Standhaftigkeit der Zelte und packen eine Runde Panzertape extra um die Pavillonstangen. Und bevor uns der Himmel auf den Kopf fällt, werden direkt einmal die Badestellen inspiziert. Also die eine zumindest, welche sich fünf entspannte Schlenderminuten von unserem Camp entfernt befand.

Eine von vielen Badestellen in Ferropolis

Ungeachtet des Wetters wurde nun ein Blick in die Running Order geworfen: Wolf Down, The Black Dahlia Murder, Of Mice and Men, While She Sleeps, Airbourne, Madball… Spontan würde ich diese Stange musikalische Glückseeligkeit für den ersten Tag als sportlich bezeichnen. Wir mussten aber leider lernen, das Wetterapps doch tatsächlich nicht immer perfekt die Zukunft voraussagen können.

Petrus ist ein Arschloch

Aus dem späten Nachmittag – auf den am Morgen die Gewitterfront datiert war – wurde 13:25 Uhr. Pünktlich zum Start des Festivals schob sich eine Wolkenwand über das WFF-Gelände, die es in sich hatte. Eine dicke Gewitterfront kam näher und davor, dazwischen und danach gab es heftigste Regenfälle und Windgeschwindigkeiten alá Weltuntergang. Die Veranstalter mussten reagieren und daraus resultierte eine satte fünfstündige Unterbrechung des Festivals, noch bevor die erste Band überhaupt auf der Bühne stand. Wie bei Rock am Ring gab es also auch beim diesjährigen WFF eine Unterbrechung direkt am ersten Festivaltag.

SLEAZE + WFF 2017
Leute, das sieht langsam echt nicht mehr nach Sonnenschein aus…

Am frühen Abend kam allerdings die erleichternde Nachricht: Es geht weiter. 18:30 Uhr sollten While She Sleeps den Impericon Hardbowl eröffnen. Dies gab es zumindest auf der offiziellen FB-Seite vom Festival nachzulesen. Daraus wurde nur leider nichts. Nachdem man frisch geduscht zurück zum Festivalgelände eilte standen nach kurzer Zeit die Australier Deez Nutzs auf der Bühne. Na gut, wenigstens geht die Musik überhaupt weiter. Unterhaltsamer O-Ton eines Securitys: „Im Moment verläuft gerade alles ziemlich chaotisch und keiner kann genau sagen, wie es weitergeht.“ Na geil! Full Force, das nenn ich mal einen gelungenen Start!

Und um es vorweg zu nehmen: Deez Nuts war dann auch tatsächlich die einzige Band, die ich an diesem ersten Festivaltag zu sehen bekam. Kurz darauf wurde die Absage des restlichen Musikprogramms bekanntgegeben, da sich weitere Gewitterfronten ankündigten. Der Kommentar von Geschäftsführer Roland „Bogo“ Ritter dazu: „Wir lassen uns nicht unterkriegen – jetzt geht die Party erstmal los“. So kann man den abgesagten Auftritt von Airbourne natürlich auch euphemistisch umschreiben. Also ging es mit hängenden – und leider nicht bangenden – Köpfen zurück zum Camp, in der Hoffnung, dass die nächsten zwei Tage nicht eine ähnlich unbrauchbare Abkühlung erhalten.
Und zu unser aller Freude: Das taten sie nicht!

Wolkendecke feat. Sonnenintermezzos

Freitag ging es mit dem Wetter bergauf, ebenso wie mit der Zahl der spielenden Bands. Gut, das war nicht schwer, aber trotzdem ein Grund zur Freude. Es ging auf der FeroX Stage direkt mit tschechischen Drum´n´Bass Gigolo Gore Grind aus dem Hause Spasm los. Wie gefühlvoll der Sänger mit Penismaske und einem Borat-Mankini bekleidet solch tiefgündige Hymnen wie „Paedophilic Kindergarten Party“ oder „Beautiful Human Toilet“ grunzte, war wirklich…ääh… Hauptbühnewürdig. So kann der Freitag starten.

Darauf folgten Bad Omens im Impericon Hardbowl. Von der Optik her einem Asking Alexandria-Musikvideo von vor zehn Jahren entsprungen, hatte man den Eindruck, dass die Bandplätze nach Haarlängen vergeben wurden. Die Mähnen bei den fünf Jungs aus Los Angeles waren jedenfalls beachtlich. Und auch wenn die gute Stimme des Sängers Noah Sebastian zwischenzeitlich etwas zu laut vom Band kam (nein, tatsächlich nicht von der Band, sondern VOM Band), haben sie mit ihrer Post-Hardcore-Metal-Rock-Mixtur die Menge doch ganz gut zum Toben gebracht.

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Blick auf die FeroX Stage

Daraufhin ging es kurz rüber zu Callejon, um ihre beiden größten Hits „Schwule Mädchen“ und „Schrei nach Liebe“ ordentlich abzufeiern. Hatten die eigentlich auch noch andere Songs?
Swiss + die Anderen folgten daraufhin wieder im Zelt. Da ich bisher noch nicht wirklich viel von der Punkraprockkombo aus Hamburg gehört hatte, wurde es mal Zeit, diesen Fauxpas nachzuholen. Und aus der Nähe betrachtet muss ich sagen: Dit hat sich gelohnt. Wenn ich die Musik beschreiben müsste, würde ich zwar erschreckenderweise an Namen wie Cro und den Killerpilzen nicht vorbeikommen. Aber so furchtbar sch****, wie das jetzt klingt, war es tatsächlich gar nicht. Es gab zwischenzeitlich immer mal wieder einige Gitarrensounds und Textzeilen  sowie ein paar Pogoparts, die das musikalische Gesamtwerk dann doch noch auf ganz brauchbare Füße stellten.

Zwischendurch wurden noch ein paar Antifa-Parolen skandiert und dem nigelnagelneuen Rockstroh Drums-Schlagzeug angemessen gehuldigt. Insgesamt aber eine durchaus empfehlenswerte Melange – wenn man Bock auf diese Mukke hat, versteht sich. 😉

WFF – nee, nicht das mit dem Panda…

Daraufhin kam etwas Hauptstadtwind in der Stadt aus Eisen auf, als Knorkator die Bühne betraten. Deutschlands meiste Band der Welt spulte stilsicher wie eh und je ihr schabernack- und juxgetränktes Repertoire ab. Stumpen, der Sänger des Fünfgespanns, zeigte während des Auftritts nicht nur seine beachtliche Ganzkörper-Tätowierungen, sondern vor allem auch, wie fit man mit Mitte 50 noch sein kann. Er spielte zwischenzeitlich im halben Handstand (und teilweise nur auf dem Kopf stehend) Keyboard. Ein kurzer *aawww*-Moment war bei den Berlinern dann auch noch dabei, als Herr Ivers einen kleinen Knirps (Sohnemann? Enkel? Urenkel?) mit großem Gehörschutz den Song Ich bin der Boss mit den Worten „Ich bin der Boss, halt die Fresse“ ankündigen ließ. Am Ende lautet die Devise wie üblich: Zähne putzen, pullern und ab ins Bett.

Danach ging es das erste Mal zur Big Wheel Stage, auf der Kvelertak gerade loslegten. Und wie sie das taten. Auch wenn ich nicht viel vom Gesang der fünf(!) Kehlen gehört habe, spielt das bei drei(!) Gitarren ja auch eher eine untergeordnete Rolle. Der Bassist hat außerdem den einzigen Guitar Spin aufs Parkett gelegt, den ich an den gesamten drei Tagen gesehen habe. Neben den zahlreichen Saiteninstrumenten und dem mehrstimmigen Gesang gabs es hier also noch einen weiteren USP der Norweger zu bestaunen. Damit sammelt man bei der grölenden Menge ordentlich Sympathiepunkte.

SLEAZE + WFF 2017
Kvelertak bei dem, was sie am besten können: Krawall machen!

Entdeckungstour durch die Eisenstadt

Danach wurde das neue Festivalgelände des WFF noch etwas genauer erkundet. Dabei gab es allerlei zu entdecken. Minibagger beispielsweise, mit den man im Sand schaufeln konnte. Und ein Klettergerüst, bei dem man seine Bergsteigfähigkeiten auch mit 1,8 im Turm bestens auf die Probe stellen konnte. Außerdem gab es auf dem Festivalgelände einen zusätzlichen Zugang zum See und eine lange Fressmeile, bei deren Preise man die Brieftasche ordentlich zum Heulen bringen konnte.

Bei Festivals fallen die Preise der Lebensmittel immer höher aus als in der weit entfernten Außenwelt namens „Alltag“, das ist klar. Aber dieses Jahr beim WFF war ich doch echt überrascht, was man teilweise für Summen für Viktualien verlangen kann. Von einem Döner für 6 bis hin zu einem Falafelteller für 12 €(!) war alles dabei. Da wünscht man sich gleich wieder den Lidl RockShop zurück. Insgesamt fehlten einige Nahrungsmittelaufnahmestellen, die man aus den Vorjahren gewohnt war und dadurch kam die kulinarische Abwechslung etwas unter die (Tagebaubagger)-Räder. Dafür gab es wiederum einige Buden, dessen Daseinsberechtigung sich mir im Laufe des gesamten Festivals nicht wirklich erschloss. (Stichwort: Raclettestand)

Zurück zur Musik aka Lärm

Es ging weiter mit Bands. Nachdem ich mir ein paar gebrochenen Nasen bei Nasty angeschaut hatte und dachte Als der liebe Gott die rohe Gewalt erschuf muss er Nasty gehört haben, ging es nochmal für einen Abstecher an die FeroX Stage, auf der gerade In Flames den Freitagabend zum Wackeln brachten. Und diesbezüglich habe ich jetzt, liebe WFF-Veranstalter, mal eine kurze Frage an euch: Warum können die maroden Tagebaubagger direkt neben den Bühnen meterhohe Stichflammen ausstoßen, wenn sie das dann in den Momenten, wo es wirklich angebracht wäre, nicht tun? Zum Beispiel bei dem Auftritt des Headliners am Freitagabend? Der IN FLAMES(!) heißt?? Ein weiteres Mysterium, dessen Antwort du und ich wohl nie erfahren werden, also ging es wieder zurück zum Camp, Kräfte sammeln für morgen… der letzte Festivaltag rückt näher.

SLEAZE + WFF 2017
Die Kulisse ist halt schon echt geil… 🙂

Wettertechnisch verlief der gesamte Samstag so, wie der Donnerstag begann: Sonne satt und Sonne brand. Musikalisch ging es feuchtfröhlich weiter:
Gilbert und Sven von Elsterglanz hatten mal wieder den Drang, alles kaputt(zu)schlaahn, Obey the Brave versuchten erneut den Breakdown-Weltrekord zu knacken und die Emil Bulls aus München begeisterten erfolgreich das Publikum mit ihrer Nu Metal/Crossover-Mixtur der obersten Stockwerke.

Als am Samstagabend dann Scott Vogel mit seinen Bandkollegen die FeroX Stage terrorisierte (#wortspielplatz), fragte ich mich, warum der gute Mann einen Nike-Hoodie trug. So viele Jahre Hardcore-Punk auf dem Buckel, so viele Messages und Wahrheiten, die noch verbreitet gehören und die er auf seinem Oberteil stehen haben könnte, um damit ein Zeichen zu setzen. Gegen Kapitalismus, gegen Ausgrenzung, für Zusammenhalt, Individualität und Gleichberechtigung. Und was macht er? „Hier kauft Sachen von Nike, Nike ist cool“ Der gute Birdman sollte wohl mal wieder zeitnah ein Konzert von Born from Pain oder Stick to your Guns besuchen. Hihi.
Den Abschluss der drei Tage machte meine <3-Band Architects. Und die lieferten ab. Natürlich. Wie immer. Und ich hab das erste Mal seit dem Tod von Mastermind Tom Searle den Sänger Sam Carter auf der Bühne wieder lächeln sehen. Schöne Sache.

Ein kleines Highlight gab es noch zum Abschluss: Mitten im Set der Architekten kam einer der Geschäftsführer von Impericon mit einem gutgelaunten Kumpel im Schlepptau an mir vorbei und verhalf diesem zum Crowdsurfen. Nach getaner Arbeit schlich er sich wieder grinsend aus der feiernden Menge heraus. Ja Herr Böttcher, das hab ich genau gesehen.
Mit ein paar Eindrücken der deutschen Thrash-Legenden Kreator wurde daraufhin mein achtes WFF in den letzten neun Jahren passend abgeschlossen.

Was kann ich nun also abschließend zum Umzug des härtesten Acker im Osten in die Stadt aus Eisen sagen?

Meiner Meinung nach ist die Premiere mit ~18.000 Besuchern geglückt. Für das Wetter können die Veranstalter nüscht und neben den negativen Kritikpunkten wie den teilweise sehr weiten Wegen, dem neuen Pfandchipsystem und den hohen Essenspreisen gab es vor allem deutliche Verbesserungen und Neuerungen. Allen voran die Location selbst, welche durch die riesigen Tagebaubagger wie gemacht für ein Metal- und Hardcorefestival zu sein schien. Neben der Optik glänzten die Metallkolosse außerdem als Schattenspender, falls es die Sonne mal wieder etwas zu gut mit den WFF-Festivalbesuchern meinte. Dazu kommen die zahlreichen Badestellen, die fest-installierten Toiletten auf dem Festivalgelände, die Laufwege und überschaubare Größe auf dem Festivalgelände, bei der man viel häufiger als sonst verlorene Zeltnachbarn wiederfand, die gute Organisation des Shuttleservice…

SLEAZE + WFF 2017
Bei so viel kreativer Wortspielerei gebe selbst ich mich geschlagen.

Unterm Strich, was soll ich sagen? WFF, wir sehen uns nächstes Jahr definitiv wieder! Einmal Full Force, immer Full Force, so lautet schließlich in den letzten Jahren die Devise. Oder wie man es passender zum Tagebaugebiet in Ferropolis umschreiben könnte: Eine alte Liebe rostet nicht.

Axel

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